Freitag, 13. November 2015

"Jeden Tag den Tod vor Augen: Polizisten erzählen", Herausgeber Volker Uhl

Das ebook ist mir letztens bei den Neuzugängen der Woche bei Skoobe aufgefallen. Mit Polizeibeamten hatte ich privat bislang - dankenswerterweise - nur gelegentlich direkt zu tun: eine Fahrzeugkontrolle hier, eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Pkw-Beschädigung im Zusammenhang mit der Kaskoregulierung da. Beruflich gibt es einen direkten Kontakt auch nicht so häufig. Ab und an telefoniere ich mit Beamten, um ein Aktenzeichen oder die weiter ermittelnde Behörde zu erfragen.  Einmal musste ich sie ins Büro rufen, da ein Besucher sich passiv weigerte, aufzustehen und das Büro zu verlassen und wir Hilfe brauchten;  die beiden Beamten sprachen mit ihm und es dauerte dann immer noch eine Viertelstunde, bevor er zum Weggang überzeugt werden konnte; es war ein - im ursprünglichen Wortsinne - merkwürdiges Ereignis.

Indirekt komme ich mehr mit ihrer Arbeit in Kontakt, hauptsächlich wenn wir Einsicht in Ermittlungsakten nehmen. Ich sehe Aufnahmen von Unfallorten, Protokolle, Ermittlungsergebnisse in den Akten. Was in den Beamten vor sich geht, wenn sie zu einem Einsatz gerufen werden, die Protokolle fertigen und nach Ende der Ermittlungen in ihnen vorgeht, das sehe ich dort nicht. Das gilt sowohl für Akten über Unfallaufnahmen mit Blechschaden als auch für Akten, in denen es um einen Vorfall mit Todesfolge geht.

"Jeden Tag den Tod vor Augen" vereint eine Sammlung von Texten von Polizisten, die thematisch um den Tod kreisen, den tatsächlichen oder den drohenden. Dieses Buch - wie derzeit drei andere - sind Print-Ausflüsse der Internet-Plattform "Polizei-Poeten" (klick). Der Herausgeber des Buches Volker Uhl ist offenbar auch Gründer dieses Plattform, die es sich zum Ziel gemacht hat, allen Beschäftigten bei der Polizei die Möglichkeit zu geben, einen realistischen Einblick in den Polizeialltag zu gewähren und insbesondere über ihre Erlebnisse und Empfindungen in diesem zu schreiben.

Es sind authentische Texte, die sich im Buch "Jeden Tag den Tod vor Augen" befinden, und so fühlen sie sich auch an. Wer Ausführungen zu technischen Einzelheiten und Abläufen in Gebieten der Kriminaltechnik erwartet, ist hier falsch. Wer - reale - Krimikurzgeschichten mit einem Spannungsbogen erwartet, ist hier ebenso falsch. Auch wenn der eine Beamte über seine Teilnahme an einer Obduktion erzählt und der andere von einer Razzia berichtet, sind dieses Dinge nur der Rahmen für das, worum es in diesen Texten jeweils geht: Die Empfindungen der Polizistinnen und Polizisten vor, während und nach Einsätzen, die sie mit dem Tod konfrontieren. Die Texte haben spürbar kein Ende, selbst wenn sie einen Abschluss offerieren wie in "Gerichtsmedizin", in welcher der Autor darlegt, weshalb er weiterhin in der Todesermittlung arbeitet oder wie in "Ausgehaucht", in der es um den natürlichen Lauf der Dinge geht. Denn ebenso wie in dem Text "Fast daheim", die zwar den wesentlichen Teil von den aggressiven Typen handelt aber auch von den Bahnreisenden im Übrigen,  oder wie in "Angst ist eine einsame Insel", die von Angst und ihren Folgen handelt, bewirkt die - hier auch wiederholte - Konfrontation mit dem Tod emotionale, seelische und soziale Folgen. Dass der Tod das als natürliche Folge eintritt, ändert daran ebenso wenig wie die Möglichkeit psychologischer Betreuung nach Einsätzen oder, dass man als Neuling behutsam und mit Empathie in offenkundige Einsätze mit Todesfall eingeführt wird (was, wie die Texte zeigen, nicht die Regel ist).

Polizeimitarbeiter/innen werden nicht selten beschimpft oder beleidigt und der Gedanke, dass der Polizeibeamte ja nur die Verkehrserziehung oder eine Geschwindigkeitsmessung macht und einen lockeren Tag hat, schleicht sich vielleicht auch in dieser oder ähnlicher Form ein. Das Buch erinnert daran, dass Polizeimitarbeiter/innen grundsätzlich mit der Gefahr leben müssen, umzukommen, weil es ihr Beruf ist, uns zu schützen und/oder die Ordnung herzustellen und/oder aufrechtzuerhalten. Auch der lockere Tag bei der Verkehrserziehung/Geschwindigkeitsmessung oder die einfache Situation mit dem passiven Besucher in einem Büro, der nicht gehen will, kann sofort in eine gefährliche Situation umschlagen, weil vielleicht ein Rennen gefahren wird und jemand die Kontrolle über das Auto verliert oder weil der Besucher unerkannt bereits in einer Psychose kurz vor einem Schub steckt und ein Messer hat. Und das Buch zeigt an persönlichen Beispielen, wie die Polizeimitarbeiter/innen versuchen, mit dieser Gefahr und dem Tod zu leben.

ps
Das vorliegende ebook wurde vom Verlag Skoobe GmbH München herausgegeben und ich vermute, dass die ebook-Version derzeit nur bei Skoobe geliehen und nicht käuflich erworben werden kann.

Kommentare:

  1. Ein Exfreund von mir war Polizist und erzählte regelmäßig von seinen Erlebnissen (am Münchner Hauptbahnhof) und die Narben eines im Dienst erlebten Autounfalls wird er sein Leben lang mit sich tragen. Damals kam er nur knapp mit dem Leben davon, als der Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene über Kreuzung fuhr und ein anderer Autofahrer ohne zu bremsen auf seiner Seite einschlug.

    Auf der anderen Seite kenne ich durch ihn auch eine Menge Geschichten, die von den Tagen oder Gewohnheiten erzählen, in denen Polizisten ihren Dienst dann nicht ganz so ernst nehmen oder in gewisser Weise auch ihre Position ausnutzen. Es ist auf jeden Fall kein normaler Beruf ...

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    1. Oh, da hatte Dein Exfreund wohl einen Schutzengel! Und ich sehe das auch so, ein normaler Beruf ist es wohl nicht - und er rangiert von entspannt bis lebensgefährlich, Ermessensspielraum bis Anweisungsbefolgung...

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