Dienstag, 10. Februar 2015

"The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness" by Mark Rowlands

Es ist schon einige Zeit her, dass ich von Mark Rowlands "Der Leinwandphilosoph" gelesen habe. Dort nahm sich der Autor verschiedene Science-Fiction-Filme vor und stellte dazu philosophische Thesen auf, z.B. "Hollow Man" und die Frage, ob man überhaupt moralisch sein sollte. Ich fand das Buch damals unterhaltsam und originell. Irgendwann sah ich, dass Mark Rowlands ein Buch über Zusammenleben mit einem Wolf geschrieben hatte und so landete der Titel vor einiger Zeit auf meinem ebook-reader.

Eine Warnung vorweg:
Ich gehe nachfolgend auf meine Probleme mit dem Buchinhalt (z.b. Grundlage der Ausführungen des Autors) und auch mit dem Autor ein, und zwar durchaus konkret. Wer das Buch erstmals "unbelastet" selbst lesen möchte, der sollte vielleicht an dieser Stelle mit der Lektüre dieses Beitrages aufhören.

Okay?

Dann los:

Ich hatte mir den Klappentext von "The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness" by Mark Rowlands nicht genau durchgelesen, weshalb mich der Ankauf des Wolfswelpen durch den Autor, nun ja, überraschte.

Mark Rowlands hatte eine Anzeige gelesen, in der angegeben war "96prozent", was bedeutet, dass keine reinrassigen (100%) Wölfe zum Verkauf standen. Als der Autor beim "Züchter" stand, wurde ihm aber schnell klar - was zudem auch die Züchterinformationen vor Ort über die Elterntiere vermittelten -, dass es sehr wohl um reinrassige Wölfe ging. Der Züchter hatte ein Wolfspaar "mitgebracht" und jetzt zu Hause das, was ich mir unter einem kleinen Wolfsrudel vorstelle: Ein Elternpaar mit einem Wurf Junge. Der Autor kaufte eine Wolfswelpe und nannte ihn Brenin. Dieser Kauf war schon damals illegal und Mark Rowlands offenbar auch bewusst; so lese ich seine Schilderung jedenfalls. Hierzu passt auch, dass der Autor Brenin später immer als Wolfshybriden oder Mamalut (z.B. in Irland) ausgab. Selbst wenn er "offziell" nicht wusste, dass der Kauf verboten war, so wird ihm eine entsprechend hohe Wahrscheinlichkeit sicher vor Augen gestanden haben.

Ganz ehrlich: Dieser Kauf hat das Buch und seine Inhalte für mich stark überlagert. Bei dem Buch "Meine Wildkatzen" von Frau Heide-Marie Fahrenholz war das für mich nicht der Fall, denn in der damaligen Zeit war der Ankauf von Wildkatzen (leider) nicht verboten - und die Autorin hat sich intensiv um diese Tiere gekümmert, Fremdtiere aufgenommen und nie ein Hehl daraus gemacht, um was für Tiere es ging. Hier aber kauft ein Mann (okay, zwar noch jung, aber immerhin lehrte er bereits an einer Uni) einen reinrassigen Wolfswelpen (wobei ich davon ausgehe, dass er von dem Kaufverbot zu diesem Zeitpunkt wusste), nimmt ihn mit nach Hause, gibt ihn später immer als Nicht-Wolf aus, nimmt ihn z.B. mit in Vorlesungen und gibt den Hinweis an die Studenten aus, dass der Wolf nicht beachtet werden soll, er ungefährlich ist und man Nahrungsmittel bitte sicher verpacken möge. Rowlands erwähnt in seinem Buch, er habe lange für das Verarbeiten der "Lektionen" und Gedanken und ihrer Formulierungen für das Buches gebraucht, fast 15 Jahre. Ich tue dem Autor möglicherweise Unrecht, aber ich bin trotzdem nicht in der Lage, in diesem Zusammenhang das Wort Verjährung aus meinen Hinterkopf zu bekommen. Vermutlich würde ich nicht so auf diesen Umständen herumreiten, wenn Rowlands eine Wolfswelpe im Rahmen einer Organisation zur Rettung von Wölfen von illegalen Händlern oder ähnlich zu sich genommen hätte. Oder wenn er in dem Buch davon berichtet hätte, dass er den "Züchter" angezeigt hat. Oder wenn er sich auf irgendeine Weise um Brenings Wurfsgeschwister gekümmert hätte (wenigstens in dem Sinne, dass er weiß, welches Schicksal sie hatten). Oder wenn er auch über die anderen von Brenins Nachkommen, die aus einer ungeplanten Begnung mit einer Schäferhündin entstanden sind, im Buch verlautbart hätte und nicht nur über das eine Tier, dass er zu sich nahm. Nun, der Autor erwähnt zumindest, dass er sich mehr als eine Wolfswelpe nicht leisten konnte, dass die Halter der Schäferhündin finanziell von dem Wurf profitierten und dass er sich nicht überwinden konnte, Brenin zu kastrieren. ...

Es ist wahrlich nicht so, dass ich die Faszination des Autors für Wölfe im Allgemeinen und Brenin im Besonderen nicht nachvollziehen könnte. Es hat einen Grund, weshalb ich dieses Buch gekauft habe (keine Ahnung, ob ich das auch getan hätte, wenn mir zu diesem Zeitpunkt der Wolfskauf bewusst gewesen wäre). Wenn ich in einem Wildgehege Wölfe sehe - was selten genug ist, weil sie so in Bewegung sind - oder in Dokumentationen, bin ich total fasziniert. Ähnlich wie bei Wildkatzen würde ich ihnen am liebsten sehr nahe kommen und sie beobachten. Rowlands "nutzt" seine Gelegenheit: Er nimmt den Wolf mit nach Hause, bringt ihm Grundkommandos bei, gewöhnt ihn an die Leine, nimmt ihn - mit wenigen Ausnahmen - im Grunde überall mit hin. Die Bindung und Beziehung zwischen ihm und dem Wolf funktioniert. Rowlands Zuneigung zu Brenin ist durch das ganze Buch hindurch deutlich spürbar, sie steht für mich außer Frage. Und natürlich hat es mich auch fasziniert, berührt und bewegt, was Rowlands über sein und Brenins Leben erzählt, unabhängig davon, wie Brenin zum Autor gekommen ist.

Gut elf Jahre lebt Brenin bei dem Autor und diese gemeinsame Zeit inspirierte den Autor, dieses Buch zu mit mit philosophischen Fragen und Überlegungen zu schreiben. Dabei geht es u.a. darum, was "Glück" ist, ob und welcher Art "Verträge" Menschen mit sich oder auch mit der sie umgehenden Natur schließen (sollten), was es mit dem Sinn oder Wert des eigenen Lebens auf sich hat und welche Art von Liebe man empfindet. Seine Überlegungen und Schlussfolgerungen dazu fand ich grundsätzlich interessant zu lesen. Rowlands bringt seine Gedankengänge mit Beispielen versehen und recht verständlich zu Papier; es ist Sache des Lesers, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Allerdings ging mir dazu u.a. Folgendes durch den Kopf:

Rowlands erklärt, dass der Wolf Brenin ihm Lektionen erteilt ha t("Lessons from the Wild") und das will ich weder bestreiten noch abwerten. Allerdings war Brenin zwar ein reinrassiger Wolf und auch noch wild. Aber zwischen Brenin und einem im Rudel (oder allein) in der für ihn natürlichen Umgebung (sprich: Wildnis) lebenden Wolf besteht mehr als ein Unterschied. Brenin kam als Welpe zum Autor und hat eine besondere Bindung zu diesem Menschen aufgebaut; er war an menschliche Gesellschaft (nicht nur des Autors) gewöhnt, er lebte im Haus (nicht in einem - weitläufigen - Gehege) und gehorchte gewissen Regeln. Deswegen denke ich, dass man ausgehend von Brenin nicht ohne Weiteres Rückschlüsse auf das Verhalten des Wolfes im Allgemeinen, also in seiner natürlichen Lebensart  - denn so lesen sich Rowlands Ausführungen für mich in diesem Buch - ziehen kann. Dagegen basisert das, was Rowlands vergleichsweise über das Verhalten von Menschenaffen schreibt, auf deren Leben in zumindest natürlicherer Umgebung als derjenigen, in welcher Brenin (bei ihm) lebt. Ich habe dem Buch nicht entnehmen können, dass Rowlands Wölfe in ihrer natürlichen - oder zumindest in einer dieser stärker ähnelnden - Umgebung beobachtet und dann Vergleiche mit Brenin gezogen hat.

Ein anderer Punkt ist, dass Rowlands einige Fragen im Zusammenhang mit dem Wolf nach meinem Empfinden zwar vordergründig benennt - z.B. dass es eine legitime Frage sei, wie er den Kauf des Wolfes rechtfertige -, um eine wirkliche Antwort aber herumschreibt. Eine rationale Rechtfertigung gibt es vermutlich auch nicht, auch wenn der Autor anführt, dass ein wildlebendes Tier halt alle Möglichkeiten nutzt, die ihm zur Verfügung stehen. Er führt hier als Beispiel einen Fuchs an, der in einer Ferienanlage Futter sucht und findet; der Fuchs nutzt halt diese Möglichkeit, Brenin hätte die ihm gegebenen genutzt. Diese Überlebensstrategie will ich grundsätzlich auch nicht bestreiten. Nur: Der Fuchs war ein wildes Tier in seiner natürlichen Umgebung, selbst wenn zu dieser die Ferienanlage gehörte (ich denke da z.B. auch an Wildtiere in Städten). Der Fuchs (und seine Eltern) wurden vermutlich nicht von Menschen "aufgenommen" und vorrangig der Umwelt "Ferienanlage" ausgesetzt mit täglichen Ausflügen in einen Wald oder Park, nachdem die Fuchswelpe ein paar Grundregeln im Zusammenleben mit Menschen gelernt und eine Bindung zu den Menschen aufgebaut hatte. Nach meinem Dafürhalten werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. 

Wie schon erwähnt, hat nicht nur die Art und Weise, wie Rowlands zu Brenin gekommen ist, das Buch für mich "überschattet", auch wenn ich die philosophischen Überlegungen (mit Vorbehalt, siehe vorstehend) anregend und die Berichte über das Zusammenleben von Mark Rowlands und Brenin interessant fand. Ich hatte leider zudem das Gefühl, dass Mark Rowlands es vermeidet, auf einige wie ich finde wichtige Punkte (Kauf Brenin u. Handel mit Wölfen, Brenins Wurfgeschwister bzw. seine Nachkommen) in Bezug auf seine Motive und sein - ggf. auch unterlassendes - Verhalten konkreter einzugehen. Das finde ich schade, gerade auch vor dem Hintergrund, dass sich der Autor im vorliegenden und in anderen Büchern u.a. mit Moral und Tierethik befasst.

Kommentare:

  1. Autsch, das sind Kritikpunkte, die mir auch das Lesevergnügen nehmen würden. Und ich denke auch, dass man von einem Wolf, der bei einem Menschen aufgewachsen ist, nicht wirklich Rückschlüsse auf das natürliche Verhalten eines wilden Wolfes ziehen kann.

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  2. Ja, das sehe ich auch so wie Neyasha. Und in vielem stimme ich mit deinen Vorbehalten überein. insofern kommt das Buch für mich wohl nicht infrage.

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  3. "Er nimmt den Wolf mit nach Hause, bringt ihm Grundkommandos bei, gewöhnt ihn an die Leine, nimmt ihn - mit wenigen Ausnahmen - im Grunde überall mit hin."

    Er hat also den Wolf wie einen Hund behandelt und will dann aus dessen Verhalten auf wölfisches Verhalten schließen? Ich sage lieber nicht, was mir da auf der Zunge liegt ...

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  4. @all
    Falls es in meiner Besprechung nicht deutlich geworden ist: Ich denke schon, dass Brenin noch "wilde" Qualitäten hatte. Ich würde das Verhältnis Autor/Brenin nicht mit Autor/Hund gleichsetzen. Aber ja, ich habe Brenin als .. so etwas wie einen "sozialisierten" Wolf empfunden, besonders, da er mit sehr wenigen Ausnahmen (so der Autor) nicht allein unterwegs war.

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  5. Das ein Wolf kein Hund ist mir klar, aber ein Wolf, der so erzogen wird, dass er in menschlicher Gesellschaft "funktioniert" ist eben kein "richtiger" Wolf mehr. Da gibt es so einige spannende Studien zu und wenn mir der Name des Wissenschaftlers einfallen würde, der intensiv das Verhalten von Wölfen, Hunden und verwilderten Hunden verglichen hat, dann würde ich auch mehr dazu schreiben.

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    1. Die Lektüre wäre sicher faszinierend, Winterkatze. Vielleicht fällt Dir der Name ja noch ein...

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