Mittwoch, 22. April 2015

"Der Spiegel im Spiegel" von Michael Ende

Erstaunlich, aber wahr: Neben "Die unendliche Geschichte" und "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" habe ich mit "Der Spiegel im Spiegel" tatsächlich erst den dritten Titel von Michael Ende gelesen bzw. gehört.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich die beiden Audiobücher "Der erste Buchstabe" und "Das gefundene Wort" entdeckt habe, mit denen die im Buch "Der Spiegel im Spiegel" von Michael Ende enthaltenen Geschichten als Hörspiele umgesetzt wurden. Auf jeden Fall empfinde ich den Kauf der beiden Audiobücher als eine sehr gute Entscheidung - und ebenso den Nachkauf des Buches. Letzteres enthält 30 Geschichten, manche kürzer als die anderen. Diese Geschichten wurden sämtlich, allerdings nicht in der im Buch gedruckten Reihenfolge, bearbeitet und aufgeteilt in zwei "Staffeln", nämlich "Der erste Buchstabe" und "Das gefundene Wort", veröffentlicht.

Noch während ich die erste Staffel hörte, entschloss ich mich, das Buch nachzukaufen. Ich war von den gehörten Geschichten fasziniert und wollte den Ursprungstext sehen und die Zeichnungen, die Michael Endes Phantasie offenbar angeregt hatten. Ich kann nicht sagen, dass die Zeichnungen auf mich eine auch nur annähernd ähnliche Wirkung gehabt hätten; ich habe die Bilder nur betrachtet, ohne "mehr" zu sehen.  Zu mir "sprechen" die Bilder nicht weiter, aber Endes Texte berühren mich auf mehreren Ebenen, die ich nur schwer in Worte fassen kann.

Es ist interessant, dass die Geschichten sowohl in ihrer Reihenfolge im Buch "funktionieren" als auch losgelöst von dieser. Als ich zum Schluss das Buch las, sah ich eine lockere Verbindung der einen Geschichte mit der nächsten; manchmal war es ein Wort, manchmal eine Assoziation (ich will damit aber nicht sagen, dass jeweils nur die aufeinanderfolgenden Texte eine Verbindung hatten; letzteres wäre falsch). Wenn ich den Traumbegriff bemühen will, würde ich fast sagen: Das Lesen des Buches hatte für mich etwas mehr von einem leicht geführten Traum, während beim Hören mehr das Sprunghafte von Träumen betont wurde. In beiden Versionen nahm ich aber unbewusst Verbindungen und Zusammenhänge wahr, auch wenn es etwas dauerte, bis sie sich für mich offenbarten - oder scheinbar offenbarten. Ich glaube nämlich, dass das, was ich wahrzunehmen vermeine, sich von den Wahrnehmungen anderer Leser/Hörer teilweise oder ganz unterscheiden wird, mal abgesehen davon, dass ich sicher noch viele Bilder und Metapher nicht oder nicht in Gänze wahrgenommen habe (was ich nicht als schlecht empfinde, im Gegenteil). In den Geschichten ist so viel Platz für den Leser, dass dieser individuelle "Entdeckungen" machen und sich inspirieren lassen kann. Hier zeigt sich ein Nachteil der Hörspielumsetzung, auch wenn ich als sehr gelungen ansehe: Aufgrund ihrer Natur (Textbearbeitung, Vertonung, Casting, Lesart etc.) liefert sie bereits eine Basis und "beeinflusst" so die Wahrnehmung der Geschichten.

Michael Ende spielt mit Worten und erschafft mit ihnen Welten. Im Grunde reflektiert und philosophiert und kreiert nicht nur er ein Universum (oder ist es ein Multiversum?), sondern auch ich als Leser/Hörer, weil ich z.B. den Feuerwehrmann in der Bahnhofskathedralengeschichte mit einem großartigen Fest einer anderen Geschichte in Verbindung setze, obwohl weder der Mann noch die Kathedrale in der letztgenannten Geschichte erwähnt werden. Und das ist nur eine Art, in der ich involviert bin.

Ich weiß nicht recht, wie ich mehr zu den Texten sagen kann, ohne einem Hörer/Leser die Chance zu nehmen, sie - soweit in der Hörspielfassung möglich ;) - unbefangen kennenzulernen und Endes Traumwelt selbst zu erleben. Wer neugierig ist, findet in der Wikipedia zum Buch "Der Spiegel im Spiegel" durchaus  Einträge zu einigen Geschichten, allerdings wird manchmal schon eine Interpretation angeboten. Ich will noch so viel sagen:

Viele Geschichten sind surreal, dunkel, beunruhigend, ob es nun um einen Richter geht oder um den Weg des Bräutigams zu seiner Braut. Sie sind fantasievoll, traumhaft und magisch - ob es um unerwartete Musik geht oder eine auf eine Tafel gezeichnete Bühne oder um ein Kind, welches sich in einem unbewohnten Land unter schwarzem Himmel aufhält. Manchmal wird eine Geschichte in anderer Form aufgegriffen, dann wieder das Thema - oder eine Reflexion desselben.

Was die Audioumsetzung angeht, so zeichnet sich diese durch namhafte Darsteller und Erzähler aus, zu denen u.a. Mario Adorf, Andreas Fröhlich, Jens Wawrczeck, Oliver Rohrbeck, Joachim Kerzel, Annelie Krügel, Gunter Gabriel, Nicole Heesters, Carlo v. Tiedemann, etc. gehören. Was mich an der Audioumsetzung faszinierte, war die Kreativität, mit der die - teilweise übrigens abgeänderten - Texte präsentiert wurden. Es gab Mehrstimmigkeit, es gab Gesang, der Ton und insbesondere die Musik bildeten einen sehr stimmigen Hintergrund für die engagierten Sprecher. Zwar gefiel mir nicht jeder Sprecher an jeder Stelle (z.B. war mir der Seiltänzer bei seinem Zusammentreffen mit dem Seemann etwas sehr überdreht, obwohl ich den Sprecher schätze), aber das ist eine rein subjektive Wahrnehmung. An dem großartigen Gesamteindruck, sowohl zum Text als auch zur Audioumsetzung, ändert das nichts.

Kommentare:

  1. Das klingt wunderbar - das Buch ist ohnehin auf meiner Wunschliste, die Hörspiele sind dank dir dazugekommen (nachdem mir die "Unendliche Geschichte" als Hörspiel schon so gut gefallen hat).
    Bisher kenne ich nämlich auch nur Michael Endes Kinderbücher - Momo, die Unendliche Geschichte natürlich, den Wunschpunsch, aber auch die beiden Jim Knopf-Bücher, die ich als Kind wirklich gern möchte :-)

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    1. Das Hörspiel zur unendlichen Geschichte kenne ich nicht, Kiya, nur die von Hörbuchversion von Gert Heidenreich, die mir gut gefallen hat (ich habe nur die Wiedergabegeschwindigkeit ein klitzekleines Bisschen erhöht).

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  2. Ich muss dieses Buch endlich mal wieder lesen. Vor Jahren bin ich darüber mal ganz zufällig in der Bücherei gestolpert und war auch sehr fasziniert davon. An die Zeichnungen kann ich mich allerdings gar nicht mehr erinnern.

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    1. Ach Gott, ich zerstreuter Mensch ... ich habe damals ja gar nicht "Der Spiegel im Spiegel" gelesen (kein Wunder also, dass ich mich nicht an Zeichnungen erinnern kann), sondern "Das Gefängnis der Freiheit". Auch sehr empfehlenswert übrigens!

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    2. Ich hatte gerade die Medimops-Bestellung aufgegeben, als ich Deinen zweiten Kommentar las, Neyasha, sonst wäre "Das Gefängnis der Freiheit" bei dieser Gelegenheit wohl von mir mitbestellt worden. ;)

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  3. Huh? Ich musste erst mal nachgucken, ob es dieses Buch überhaupt gibt... dabei bin sonst ein ziemlich großer Fan von Michael Ende... allerdings habe ich hauptsächlich die ganzen Kinder- und Jugendbücher verschlungen... danke für den Tipp, das muss ich mir wirklich merken! :-)

    lg Mulan

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    1. Ja, doch, das Buch gibt es, Mulan. :D Ich habe aber auch den Eindruck, dass "Der Spiegel im Spiegel" nicht sehr bekannt ist, was, wie ich vermute, auch für das von Neyasha erwähnte Buch "Das Gefängnis der Freiheit" gilt.

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    2. Egal wie, ich muss mir das Buch auf jeden Fall merken...

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  4. Das klingt nach sehr faszinierenden Geschichten, die noch lange im Leser (Hörer) nachklingen. :)

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    1. In mir auf jeden Fall, Winterkatze. Ich habe die beiden Hörspiele und das Buch übrigens schon mal zur Seite gestellt ... ;)

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    2. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das zur Zeit etwas für mich ist. Mein Kopf ist eh so voll, dass ich mich gerade mal auf "Fast Food"-Geschichten einlassen mag. Aber reinschauen/reinhören schadet auf jeden Fall nicht. :)

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    3. Soll ich die Sachen vielleicht erst mal nur auf die WZS-Liste setzen, Winterkatze?

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  5. Ich liebe Michael Ende! Hast du "Momo" gelesen? Wenn nicht, kann ich das nur empfehlen! Der Mann konnte einfach schreiben. Das Buch hier habe ich noch nicht gelesen, aber das landet nun direkt in meinem Warenkorb, danke für den Tipp!

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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  6. Nein, Nazurka, "Momo" habe ich noch nicht gelesen, aber das Buch ist bei meiner letzten Medimops-Bestellung enthalten gewesen und heute auch angekommen (zusammen mit Endes "Zettelkasten"). Jetzt bedarf es nur noch Zeit und Lust und Laune, zum Lesen. ;)

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  7. Das klingt nach einem schönen Buch. Vor allem, weil ich Michael Ende als Kind so gerne gelesen habe :) Wobei ich wohl eher zum Buch als zum Hörbuch greifen werde. Damit ich die Geschichte komplett unverändert auf mich wirken lassen kann ;)

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    1. Ich würde sehr gern erfahren, A.Disia, wie Du die Geschichten wahrnimmst. Vielleicht gibt es dazu ja dann etwas auf Deinem Blog. ;)

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