Samstag, 7. Februar 2015

"Das Zeugenhaus" von Christiane Kohl

Während meines Januar-Urlaubs in Cuxhaven schlenderte ich durch das dortige Lotsenviertel und landete in einer kleinen knuffigen Buchhandlung. Beim Stöbern habe ich "Das Zeugenhaus" von Chrstiane Kohl entdeckt. Der Klappentext klang interessant: In diesem Zeugenhaus waren während der Nürnberger Prozesse sowohl Zeugen der Anklage als auch der Verteidigung untergebracht, und das durchaus auch gleichzeitig.

Die Autorin führt in das Thema ein und berichtet, wie sie auf dieses Zeugenhaus aufmerksam und ihre Neugierde geweckt wurde. In den Gesprächen mit der ersten Gastgeberin dieses Zeugenhauses, der Gräfin von von Kálnoky (später ging die Leitung an Annemarie von Kleist über), und ersten Recherchen wurde für die Autorin aber deutlich, dass sie intensiver nachforschen muss. Die Gräfin hatte offenbar - bewusst oder unbewusst - ein selektives Erinnerungsvermögen, und nicht alle tatsächlichen Bewohner des Zeugenhauses waren im Gästebuch verzeichnet.

Christiane Kohl beginnt das eigentliche Buch mit der Geschichte der Gräfin von Kálnoky und wie diese von den Amerikanern für die Führung dieses Zeugenhauses rekrutiert und wie die Villa Krüller für dieses Vorhaben requiriert wurde. Im weiteren Fortgang berichtet die Autorin dann über die "Geschehnisse" - dazu später mehr - im Zeugenhaus und bindet Informationen über die dortigen Gäste (biographischer u. politischer Natur, Aussagen/Vernehmungen) und z.B. über den Stellvertreter des Oberanklägers Kempner ein und man kann auch etwas über Prozesstaktiken und -ermittlungen lesen.

Mich interessierten besonders die Zeiten, in denen Opfer wie z.B. der Schriftsteller Kogon, der Journalist Ackermann oder Marie-Claude Vaillant-Couturier (Resistance) im Zeugenhaus auf Täter oder Mitläufer trafen. Im Zeugenhaus waren z.B. über längere Zeit Hitlers Leibfotograf Hoffmann und auch der erste Chef der Gestapo Diels untergebracht, andere Gäste waren Willy Messerschmidt. Auch der Major Lahousen, der sich im Widerstand engagierte, war gerade zu Prozessbeginn länger im Zeugenhaus. Ich fragte mich, ob es zu Problemen zwischen Opfern und Tätern/Mitläufern kam? Schließlich war dieser Umgang der auf verschiedenen Seiten stehenden Zeugen miteinander in diesem Haus erzwungen (ich finde diese von den Amerikanern Unterbringung, die zumindest auch prozesstaktische Gründe im Hinblick auf die Angeklagten hatte, besonders für die Opfer furchtbar). Falls es zu Zwischenfällen kam, war es überhaupt möglich, zu beschwichtigen (die Amerikaner hatten der Gräfin erklärt, sie möge dafür sorgen, dass alles "glatt" laufe im Zeugenhaus)? Besonders, wenn die Zeugen nach ihren - belastenden oder entlastenden und von anderen Gästen gehörten - Aussagen wieder ins Zeugenhaus zurück mussten, weil sie an weiteren Tagen Aussagen zu machen hatten.

Für meinen Geschmack habe ich zu diesen Fragen im Buch zu wenig erfahren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Dinge schwierig bis gar nicht (mehr) recherchierbar waren - hierzu korrespondieren die Erläuterungen, die Frau Kohl im Zusammenhang mit Herrn Kogon macht. Dann aber sollte meiner Ansicht nach das Buch nicht als ein solches angepriesen werden, in welchem "ungeheurlichen Vorgänge im Haus und ... von der dramatischen Verstrickung jedes Einzelnen" (ich lese in diesem Zusammenhang dann gedanklich auch "im Haus") erzählt werden. Denn leider bekam ich - neben durchaus interessanten Einblicken in Teilbereiche des Prozesses - zu den Geschehnissen im Zeugenhaus Vieles präsentiert, was ich als Füllmaterial empfand. So mag es zwar mag grundsätzlich nett zu wissen sein, dass Herr Lahousen z.B. Musikliebhaber ist und Herr Messerschmidt ständig technische Zeichnungen anfertigte. Und ja, ich sehe durchaus, dass diese Menschen hierdurch für den Leser charakterisiert u. personalisiert werden.

Aus meiner Erwartungshaltung heraus interessierten mich diese Aspekte des Lebens im Zeugenhauses aber ebenso wenig wie Flirtversuche und Frauengeschichten z.B. des Herrn Diels, ob Bälle in der Villa Faber-Kastell stattfanden, ob ein amerikanischer Pastor nun ein mehr als christliches Interesse an der Gräfin etc. nicht. Und mit jedem weiteren Satz zu diesen Dingen wurde ich genervter. Und auch die Mutmaßungen darüber, wie sich manche Zeugen in Gegenwart der anderen Gäste wohl gefühlt haben (weil sie nichts dazu verlautbart hatten oder sich noch lebende Zeugen daran nicht erinnern konnten (oder wollten)), waren für mich vor diesem Hintergrund nicht befriedigend. Ich hätte nichts dagegen gehabt, statt Vermutungen und Füllmaterial  einfach einen Hinweis auf mangelnde Ermittelbarkeit zu bekommen und dafür mehr Informationen über die Ankläger, den Hauptprozess und die Folgeprozesse sowie Auswirkungen der Zeugenaussagen.

Auf keinen FAll will ich das Engagement und die Recherchebemühungen der Autorin abwerten. Beides spiegelt sich in dem Buch wieder und ich bin mir sicher, dass sie sich um konkrete Informationen (Geschehnisse im Zeugenhaus) bemüht hat. Und nach der Lektüre kann ich als Leser natürlich leicht "schlauer" sein. Trotzdem: In der Gesamtschau - Titel, Vermarktung, Erwartung, Inhalt - hat "Das Zeugenhaus" mich nicht überzeugt. 

p.s.
Das Buch liefert die Vorlage für die ZDF-Verfilmung "Das Zeugenhaus" (offenbar wurden dabei einige Veränderungen vorgenommen,z.B. in Bezug auf die blonde 36jährige Gräfin vonKálnoky), die letztes Jahr im Fernsehen lief und die ich nicht kenne.

Kommentare:

  1. Sieh mal an, ich dachte die ganze Zeit, es wäre eine Romanverfilmung (und war schon von der Häufigkeit und Qualität der Werbetrailer zu der Verfilmung so genervt, dass ich keine Lust hatte reinzuschauen).

    AntwortenLöschen
  2. Schade, dass das Buch dann nicht das geboten hat, was du dir erhofft hattest bzw. was der Klappentext angekündigt hatte. Wäre ja insgesamt ein spannendes Thema gewesen ...

    AntwortenLöschen
  3. @Winterkatze und Ariana
    Ich fand das auch sehr schade, schiebe hiervon aber wirklich einen Teil auch auf die Vermarktungsstrategie. Nun, in gewissem Sinne hat sie funktioniert, ich habe das Buch gekauft. Aber sie führte auch zu dieser Besprechung und der Titel wird auch nicht in meinem Buchbestand bleiben. :/

    AntwortenLöschen
  4. Das klingt ja mal nach einem interessanten Thema. Schade, dass die Umsetzung dich dann eher enttäuscht hat. Und gerade bei einer Vermarktung, die am eigentlichen Inhalt das Buches vorbeiführt, besteht immer die Gefahr, Leser zu enttäuschen. Gerade deshalb finde ich so etwas auch immer sehr ärgerlich.

    AntwortenLöschen

Einerseits will ich Spam, andererseits Captcha-Codes für Euch vermeiden. Das Experiment mit nur registrierten Nutzern ist leider nicht vollständig geglückt, da ein paar von Euch trotz Open-ID. nicht kommentieren konnten. Also wieder frei für alle und Moderation bei Posts älter als 20 Tag/e. Ggf. muss ich wieder auf vollständige Moderation umstellen, falls der Spam bei aktuellen Posts überhand nimmt.
Wir lesen uns. :)