Montag, 3. Oktober 2016

03.10.2016

Es ist der Tag der deutschen Einheit und ich lese Ankündigungen, wonach die links- und rechtsradikale Szenen Proteste und Aktionen planen, hörbar bzw. kreativ in Erscheinung treten und gegen die Flüchtlingspolitik protestieren wollen.

Es fanden und finden Anschläge auf Institutionen, Gebäude und Menschen statt, z.B. in Neubrandenburg, ein fremdenfeindlicher Hintergrund ist höchst wahrscheinlich. In Dresden war vor kurzem eine Moschee Ziel eines Bombenanschlages.

Es kommt zu Provokationen, Schlägereien und Radikalisierungen, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person gläubig ist oder nicht, Deutscher ist oder nicht. Wir haben eine erstarkende rechte Szene, die es mehr und mehr schafft, Wähler anzuziehen, und zwar nicht nur im Osten unseres Landes; Auswirken sind inzwischen in anderen Parteien zu finden, man vergleiche nur mal Aussagen der AFD und der CSU (klick).

Es gibt den erörterten Entwurf der Union und SPD zum neuen BND-Gesetz, welches trotz Proteste aus den unterschiedlichsten Quellen offenbar ohne Korrekturen zur Beschlussvorlage gebracht werden soll, was mich erheblich stört. Nein, das trifft es nicht. Es schockiert mich, dass trotz Proteste von Anwälten, Journalisten, Menschenrechtlern, Staatsrechtlern und dem Hinweis auf die Verfassungswidrigkeit unsere Regierung offenbar nicht einmal Korrekturen in Betracht zieht, sondern versuchen will, das entworfene Gesetz trotzdem durchzudrücken.

Und und und ...

Es gibt Tage, da glaube ich,  das Land nicht wieder zu erkennen, in das ich nach der Wende begonnen habe zu leben. Ich bin in der Ex-DDR, genauer in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und, wie ich nach und nach feststellen musste, behütet. Ich hatte das Glück, keinen Restriktionen ausgesetzt gewesen zu sein und ich bekam in meiner Kinderzeit kaum etwas von ihnen mit. Zur Wendezeit war ich 20 und Studentin und schon etwas informierter. Ich vermute, dass es irgendwo ein Dossier über mich gibt (ich wollte Lehrer werden - das Studium habe ich nicht beendet - und ich bezweifle, dass die Stasi angehende Lehrer mit der Möglichkeit, junge Menschen zu beeinflussen, nicht auf dem Schirm hatte). Ich bin nicht interessiert daran, mir sichere Kenntnis darüber zu verschaffen, ob es solch ein Dossier gibt oder nicht und was darin steht. Für mich persönlich stellt die Wende insofern einen Schlusspunkt dar. Dass eine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit  incl. Aufklärung zum Staatssicherheitsdienst der Ex-DDR stattfinden muss, stand und steht für mich aber trotzdem außer Frage, besonders mit Blick auf die andauernde Entwicklung in Deutschland (BND-Gesetzesentwurf, Wende, Flüchtlingsfrage, Demokratie/Diktatur).

Ich verstehe es nicht. Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass wir - im Osten dieses Landes - eine Diktatur hatten mit Repressalien, Unterdrückung und engmaschiger Überwachung, vor der Menschen geflüchtet sind.  Die nicht sehr schöne Wahrheit ist, dass über Jahrzehnte viele Menschen sich mit dem System arrangierten, ihr Leben lebten und zurecht kamen, obwohl immer wieder die Wahrheit aufblitzte, im Kleinen - die Mitschüler mit kirchlichem Hintergrund, die trotz entsprechender Leistungen kein Abi machen konnten - und im Großen wie die Fluchtversuche, die Verhaftungen, Schüsse an der Mauer, Kinder, die in Heime kamen. Wie viele sind zum Ende über Ungarn aus der DDR vor diesem Regime geflüchtet, selbst wenn sie nicht aktiv verfolgt worden waren. Dass die Bürgerbewegung bei uns zu einer "friedlichen Revolution" ohne Bürgerkrieg führte, dafür bin ich noch immer dankbar.  Aber Menschen, die insbesondere vor Krieg in ihrem Land flüchten, vor persönlicher Verfolgung und Folter, dafür, dass sie für Menschenrechte einstehen, diese Menschen werden hier angegriffen, verbal und/oder körperlich, und zwar auch und gerade im Osten unseres Landes. Ich verstehe es nicht. Unsere Vergangenheit, gerade auch die jüngere, gibt uns doch eine besondere Sicht auf die Dinge um uns herum, auf Fremdenfeindlichkeit, auf Flüchtende, auf die Überwachung durch den Staat.

Ich habe mit jemanden darüber gesprochen, dass gerade meine Zeit in der Ex-DDR und die Zeit der Erkenntnisse danach - die, was erschütternd ist, auch jetzt nach 26 Jahren noch anhält -  mich zu dem Vorsatz gebracht haben, Andersdenkende und andere Kulturen zu respektieren. Dabei will ich nicht verhehlen, dass ich immer wieder daran arbeiten und meine Einstellungen korrigieren muss und auch gnadenlos scheitere. Ich verstand und verstehe ja schon meinen gerade erwähnten Gesprächspartner nicht, der eine ähnliche Kindheit wie ich verbracht hatte und sich jetzt nach meinem Empfinden nicht mehr nur konservativ, sondern schon rechts positioniert. Aber ich fange deshalb nicht an, gewalttätig zu werden, den anderen anzupöbeln oder verbal zu beschimpfen und zu beleidigen (und nein, weder mein Gesprächspartner noch ich wurden ausfällig, wir haben das Gespräch, nachdem die unterschiedlichen Ansichten klar waren und dass wir uns gegenseitig nicht überzeugen konnten, beendet und sind auseinandergegangen). Wie gesagt,  ich verstehe nicht, warum man seinen Ansichten durch Brandanschläge, Bombenanschläge, Attacken etc. Nachdruck verleihen muss. Natürlich beschränkte ich das nicht auf die Geschehnisse in Deutschland, sondern auf sämtliche Terroranschläge weltweit. Ich bin jedes Mal entsetzt und fassungslos bei einem Terroranschlag, aber dass es so viele deutsche Radikale gibt, die in Deutschland so agieren, das finde ich gerade wegen der deutschen Vergangenheit, insbesondere auch der jüngeren (SED-Diktatur, friedliche Revolution), besonders schlimm.

Es gibt Tage, da glaube ich,  das Land, das sich nach der Wende gebildet hat, nicht mehr zu erkennen. An  denen ich mich frage, ob ich mit einem Angriff auf eine öffentliche Einrichtung rechnen muss, der von radikalisierten Personen - unabhängig von Religion und Staatsangehörigkeit -verübt wird. Es gibt Tage, an denen ich  mich frage, was ein Entgegenkommender denkt. Ob er befürchtet, ich sei eine Frau, die ihn ablehnt und angreifen wird, weil er anders aussieht als ich.

Aber an den meisten Tagen des Jahres, nein an allen Tagen des Jahres, sehe ich im Osten, Süden, Westen und Norden dieses Landes  immer auch Menschen, die freundlich und offen sind, die Position gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechts beziehen, die Hilfe anbieten und leisten, die unterstützen, die auch schon mal hitzig diskutieren, aber nicht beleidigen oder anderweitig gewalttätig werden, die Gemeinschaften bilden - übergreifend und und mit von allen in Deutschland Lebenden, egal woher sie einmal kamen, für und mit Deutschen und Nicht-Deutschen  -. Ich wünsche und hoffe, dass wir auf diese Weise weiter aktiv sind, dass wir nicht Gefahr laufen, uns mit einem System zu arrangieren, welches diktatorisch und menschenfeindlich werden kann, und in welchem wir Wahrheiten verdrängen.

Kommentare:

  1. Uff, da hast du ganz schön viel in einen Beitrag gepackt.

    Es gibt viele Dinge, für die ich sogar sowas wie Verständnis aufbringen kann, obwohl sie mir persönlich sehr fern sind. Angst ist z.B. etwas, das ich nachvollziehen kann, ebenso dass Ängsten den Blick auf die Realität und auf die wahre Größe einer "Bedrohung" verzerren kann. Extremismus oder gar Terrorismus sind hingegen Sachen, die ich in keiner Weise nachvollziehen kann.

    Es macht mir Angst, dass es Menschen gibt, die sich so in etwas verrannt haben, dass Terrorismus für sie ein akzeptables Mittel ist, noch erschreckender finde ich es, dass es Menschen gibt, die diese Personen zu ihrem eigenen Nutzen aufstacheln und beeinflussen wollen.

    Mein Trost ist, dass es nur ein kleiner - wenn auch gerade erschreckend präsenter - Teil der Menschen ist, der so extrem denkt und handelt. Umso wichtiger ist es, diejenigen zu unterstützen (und sei es nur durch die Stimmabgabe bei den nächsten Wahlen), die sich von Vernunft, Mitgefühl und Gemeinschaftsgefühl leiten lassen.

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    1. Ich kann die Angst auch nachvollziehen, Winterkatze, auch, dass die Dinge, die einem Angst machen, größer und größer werden können in der eigenen Vorstellung. Auf die eine oder andere Weise hat das vermutlich auch jeder von uns schon einmal erlebt, vielleicht nicht so extrem wie manch andere , aber in grundsätzlicher Form. Und ich gebe Dir recht, diese Angst kann verletzlich machen und diese Verletzlichkeit kann wiederum ausgenutzt werden werden durch manipulative Extremisten und Hetzer. Ich befürchte, dass es diese Menschen immer geben wird, man muss also an der anderen Seite ansetzen und die Angriffsfläche für diese Menschen entfernen. Ich wünschte, wir wären schon so weit.

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  2. Toller Artikel! Du sprichst mir aus der Seele. Dieser ganze Hass und Fanatismus in vielen Köpfen macht mir Angst.

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    1. Mir auch, Kathrin. Aber wenn ich dann hier vor Ort z.B. sehe, wie Kinder mit Flüchtlingskindern umgehen und sie einbeziehen, macht das wieder Mut und gibt Hoffnung.

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