Sonntag, 12. Juli 2015

"Täuschend echt! Eine Geschichte der Kunstfälschung" von Henry Keazor

Habt Ihr schon einmal von Giovanni Bastianini, Otto Wacker, Han van Meegeren gehört? Oder von Beltracchi? Mir war der letzte Name bekannt und ich wusste auch, dass er ein Kunstfälscher war, aber ich habe seinen Prozess in 2011 nicht mitbekommen. Ehrlich gesagt, habe ich den Namen erst im letzten Jahr aufgeschnappt. Beastianini, Otto Wacker, van Meegeren waren ebenfalls Künstler des 19. bzw. 20. Jahrhunderts, die Fälschungen direkt oder indirekt erschufen. In "Täuschend echt! Eine Geschichte der Kunstfälschung" zeigt der Autor, der Professor für Neuere und Neueste (welch Steigerung!) Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg ist, anhand von Fallbeispielen u.a., dass Kunstfälschung eine lange Tradition hat.

In der  - mit über 30 Seiten durchaus umfangreichen -  Einleitung erläutert der Autor z.B. Begrifflichkeiten wie Fake, Hoax und Foax, die schwierigen Abgrenzung von z.B. Stilaneignung, Nachempfindung und Fälschung, und geht auf mögliche Intentionen von Kunstfälschern und die Wahrnehmung - bzw. Trennung - von Künstler und Kunstmarkt ein.

In den weiteren Teilen des Buches widmet sich Henry Keazor dann der "falschen Antike", dem "falschen deutschen Mittelalter", der "gefälschten Renaissance", dem Barock, dem "gefälschten 19. Jahrhundert", dem 20. Jahrhundert  und schlussendlich auch Wolfgang Beltracci. Literaturverzeichnis und Namenregister schließen sich an. Der Autor konzentriert sich dabei auf Beispiele: So geht es an einer Stelle um Michelangelo, der als Fälscher in Betracht kommt bzw. der von anderen gefälscht wird. Im Kapitel "Falsches deutsches Mittelalter" wird ein intensiverer Blick auf Lothar Molskat geworfen, der bei der Restaurationen von Gemälden in Kirchen fälschte.  Die Fälschungen im 19. Jahrhundert werden am Beispiel von van Goghs Bildern erläutert und bei den Kunstfälschern aus dem 20. Jahrhundert richtet Henry Keazor sein Augenmerk z.B. auf Han van Meegeren als Fälscher Vermeers.

Keazor geht dabei auch auf biographische Details der Personen ein, wie ihre "Entdeckung" erfolgte und ihre Arbeit danach wahrgenommen wurde. Immer wieder kommt der Autor zudem darauf zurück, wie z.B. in Autobiographien der Kunstfälscher sich selbst darstellt/e und er präsentiert die Frage danach, wie Kunstobjekte im Allgemeinen und insbesondere die von Fälschern nach deren Entlarvung wahrgenommen werden. Auch hier wurde mir bewusster, wie verschwommen die Grenzen sind und auch vom Kunstfälscher oder einem Händler bewusst oder unbewusst verwischt werden. Dabei stellt sich die Frage auch, wie wir - ob nun Laien oder Fachleute - den Wert eines Kunstobjektes einschätzen.  Ob nun ein verstorbener Künstler nun wertgeschätzt wird (oder in Mode kommt) und der Bedarf an "Material" durch Kunstfälscher gedeckt wird, oder ob ein Künstler nach Studium von Technik und Material ein Vermeer-artiges Bild erschafft: Haben die geschaffenen Werke einen Wert als eigene Kreationen des Künstlers? Und inwieweit ist es eine Eigenkreation, wenn der Künstler für sein Bild verschiedene Sujets des anderen Künstlers als Inspiration nimmt und sie zusammensetzt? Ich wurde in diesem Zusammenhang auch an den Buchmarkt erinnert, der von Autoren und Verlegern trendgemäß bedient wird, seien es nun Massen an "weichgespülten" Vampire-Romanen, Romane mit Mythologieanklang oder Dystopien,  Dan-Brown-artige Thriller - oder FanFiction.

Ich fand es auch faszinierend zu lesen, wie Kunstfälscher Fachleute manipulieren (wird u.a. an den Fälschungen von  Michelangelos Werken aufgezeigt) oder dass "gute" Fälscher sich zum Teil offenbar intensiver mit der Kunstgeschichte befassen als Fachleute.

In der Gesamtschau empfand ich den Titel als eine spannende Reise durch die Geschichte der Kunstfälschung, was auch für die recht detaillierte Auseinandersetzung mit Orson Wells Film "F for Fake" gilt. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch für Interessierte mit Vorkenntnisse nicht so reizvoll ist, weil es vermutlich für diese nicht wirklich viel Neues beinhaltet oder zu wenig ins Detail (was die Auswahl der Personen und Objekte betrifft) geht. Für mich, die ich mich erstmals mit diesem Thema näher beschäftige, liefert der Autor mit diesem Buch jedoch die erwartete Übersicht. Sprachlich fand ich das Buch sehr gut lesbar; es ist allerdings nicht im Plauderton à la "Am Beispiel der Gabel" geschrieben. Gerne hätte ich noch ein paar mehr Abbildungen zu den besprochenen Werken/von den genannten Künstlern gesehen. Allerdings kann dieser "Mangel" natürlich lizenzrechtliche und kostenmäßige Hintergründe haben - und es gibt ja immer noch die weiterführende Literatur - und das Internet. ;)

Kommentare:

  1. Ich glaube, das Buch müssen wir auf die "langfristig mal leihen"-Liste setzen. Ich fand den Fall Beltracchi sehr spannend und finde es überhaupt faszinierend, was alles so möglich ist bei der Kunstfälschung. Eigentlich fängt meine Neugier schon früher an, wenn es darum geht herauszufinden wie weit ein Bild von einem bekannten Meister und welche Stellen vielleicht von seinen Schülern ausgearbeitet wurden. Allerdings habe ich mich da bislang nie aktiv um Informationen bemüht, sondern nur gesammelt, was mir so untergekommen ist. ;)

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    1. Ich habe es mal auf die Liste gesetzt, Winterkatze. Keazor geht ganz kurz auch auf die veränderten Verhältnisse ein, wonach früher ein Werk ein Original des "Meisters" war, wenn es das Siegel seiner Werkstatt trug, selbst wenn es teilweise von dessen Schülern ausgeführt wurde. Der Kunde wusste dies und konnte die Beteiligung des Meisters durch den Preis "steuern". Heute gilt das Objekt nur als Original, wenn es auch von dem Künstler allein ausgeführt wurde. Allerdings findet man den Werkstattgedanken wohl wieder, z.B. bei Werbeagenturen ...

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  2. Das klingt interessant. Ich war in Wien mal im Fälschermuseum, das ich auch total spannend fand. Besonders fasziniert hat mich, dass manche Fälschungen sogar mittlerweile sehr wertvoll sind. Bei van Meegeren klingelts auch noch bei mir - die anderen Namen sind mir nur äußerst vage bekannt. Es ist aber auch schon eine gefühlte Ewigkeit her, seit ich in dem Museum war. Wär vielleicht wieder mal nett.

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  3. Ui, das ist mal ein Gebiet, auf dem ich mich gar nicht auskenne!

    Die Steigerung finde ich übrigens auch eher seltsam. Was machen die in ein paar Jahren - gibt es dann auch Professuren für "Allerneueste" Kunstgeschichte?

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  4. Hihi, die genannte Steigerung ist mir vollkommen geläufig, schließlich habe ich im Nebenfach "Neuere und Neueste Geschichte" studiert. Du siehst, das ist gar nicht so besonders. ;-)

    Das Buch klingt sehr spannend, aber weil ich gerade meinen eigenen Sachbuch-SuB durchforstet habe, weiß ich, dass in meinem Regal noch viel zu viele Bücher warten und kann daher der Versuchung widerstehen, um eine Leihgabe zu bitten. ;-)

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  5. @all
    Sorry, dass ich jetzt erst antworte, es war hier etwas hektisch die letzte Zeit. :)

    @Neyasha
    In solch ein Fälschermuseum würde ich auch gern mal gehen. Vielleicht komme ich ja irgenwann mal nach Wien.

    @Hermia
    Ich habe auch darüber nachgedacht, ob es dann "allerneueste" heißt. :D

    @Ariana
    Falls Du Deine Meinung zur Leihgabe irgendwann ändern solltest, gib Bescheid. ;)

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  6. "Neuere und Neuste Kunstgeschichte". Da frage ich mich doch, was als nächstes kommt, die allerneuste Kunstgeschichte? Wohl eher die zukünftige Kunstgeschichte. ;)

    Das Buch an sich scheint mir spannend, aber 30 Seiten Einleitung klingen ein wenig abschreckend. Wird es mit den vorgestellten Unterscheidungen nicht etwas kompliziert oder verwirrend?

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    1. Nein, das geht eigentlich mit den Unterscheidungen, A.Disia. In der Einleitung wird die Basis bereitet und bereits bereits deutlich (worauf der Autor dann später wieder eingeht), dass die Grenzen durchaus verschwimmen. Einen Teil der Einleitung macht ein archäologischer Beispielsfall aus - ob dies nun so notwendig gewesen wäre, weiß ich auch nicht. ;)

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