Samstag, 30. Juli 2016

"Der Schimmelreiter" von Theodor Storm

Erstmals musste ich mich mit der Novelle "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm in der Schule beschäftigen und ich kann nicht sagen, dass ich damals mit Begeisterung bei der Sache war. Schullektüre kann schon mal diesen Effekt haben. ;) Ich habe vor Jahren einen neuerlichen Anlauf unternommen, die Novelle zu lesen: Ein Erzähler berichtet dort von der Lektüre eines Heftes; in diesem steht ein Bericht über die Erlebnisse eines Anderen während eines Abends/einer Nacht in Nordfriesland incl. dem Hören einer Geschichte vom Schicksal des früheren Deichgrafen Hauke Haien, auch Schimmelreiter genannt. Ich bin damals gescheitert; ich kam erst gar nicht bis zur Binnenerzählung um Hauke Haien.

Dann habe ich mir dieses Jahr die audible-Hörbuchversion angeschafft und mir die Geschichte von Uve Teschner vorlesen lassen. Die Geschichte wird in (antiquiertem) Hochdeutsch erzählt, unterbrochen von einigen plattdeutschen Zeilen. Dieses Platt klang zwar nicht ganz richtig in meinen Ohren (was vielleicht nur daran liegt, dass ich das vorpommerische Platt in meiner Kindheit gehört habe und nicht das nordfriesische), im Übrigen brachte mir Uve Teschner durch seine Lesung die Geschichte jedoch (endlich) nahe.

Letzteres bedeutet aber nicht, dass mir Hauke Haien als Mensch insgesamt sympathisch wurde (sein Verhalten als Jugendlicher gegenüber Tieren und Trien Jans), obwohl es diese Momente gab (im Wesentlichen im Zusammenhang mit seiner Frau und seinem Kind). Aber Sympathie ist ja auch nicht notwendig. Hauke Haien ist mit seinen Fehlern und Fehlentscheidungen in jungen und späteren Jahren, seinem liebevollen Umgang mit Frau und Kind, seinem Bestreben, den Deich neu zu gestalten - für mich geboren aus einer Mischung aus dem Wunsch, Land und Leute zu sichern, gepaart mit Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis - und seinem daraus resultierenden Verhalten gegenüber den Menschen vor Ort, seiner Sturheit und Frustration, seiner Aufgeklärtheit einerseits und dem Glauben andererseits, ein faszinierender vielschichtiger Charakter.

Natürlich lerne ich den Schimmelreiter nur durch mehrere Filter kennen:
- über den Haukes Geschichte erzählenden Schulmeister,
- den über dieses Gespräch Schreibenden (der selbst Fakt von Legende trennen will)
 - und den sich an die geschriebene Geschichte erinnernden erzählenden Leser.
- Theodor Storm als weitere Ebene kommt ebenso noch hinzu
- wie mein eigener aktuell-subjektiver Filter.
Das Ergebnis ist, wenn man es als Novellenleser will, eine potentiell wachsende Erzählung: Neben den Interpretationsfragen könnte man darüber nachdenken, wie wohl z.B. der aktuelle Deichgraf Haukes Geschichte erzählt hätte und wie seine Wirtschafterin. Wie aufgeklärt ist der erzählende Schreiber wirklich angesichts seines Erlebnisses auf dem Deich? Hat der erzählende Leser eigentlich aus einem bestimmten Anlass - und wem? - berichtet und warum gibt es auf dieser Erzählebene keinen Schluss? Fragen über Fragen. ;)

Hauke Haien fühlt sich für mich, trotz der zeitlichen und erzählerischen Distanz, echt an; ich mochte auch Elke in ihrer ruhigen-standfesten und loyalen Art und auch z.B. Trien Jans, Ole Peters  wirken für mich in dem Setting natürlich und wahr. Allerdings brauchte ich offenbar Uve Teschners Hilfe als Hörbuch-Sprecher: Ohne die Hörbuchumsetzung hätte es wohl weiterhin für mich eine Sperre gegeben, sei es durch die Sprache, sei es durch die verschachtelte Erzählweise.

Die Novelle ist übrigens z.B. als kostenlose kindle-Datei bei Amazon zu finden, vermutlich auch als epub bei Thalia o.ä. Bei Gutenberg findet man neben dem Text (klick) übrigens auch eine Audio-Version (klick) kostenfrei.

Kommentare:

  1. Ich mochte den Schimmelreiter tatsächlich schon in der Schule, muss ich mal wieder lesen! (wie so vieles...)

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    1. Seufz, Wiederlesen, da sagst Du was Anette. Ich nehme mir ja jedes Jahr vor, einige Bücher wieder zu lesen, z.B. Owen Meany oder Stein und Flöte oder Die Frau mit den Regenhänden. Und während ich es schaffe, zumindest Jane Austen immer wieder zu lesen, fällt mir das bei den anderen Titeln deutlich schwerer. Für mich ist eine Möglichkeit, die Bücher als Hörbuch wieder zu entdecken, weil ich diese zu anderen Zeiten konsumiere. ;)

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    2. Das ist auch meine Strategie! Im moment höre ich gerade die Harry Potters gelesen von Stephen Fry, grandios! Mal gucken, ob die Rad der Zeit-Reihe auch als Hörbuch verfügbar ist, die wollte ich auch immer mal wieder lesen.

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    3. @Anette: Ich liebe die von Stephen Fry gelesenen Harry-Potter-Bücher auch sehr und war wirklich sehr sehr glücklich, als es sie so günstig bei Audible gab! :)

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  2. Ich muss zugeben, dass ich den Schimmelreiter nie gelesen habe. Als ich in der neunten Klasse die Schule wechselte, hatten die anderen das Buch gerade erst gelesen, so dass ich noch den Ausflug zu einer Ausstellung mit Malereien, die von der Geschichte inspiriert worden waren, mitbekam. Aber der Text an sich hat mich nie genug gereizt, um das Verpasste nachzuholen. So bleibt es für mich wohl noch eine Weile eine der Geschichten, bei denen man zwar grob den Inhalt kennt, sie aber nie selber gelesen hat.

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    1. So geht es mir ja mit "Die Buddenbrooks". Es war Schullektüre und ich habe den Roman begonnen - aber ihn nie beendet, weil ich einfach nicht hineinkam in den Stil. Ich wusste in der Schulzeit ungefähr worum es geht dank diverser Schulfreundinnen (und hatte Glück, dass das damals auch in der Schule zum Durchschummeln reichte) bzw. die grobe Richtung heute. Der Roman reizt mich auch heute nicht wirklich, um ihn zu lesen, zu hören oder eine Verfilmung zu schauen. ;)

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    2. Immerhin hast du die Buddenbrooks mal begonnen - soweit bin ich weder mit dem Schimmelreiter noch mit den Buddenbrooks gekommen. ;)

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