Samstag, 12. September 2015

"The Arrival" von Shaun Tan - und Migration

"The Arrival" ist ein Bilderbuch;  es gibt keine Sprechblasen, keinen begleitenden Text. Die Geschichte wird ausschließlich in monochromen Bildern erzählt, die von Shaun Tan - wie ich glaube -  alle mit Bleistift auf Papier gezeichnet sind. Ist es deshalb ein Kinderbuch? "The Arrival" ist eine Geschichte in Bildern, eine Graphic Novel, eine Erzählung, die Kinder ab einem gewissen Alter nachvollziehen können, auch wenn ihnen manche Details vielleicht entgehen, die dem erwachsenen Leser auffallen.

Ein namenlosen Mann verlässt seine Frau und kleine Tochter. Er fällt ihm sichtlich schwer, zu gehen. Aber ihr Leben, das Leben aller, wird erdrückt und bedroht; die Straßen überschattet ein Ungetüm mit dornenbesetzten Tentakeln. Vielleicht steht es für eine freiheitsberaubende Diktatur, die dabei ist, sämtliche Bereiche des Lebens zu kontrollieren und einzuschränken. Zu diesem Zeitpunkt jedoch kann der Mann - noch - legal ausreisen,  aber was die Zukunft in diesem Land für ihn und seine Familien bringen mag, ist ungewiss. Der Mann ist nicht der einzige, der mit Zug und Schiff seine Heimat verlässt und ankommt in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht spricht, dessen Schrift er nicht lesen kann, dessen Gepflogenheiten und Leben er nicht kennt und in dem er versuchen will, Fuß zu fassen und seine Familie nachzuholen. Verwirrt versucht er, aus einem Stadtplan schlau zu werden, als ihm eine junge Frau hilft. Sie ist vor Unterdrückung in ihrem Heimatland hierher geflohen, wie sie ihm schildert. Und diese Begegnung und diese Geschichte werden nicht die letzten für den Mann sein.

Das wie ein großformatiges Fotoalbum erscheinende Buch kommt hervorragend ohne Worte aus. Feine Details erwecken die Charaktere zum Leben: zwei ineinandergeschobene Hände, das Tätscheln des Haustieres, ein sorgenvoller Blick, die Illustration eines Traums, das Herauszoomen aus einer Wohnung.

Shaun Tans Zeichnungen variieren von großflächigen Momentaufnahmen über kleinere Panels bis hin zu Seiten, die viele kleinformatige Einzelbilder zeigen.So findet sich ein großformatiges Bild eines Schiffes auf See, dann folgt eine Doppelseite mit jeweils 30 kleinformatigen Wolkenbildern. Vielleicht hat der Künstler mit ihnen in die Wolke der Vorseite gezoomt oder sie zeigen die Veränderungen des Himmels während der Reise. Mich verblüffte die Wahl dieses Layouts, welches den Blick in jedes einzelne Bild lenkt, das im Grunde kaum etwas zeigt. Falls dies vom Künstler gewollt war, hat er es bei mir erreicht: Ich wurde "verlangsamt": Ich musste mir Zeit nehmen, auch die kleineren Bilder mit wenig Details zu betrachten, und verspürte zugleich Ungeduld, denn ich wollte wie der "Reisende" weiter- und ankommen. Ich war bei ihm und dies sollte sich im Verlauf der Geschichte noch  mehrfach wiederholen, denn mit seinen Augen sah ich unbekannte phantasievolle Kreaturen, verziert-verschlungene Architektur,  Transportmittel und Zeichen, die auch für mich keinen Sinn ergaben. Hier (klick) findet ihr ein paar Zeichnungen aus dem Buch.

Mich hat die Geschichte sehr berührt und zugleich traurig gemacht. Traurig deshalb, weil ich heute in der Realität schon so weit bin,  selbst bei der fiktionalen Geschichte die ganze Zeit damit zu rechnen, dass dem Reisenden Steine in den Weg gelegt werden, gewiss bei der Ausreise, sicher wird die Überfahrt katastrophal sein, bestimmt kommt er gar nicht erst über eine Auffangstation o.ä. hinaus und falls doch, dann wird er bestimmt alsbald zurückgeschickt, weil keine tödliche Gefahr in seiner Heimat besteht und er vielleicht nichts hat, was den Behörden im Ankunftsstaat "wertvoll" (Ausbildung z.B.) erscheint. Es ist mir egal, dass ich spoilere, wenn ich sage, dass sich meine Befürchtungen in der Geschichte so nicht realisierten. Wenn auch die Immigration des namenlosen Mannes in "The Arrival" nicht ohne Schwierigkeiten verläuft, wird ihm doch geholfen, seine Würde bleibt intakt und wenn sich der Kreis am Ende des Buches schließt, ist das sehr befriedigend.

Meine Mutter stammt aus einer kleinen Stadt des ehemaligen Ostpreußens, mein Vater aus einem Ort im ehemaligen Westpommern, heute liegen beide Orte in der Republik Polen. Sie sind beide wegen des 2. Weltkrieges im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gelandet, meine Mutter als Kriegsflüchtling, mein Vater nach der Kriegsgefangenschaft auf der Suche nach seinen Verwandten. Beide mussten ihre Heimat, ihre Bekannten, Freunde zurücklassen, teils mit ansehen, wie ihnen Gewalt angetan wurde. Meine Eltern konnten bleiben und sich eine neue Heimat schaffen. Heute lebe ich im vereinten Deutschland und leider nicht zum ersten Mal kommt es zu Übergriffen und Ausschreitungen in unserem Land. Was die Vorfälle auf dem Gebiet der ehemaligen DDR angeht, so sollten die Ex-DDR-Bürger, die sich verbal oder tätlich an Übergriffen beteiligen, mal darüber nachdenken, dass es in 1989 auch ganz anders hätte zugehen können mit weiteren Eskalationen, Gegenwehr, Niederschlagung, Verfolgung und Restriktionen und sonst welchen Maßnahmen, die vielleicht sogar zu Interventionen aus Ost und West mit der DDR in der Mitte hätten führen können; es ist durchaus vorstellbar, dass sie oder ihre Eltern dann geflohen wären...

Menschen sind schon immer über Landstriche oder Ländergrenzen hinweg migriert und werden es weiter tun, sei es wegen An- oder Abwerbung, sei es es aus Fernweh oder Heimweh, sei es der Liebe wegen, dem Entdecken von Familienwurzeln etc. Oder sei es unfreiwillig, weil sie ausgewiesen oder deportiert wurden oder weil die Lebensbedingungen so furchtbar und lebensbedrohlich sind. Es ist das Mindeste, Menschen mit Respekt und Mitgefühl zu begegnen, erst recht, wenn sie verletzt, schutzlos, hilfebedürftig sind. Ich bin sehr froh, dass es weltweit so viele Menschen gibt, die dies tun, spenden und anderweitig Hilfe leisten (z.B. so in Deutschland, klick).

Kommentare:

  1. "Menschen sind schon immer über Landstriche oder Ländergrenzen hinweg migriert und werden es weiter tun, sei es wegen An- oder Abwerbung, sei es es aus Fernweh oder Heimweh, sei es der Liebe wegen, dem Entdecken von Familienwurzeln etc. Oder sei es unfreiwillig, weil sie ausgewiesen oder deportiert wurden oder weil die Lebensbedingungen so furchtbar und lebensbedrohlich sind. Es ist das Mindeste, Menschen mit Respekt und Mitgefühl zu begegnen, erst recht, wenn sie verletzt, schutzlos, hilfebedürftig sind."

    Ja.

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    1. Oh, und die von dir verlinkten Zeichnungen gefallen mir sehr, sehr gut. Magst du mir das Buch irgendwann leihen?

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    2. Natürlich leihe ich Dir das Buch, Winterkatze. Ich stelle es beiseite. ;)

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  2. Die Zeichnungen sehen wirklich toll aus.
    Und was du zum Thema Auswanderung schreibst, kann ich so nur unterschreiben.

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    1. Ich habe einen kleinen Narren an seinen "Haustieren" in der neuen Welt gefresssen, Neyasha. :)

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  3. Oh, die Zeichnungen sind ja wirklich wunderschön! Ich hab es normalerweise nicht so mit Graphic Novels & co., aber das gefällt mir! Ist ja auch ein topaktuelles Thema. Hast du sehr schön geschrieben!

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  4. Was für schöne Zeichnungen! Ganz wunderbar und das sage ich nicht schnell.

    Was deine anderen Ausführungen angeht, so kann ich diese nur ganz fett bejahen. Menschen lassen sich nur in einem sehr geringen Maß von Grenzen halten...

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