Donnerstag, 8. Oktober 2015

"Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" von Sabine Bode

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, bin ich auf "Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" von Sabine Bode bei Anette aufmerksam geworden.

Sabine Bode beschäftigt sich in diesem Buch, dass erstmals 2004 erschien, mit der Generation von Kriegskindern, also Kindern, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. In ihrer Einleitung lässt sie Revue passieren, welchen Recherche-Problemen sie 2004 begegnete, da - auch politisch - damals kein Interesse an der Erforschung und Aufarbeitung von deutschen Kriegskinder-Traumata bestand. Die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit und des Holocaust ist und war richtigerweise und natürlich vorrangiges Thema. Wer jedoch deutsche Kriegskinder als Opfer in Betracht zog, geriet und gerät in den Verdacht, eine Schuldaufrechnung vornehmen zu wollen. Das ist gesellschaftlich und politisch gesehen auch noch immer ein sensibles Thema, wie auch das vorliegende Buch zeigt: Dort wird - zumindest wirkt es auf mich so - als überraschend und daher beachtenswert angeführt, dass die Erkenntnisse der (ebenfalls im Buch angesprochenen) Täter-Opfer-Forschung auch Gegenstand der Überlegungen des jüdisch-stämmigen Holocaust-Forschers Micha Brumlik sind.

Eine Schuldaufrechnung ist deutlich erkennbar auch nicht Intention der Autorin. Ihr geht es darum, dass man weitere Opfer nicht länger übersieht - weder seitens der Gesellschaft noch in der Eigenwahrnehmung des Opfers selbst. Sabine Bode  - und hier gibt es im Grunde schon mein Fazit - öffnet die Augen bzw. bringt mit diesem Buch stärker ins Bewusstsein, was eigentlich offensichtlich ist, aber in Bezug auf deutsche Kriegskinder des 2. Weltkrieges  - ob nun hier geboren, von hier oder hierher vertrieben, hier geblieben oder ausgewandert - häufig negiert, verdrängt oder - wie wie auch von mir - nicht wirklich bewusst verknüpft wird: Dass im Krieg geborene und/oder aufwachsende Kinder leiden, unabhängig, um welchen Krieg es sich handelt oder auf welcher Seite sie sich befinden. Dass dies Traumata verursacht und Leben beeinflusst, oft nicht nur das eigene, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld und auch dasjenige der nachfolgenden Generation(en). Wenn aber öffentlich noch heute Zurückhaltung besteht, dies zu thematisieren, wie schwierig ist es für die Kriegskinder, zu erkennen, dass auch sie Opfer des zweiten Weltkrieges sind und dass ihre damaligen Erlebnisse fortwirken können.

Die Autorin geht auf verschiedene Aspekte dieses Themas ein. Sie lässt Betroffene zu Wort kommen, wirft einen Blick in die Forschung, beschäftigt sich mit Aussagen und Ansichten z.B. Psychologen, auch im Lichte der Entwicklung. Ein erschreckendes Kapitel widmet sie der propagierten Erziehung in der Nazi-Zeit, erschreckend besonders deshalb, weil diese Ansichten -reduziert um Ideologie auch weitere Jahre verbreitet wurden und ganz eigene Folgen für die nächste/n Generation/en haben und weil mir nicht klar bzw. bekannt ist, inwieweit diese Empfehlungen nicht nur im damaligen West-, sondern auch Ostdeutschland befolgt wurden.

Es hat mich erstaunt, wie - stilistisch gesehen - leicht lesbar das Buch ist, was ich bei diesem Thema so nicht erwartet hatte. Zudem anderen bringt die Autorin auf rund 300 Seiten eine erstaunliche Fülle an Informationen und Denkanstößen unter. Dadurch gibt sie der Generation von Kriegskindern selbst eine Stimme, versorgt diese aber auch gleich mit dem Wissen und der Bestätigung, dass es völlig in Ordnung und gesund ist, die kindlichen Erlebnisse zu formulieren, zu erforschen, Trauerarbeit zu beginnen, Traumata aufzuarbeiten. Daneben ist das Buch für die nachfolgende(n) Generation(en) ebenso interessant wie wichtig, selbst wenn es in der Familie keine Kriegskinder gibt.

Wie ebenfalls in diesem Blog schon an derer Stelle erwähnt, passen z.B. meine Eltern nicht in die Generation, um die es in diesem Buch vorrangig geht: Meine Mutter ist 1929 geboren, mein Vater 1924; beide stammen aus dem heutigen Polen. Mein Vater wurde mit 17 oder 18 Soldat und musste an die russische Front, später kam er dort in Gefangenschaft. Er suchte nach dem Krieg über das DRK seine aus Westpommern weggezogene Familie; meine Mutter floh vor der anrückenden russischen Armee. Für mich ist es heute für Fragen zu spät und deshalb tat es auch weh, diesen Satz im Buch zu lesen

"Interessant ist, dass selbst in den betroffenen Familien detailliertes Wissen über das, was Eltern und Großeltern widerfahren war, vielfach zurückgehalten wurde."

Ich könnte nicht sagen, dass die Kriegserlebnisse meiner Eltern meine Erziehung wesentlich beeinflusst haben, was aber nicht so viel bedeutet: Ich bin ein Nachzügler, erst 1969 geboren, zudem in der DDR groß geworden (der Blick auf die Geschichte war ideologisch gefärbt) und nach meiner Erinnerung hat mich eher meine 19 Jahre ältere Schwester erzogen, während meine Eltern beide gearbeitet haben. Unabhängig davon habe ich die Chance, mit meinen Eltern zu reden vertan - oder mit meiner Schwester über ihre Kinderzeit Anfang der 1950er Jahre. Daran kann ich nichts mehr ändern und nach der Lektüre dieses Buches bedauere ich das noch mehr. Denn neben dem Schweigen der Älteren verhindert auch solche Zurückhaltung der Jüngeren die Chance auf - nicht nur - innerfamiliäre Gespräche.

Es ist klar, dass Vorstehendes nicht auf jeden Einzelnen der Kriegskinder-Generation und der vorhergehenden bzw.  nachfolgenden Generation zutrifft. Wie die Autorin in ihrer Einleitung ausführt, gibt es Unsichtbare, die sich auf Veröffentlichungen, auch in Funk und Fernsehen, nicht gemeldet haben. Auch Betroffene, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR leben, kommen mangels Rückmeldung bzw. Rechercheschwierigkeiten der Autorin im vorliegenden Band kaum zu Wort und ich kann mir vorstellen, dass das Feld noch weiter zu fassen ist. Ich hoffe, dass die aktuelle Ausgabe dieses Buches hieran etwas ändern und Augen weiter öffnen wird.

Kommentare:

  1. Sehr gute Rezension! Danke für die Erwähnung! :-) Ich werde mir irgendwann auch noch den Folgeband über Kriegsenkel vornehmen.

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    1. Vielen Dank, Anette, gern geschehen und danke, dass Du auf das Buch aufmerksam gemacht hast. :) Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch der Nachfolgeband interessant ist.

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  2. Jetzt bin ich nur umso neugieriger auf das Buch. Danke für die ausführliche Rezension! Ich finde es spannend, dass schon eure Rezensionen bei mir ganz viele Überlegungen auslösen. :)

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  3. Toll, sowas suche ich schon lange!! Ich finde aber auch den Blick auf die nachfolgenden Generationen wichtig, die oft Dinge noch stellvertretend von den Kriegskindern übernommen haben.

    DANKE für die Vorstellung!

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    1. Wie aus Anettes Kommentar schon erkennbar, gibt es noch weitere Bücher von Frau Bode, Jed. Das eine behandelt die Generation der Kriegsenkelkinder von rund 1950 - 1970 und ein weiteres, in dem es offenbar um Geborene zwischen 1945 bis 1960 geht.

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