Mittwoch, 22. Juli 2015

"Worte, die man mir nicht sagte" von Véronique Poulain

Als ich letztens mit einer Freundin frühstücken war, sind wir im Anschluss - nicht wirklich überraschend - noch in die örtliche Buchhandlung gegangen. Dort lag auch das Buch "Worte, die man mir nicht sagte" von Véronique Poulin, in das ich wegen Zeitmangels aber nur sehr kurz hineingeschaut hatte. Es interessierte mich grundsätzlich, aber ich war nicht gewillt, es für einen Preis von 14,90 EUR mitzunehmen, dazu nachstehend mehr. Zu Beginn der letzten Woche war ich aber bei medimops unterwegs und sah es dort gebraucht und deutlich günstiger. Da ich sowieso noch einen Artikel bis zum freien Postversand benötigte, kam es mit.

Mit Ausnahme von gelegentlichen Aufeinandertreffen mit Gehörlosen hier im Café, wobei aber mangels Kenntnis der Gebärdensprache bei mir kein Gespräch stattfindet - kenne ich keine Gehörlosen. Ich habe zwar vor Jahren "Jenseits der Stille" gesehen, aber einen Film zu sehen und persönlichen Kontakt zu haben, ist ja nun doch etwas anderes. Von dem Buch "Worte, die man mir nicht sagte" erwartete ich einen weiteren, einen privaten Einblick, geht es doch ebenfalls um ein hörendes Kind gehörloser Eltern.

Diese privaten Einblicke bekam ich auch - in Form tagebuchartiger Darstellung von Momentaufnahmen, die auch kurz die Großeltern umfassten und im Wesentlich das Verhältnis Autorin/Eltern beschreiben. Sie berichtet von  den erwarteten Schwierigkeiten der Kommunikation (sie kann nicht nebenbei etwas anderes tun) und dem von ihr erlebten Gefühlschaos, dass von Liebe und Fürsorge über Frustration bis zur Scham changiert. Letzteres fand ich weder überraschend noch im Hinblick auf ihre Familie besonders, ging es mir als hörendes Kind gegenüber meinen hörenden Eltern durchaus ebenfalls so. Aber mir wurden Dinge ins Bewusstsein gebracht, über die ich bislang nicht nachgedacht hatte, z.B. wie Gehörlose etwas von einem - bekannten - Dritten erzählen. Es ist unpraktisch, ständig dessen Rufnamen in der Gebärdensprache zu benutzen, da er buchstabiert werden müsste. Vielmehr hat dieser Dritte einen bekannten "Spitznamen", der leicht darstellbar ist, Sarkozy wird z.B. von "Spitzohr" genannt. Meine Logik sagt mir, dass diese Spitznamen von Familie zu Familie bzw. Gemeinschaft zu Gemeinschaft variieren. ;)

Die Autorin erklärt auch, dass es in der Sprache ihrer Eltern keine Metapher, keine Redewendungen etc. gäbe.  Dies kann ich nur schwer glauben, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass die Gebärdensprache zwangsläufig sehr direkt und eindeutig sein muss. Zum einen gibt es ja offensichtlich Spitznamen/Kennzeichen für bekannte Dritte, was ja auch eine Abstraktion darstellt, die ohne übereinstimmende Basiskenntnis nicht zu entschlüsseln wäre. Vielleicht habe ich auch deshalb Probleme zu glauben, dass es keine "Zwischentöne" gibt, weil ich immer auch das geschriebene Wort einbeziehe. Die Eltern der Autorin können lesen und schreiben; ich stelle mir einfach vor, dass ihnen sind Metapher wie "Sternstunde" auch aus Berichterstattungen bekannt oder ihnen Redewendungen vertraut sind, sie also z.B. mit "eine Nadel im Heuhaufen suchen" etwas anfangen können. Auf der anderen Seite dürfte diese Redewendung in der Gebärdensprache wohl kaum darstellbar sein (was ich nicht weiß).

Das Buch umfasst 147 Seiten mit tagebuchartigen Einblicken und weitere fünf Seiten für ein Kurzinterview mit der Autorin. Manche Einträge bzw. Anekdoten gehen über mehrere Seiten, aber die meisten sind ein- bzw. zweiseitig. Die Sprache ist eingängig und nicht fordernd, weshalb ich das Buch sehr schnell durchgelesen hatte (ohne auf die Uhr zu schauen waren es vielleicht - mit Ablenkungen - zwei Stunden). Den Neupreis von 14,90 EUR hätte ich für diesen Buch nicht ausgeben wollen (und habe ich ja auch nicht); möglicherweise wäre ich geneigter gewesen, dieses Geld auszugeben, wenn neben dem großzügigen Textlayout  z.B. das Fingeralphabet aufgenommen und/oder die von der Autorin im Text beschriebenen Gebärden illustriert worden wären. So empfand ich das Neupreis-Leistungs-Verhältnis etwas unausgewogen.

Für mich war das Buch trotz seiner, hm, Überschaubarkeit noch relativ interessant, vielleicht, weil es ewig her ist, dass ich "Jenseits der Stille" gesehen habe und weil ich den Film "Verstehen Sie die Béliers" (Trailer: klick) nicht kenne. Letzteres sollte ich wohl nachholen, wenn ich mir den Clip so ansehe. Die Autorin erklärt übrigens im Interview, dass sich der Drehbuchautor von ihrer Situation hat inspirieren lassen. Wer die Filme kennt oder tiefer in der Materie steckt, könnte allerdings etwas enttäuscht von diesem Titel sein.

Kommentare:

  1. Ich habe vor ungefähr 20 Jahren mal einen Kurs für Gebärdensprache besucht - muss aber zugeben, dass davon inzwischen nichts mehr hängengeblieben ist nicht einmal meinen Namen kann ich noch buchstabieren, obwohl ich die einzelnen Buchstaben recht lange noch geübt hatte. Auf jeden Fall fand ich es damals spannend, dass die Gebärdensprache nicht nur von Land zu Land (was mir bewusst war) variiert, sondern es auch innerhalb eines Landes diverse "Dialekte" gibt. Aber eben auch genügend Gemeinsamkeiten, dass man sich im Prinzip international ganz gut verständigen kann. Und wenn ich nach dem damals gelernten Basiswissen gehe, dann gibt es in der Gebärdensprache selber wirklich relativ wenig "Zwischentöne", eben auch weil die Sätze sehr einfach zusammengesetzt werden - aber das wird dann über die Mimik und Gestik ergänzt.

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    1. Es ist so schade, nicht wahr, dass man Zeit und Engagement investiert, um eine Sprache zu lernen und sie dann nicht "spricht". Ich habe so lange Russisch-Unterricht gehabt und kann mich auch noch mit Namen vorstellen, aber ich so viel verlernt, seufz ...

      Gebärdensprache - wenn denn Gelegenheit bestand, sie zu erlernen - ist trotz all ihrer "Dialekte" eine international-verständliche Sprache. Das finde ich klasse.

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    2. Sehr schade! Ich habe anfangs noch mit meiner Mitbewohnerin geübt, die den gleichen Kurs belegt hatte, aber nachdem wir mit dem Studium fertig waren hatte sich das auch erledigt ...

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  2. Ich fand das Buch unglaublich spannend, weil soviele Details drin waren, auf die jemand wie ich, die so gut wie keine Erfahrung mit Gehörlosen hat, nie im Leben gekommen wäre. Dass Gehörlose sehr direkt seien sollen, was auch mit der Gebärdensprache zusammenhängen soll, habe ich auch schon von anderer Seite gehört. Vermutlich ist es das, was die Autorin meint, wenn sie sagt, es gibt keine Metaphern. Metaphern sind zu umständlich, stattdessen sagt man direkt, was man meint.

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    1. @TiliaSalix
      Meine Unkenntnis machte sich ja dadurch deutlich, dass ich erst nach Überlegung darauf kam, dass ich das geschriebene Wort automatisch einbeziehe und entsprechende Kenntnis durch Taube vorausgesetzt habe. Wenn man sich auf das gesprochene Wort konzentriert, dann wirst Du mit Deiner Einschätzung recht haben. Vermutlich ist es in der Gebärdensprache viel zu kompliziert und zu langwierig, von einer Nadel im Heuhaufen zu reden statt zu sagen, dass etwas schwierig ist. :)

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