Sonntag, 22. Februar 2015

"Am Beispiel der Gabel - Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" von Bee Wilson

Auf den Titel bin ich im Rahmen von Winterkatzes letztjähriger Herbstleseaktion gestolpert, als ihn Cat auf A.Disias Blog im Kommentar erwähnte. Und ich konnte nicht lange widerstehen. Das Buch "Am Beispiel der Gabel - eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" von Bee Wilson zog noch letztes Jahr bei mir ein und ich habe sehr viel Neues erfahren.

Bee Wilson hat vermutlich recht, wenn sie schreibt, dass es etliche Bücher über die Technikentwicklung gibt, allerdings kaum eines über die der Kochtechnik. Nahrungsaufnahme ist ein Grundbedürfnis. Dass und wie der Mensch Nahrung zubereitet, die Verbesserungen und Erfindungen in diesem Zusammenhang waren und sind eng verflochten mit unserem Leben. Aus diesem Blickwinkel hatte ich noch nie über eine Pfanne oder einen Topf nachgedacht oder mir einen Holzlöffel genau angesehen, wie es Bee Wilson direkt in der Einleitung tut.
 
Wie wir essen und dass und wie sich die verwandten Mittel verändert haben, hängt natürlich zusammen. Konsequenterweise findet man in diesem Buch, wie es z.B. zu der Entwicklung des Tafelmessers kam und warum. Die Autorin spürt zudem aber der Frage nach, welche Beziehung wir zu Messern haben, welche Art von Kochtechnik sich im Zusammenhang mit den Ressourcen und kulturellen Gegebenheiten entwickelte, wie sich beides bedingte (z.B. welche Arbeit vor dem eigentlichen Kochen ein chinesischer Koch verrichtet oder ein englischer oder französischer Koch). Auch wenn die (Tafel-)Gabel ein interessantes Essbesteck ist, ich fand das Messer oder auch den Löffel im Zusammenhang, wie wir essen und - besonders beim Messer - welche Küche sich entwickelte, viel interessanter. Diese Esswerkzeuge hätten für mich die Gabel im Titel prima ersetzen können. ;)

Die Autorin geht in verschiedenen Kapiteln auf die Entwicklung in und um die Küche ein, nämlich
- "Töpfen und Pfannen" (ich fand es spannend, welche natürlichen Ressourcen hier zur Anwendung kamen, die noch heute genutzt werden, oder wie Bedarf u.Entwicklung von Kochgeschirr auseinanderfielen),
- "Messer" (z.B. äußert sie eine Theorie, weshalb viele Menschen im Gebrauch mit scharfen Messern eher schlecht sind und ich habe erfahren, weshalb spezielle Fischmesser aus Silber entwickelt wurden),
- "Feuer" (z.B. geht es darum, welches Kochgeschirr sich im Zusammenhang mit Feuer entwickelt hat oder welche Möglichkeiten genutzt wurden, um große Bratenspieße zu drehen (schlimm)),
- "Messen" (z.B. die Angaben auf alten Rezepten können eine ziemliche Herausforderung sein - für uns heute; ich fand es z.B. interessant zu erfahren, wie man früher die Zeit bestimmt hat, in der etwas kochen sollte),
- "Zerkleinern" (hier geht es z.B. um das Mörsern oder den Schneebesen, die früheren Ansprüche an die Konsistenz, aber auch z.B. die moderne Fusionsküche),
- "Essen" (in diesem Kapitel hätte ich gern ergänzend ein paar vergleichende Illustrationen gehabt, um die Veränderungen beim Löffel oder der Gabel (sie der Nutzung geschuldet oder der Politik) zu sehen; 
- "Eis" (wo es u.a. um das Aufkommen der Kühlung geht),
- "Küche" (z.B. die Entwicklung zum Raum im heutigen Sinne; ich fand z.B. die effizienten genormten Frankfurter Küchen des frühen 20. Jahrhunderts" interessant).

Komplettiert wird das Buch durch ein Nachwort der Autorin, in welchem sie weiterführende Literatur angibt.

Ich will nicht verschweigen, dass es in dem Buch ein paar Wiederholungen gibt,z.B., indem die Autorin frühere Erwähnungen (wie den Holzlöffer der Einleitung oder Messer und Kochkultur) aufnimmt. Ich habe sie bemerkt, finde sie aber vor dem Hintergrund, dass die Themen eng miteinander verflochten sind, nicht schlimm. Nicht überraschend fand ich nicht jedes Kapitel gleichermaßen faszinierend, wie z.B. die Ausführungen zu den Kühlschränken, was jedoch eher meinen persönlichen Interessen geschuldet ist. Insgesamt habe ich, wie eingangs schon erwähnt, viel Neues in dem Buch gelernt, wozu auch gehört, dass der Dosenöffner erst lange nach Erfindung der Konserven erfunden wurde. :) Ich weiß jetzt auch, dass der Löffe, den ich heute zum Mund führe, einen Kompromiss darstellt.

Und auch wenn ich gern ein paar Illustrationen oder Fotos gehabt hätte - so liebevoll gestaltet die Absatztrennungen auch sind -, gefiel mir "Am Beispiel der Gabel" wirklich gut. Bee Wilson hat immer wieder persönliche Erlebnisse eingeflochten, weshalb ich das Buch in der Gesamtschau informativ und auch unterhaltend empfand, zumal ich mich in ein paar von ihren Beispielen wiedergefunden habe. Ich benutze beispielsweise noch heute Holzlöffel und Holzspaten, obwohl ich auch mal einen Pfannenwender aus Silikon hatte, der irgendwann - wie andere Kochwerkzeuge - in einem Schrank verschwand und nie wieder auftauchte. :)

"Unsere Küchen sind voller Geister. Man mag sie nicht sehen, aber ohne ihren Einfallsreichtum könnte man nicht kochen, wie man es tut: ohne jene Töpfer, die uns das erste Mal die Zubereitung von Gekochtem und Gesottenem ermöglichten, ohne die Messerschmiede, ohne die genialen Ingenieure, die für die Entwicklung der ersten Kühlschränke erforderlich waren; ohne die Wegbereiter der Gas- und Elektroherde, ohne die Hersteller von Waagen; ohne die Entwickler von Quirlen und Schneebesen".
Bee Wilson in "Am Beispiel der Gabel - Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" S. 347 der 1. Aufl.2014 der deutschen Ausgabe des Insel Verlag Berlin in der Übersetzung von Laura Su Bischoff, ISBN: 978-3-458-17619-0


Kommentare:

  1. Schön, dass dir das Buch gefallen hat! Ich habe es immer noch nicht gekauft, aber es ist jetzt auf meiner Wunschliste wieder ein paar Positionen nach oben gerutscht :)
    Bilder würden mir bestimmt auch ein bisschen fehlen, vor allem von altem Küchengerät.

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    1. Ich hätte es auch sehr spannend gefunden, ein paar ältere Geräte oder Formen von Esswerkzeugen - z.B. Löffelformen oder Verzierungen - zu sehen, Cat. Aber das Buch fand ich auch so interessant. Danke für den Tipp. :)

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  2. Ich hatte ja schon gesagt, dass ich mir das Buch gern von dir leihen würde - und nach dieser Rezension bin ich noch ein Stückchen neugieriger darauf geworden. :)

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    1. Gern, Winterkatze. Wir sollten nur darüber sprechen, wann das Buch auf Reisen gehen soll. :)

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    2. Jaha ... Wobei mir einfällt, dass ich nochmal schauen wollte, welches Buch du von mir leihen wolltest. Kommt davon, wenn man es nicht gleich in die Listen einträgt! *seufz*

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    3. Das könnte es gewesen sein! Ich muss eh mal wieder meine gelesenen Bücher sortieren und verstauen, dann packe ich das gleich zu deinen Leihgaben.

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  3. Das klingt ja nach einem spannenden Buch.
    Im Zuge eines Seminars über Heldenepik haben wir mal mit unserem Professor an einem Wochenende mittelalterlich gekocht. Da hatten wir auch "Spaß" mit historischen Kochrezepten, was Mengen- und Zeitangaben betraf. Von der schweißtreibenden Arbeit, diverse Lebensmittel ohne Pürierstab zu zerkleinern, erst mal gar nicht zu sprechen ... Es wäre durchaus interessant, die praktischen Erfahrungen von damals auch nochmal genauer in der Theorie nachuzlesen.

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    1. Das ist ja spannend, Neyasha! Ich bin total fasziniert, dass im Rahmen eines solchen Seminars auch mittelalterlich gekocht wurde. Dieser Themenbereich des Buches ist für Dich als Praxiserfahrene dann vielleicht sogar langweilig. Ich hatte früher nie darüber nachgedacht, wieviel Mühe es damals bereitet haben muss, die Nahrungsmittel zu zerkleinern!

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  4. Hach, du liest aber auch viele spannende Sachbücher in der letzten Zeit. *seufz* Wie soll man denn da mit den eigenen Sachen hinterherkommen bzw. verhindern, dass die Wunschliste ins unermessliche wächst?
    Und wenn du so weitermachst, hast du die Challenge noch vor Ende der ersten Quartals erfüllt! Bin beeindruckt!

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    1. Ich kann für diese Buchvorstellung nichts, gar nichts, Ariana. Ich bin selbst Opfer. Cat ist Schuld. Und A.Disia, die diese Buch bei Cat in Erinnerung gebracht hat *guckt unschuldig mit großen Augen wie der gestiefelte Kater in Shrek*

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  5. Also ich fühle mich in keiner Weise Schuldig *zwinker*
    Freut mich, dass dir das Buch so gefallen hat. Da bekomme ich selber richtig Lust, es zu lesen.
    Aber war das Buch denn komplett ohne Bilder? Oder waren es nur zu wenige?

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  6. @A.Disia
    "Also ich fühle mich in keiner Weise Schuldig *zwinker*"
    seltsam :)

    Was die Illustrationen angeht: So schön der Buchumschlag vorn gestaltet ist und so liebevoll Absätze voneinander mit kleinen Zeichnungen - die zum jeweiligen Kapitel passen - unterbrochen werden: Das sind in der Tat die einzigen Illustrationen. Natürlich kann man das Buch auch so prima lesen, aber z.B. bei den von den Rundköpfen in UK "geköpften" Löffeln und Gabeln hätte ich gern ein paar Bilder gesehen oder z.B. von einer im Kapitel "Eis" erwähnten Eismaschine. ;)

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  7. Zur Ernährungs-Kulturgeschichte lese ich auch hin und wieder gerne, also könnte das Buch auch etwas für mich sein. Ist aber ganz schön teuer... wie findest du das Preis-Leistungs-Verhältnis? Gerade wenn Illustratinen fehlen...
    Alternativ werde ich mir mal das englische Taschenbuch vormerken.

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    1. @Kiya
      25 Euro ist zwar schon eine Hausnummer, aber inzwischen auf dem deutschen Buchmarkt nicht ungewöhnlich. ;) Die Bindung ist gut, das Papier griffig. Vielleicht hast Du Gelegenheit, das Buch in einem Buchladen mal in die Hand zu nehmen.

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  8. Ich liebe solche Bücher zur Kulturgeschichte, in der ganz simple Dinge so beleuchtet werden und sich als irre spannend herausstellen!
    Die Autorin hat anscheinend mehrere Bücher über die Küche geschrieben, ihre älteren Titel klingen auch sehr verführerisch...

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  9. Bei mir kam es in der Tat zu "Aha" und "Schau an" Erlebnissen, denn über Essgeschirr bzw. Besteck habe ich mir früher keine Gedanken gemacht. :)

    Ist Dir auch "Swindled" aufgefallen, Hermia? ;)

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  10. Ohja, "Swindled" hätte ich schon fast gekauft! Kostet gebraucht auch fast nix...hm...und jetzt ist es gekauft. ^^

    Ich habe vor einiger Zeit mal ein Buch über die Nacht gelesen - da gab es auch viele "Aha" Momente. Straßenlampen habe ich danach ganz anders gesehen. ;)

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    1. Oh, Du hast es gekauft? Wenn das Gabel-Buch von der Winterkatze zurück ist, hast Du viell. mal Interesse an einem Bee-Wilson-Buchtausch? ;)

      Was war das für ein Buch über die Nacht?

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    2. Upps, hätte die Antwort fast schon verschwitzt!

      Ja, gekauft. Ich weiß noch nicht, wann es ankommt - wenn ich richtig gesehen habe, dann kommt es aus Kanada. Aber natürlich können wir gerne tauschen! ;)

      Das Buch über die Nacht hieß "In der Stunde der Nacht" und es gibt sogar eine Rezi auf meinem Blog dazu: http://phelmas.com/2011/01/13/a-roger-ekirch-in-der-stunde-der-nacht/

      Ich bin eigentlich auch sicher, das es hier noch irgendwo im Regal liegt...

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    3. *räusper* Also falls das Nacht-Buch nur so herumsteht bei Dir, könntest Du es für eine gewisse Zeit vielleicht entbehren? ;)

      Und ein zukünftiger Wilson-Tausch wäre großartig!

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