Sonntag, 4. Januar 2015

Oryx und Crake von Margaret Atwood

Bei Cat bin ich auf Margaret Atwoods Roman "Oryx und Crake" aufmerksam geworden - ich habe mir diesen Roman (erschienen 2003) und den zweiten Teil der Trilogie "Das Jahr der Flut" (erschienen 2009) zu Weihnachten geschenkt. Der dritte Teil "Die Geschichte von Zeb" ist 2013 erschienen.

Ich stimme Cats Einschätzung zu, dass man über "Oryx und Crake" nicht zuviel vor der Lektüre wissen sollte. Soviel aber sei gesagt:

Der Leser wird in Schneemensch' Dasein geworfen. Er lebt in der Nähe einer, wie es aussieht, primitiven Menschengruppe, die er die Kindern Crakes nennt. Er scheint für sie zwar ein Unikum, aber auch eine Art Lehrer zu sein. Aber man hat den Eindruck, dass Schnemensch sich selbst überwacht und genau darüber nachdenkt, wie viel er den Kinder Crakes sagt. Umgeben sind Crakes Kinder und er von Flora und Tierwelt, wobei letztere laut Schneemensch aus Oryx' Kindern besteht. Es wird schnell deutlich, dass eine Katastrophe stattgefunden haben muss, die Vegetation überwuchert Gebäude, aber es gab mal Batterien, Konserven, Uhren, also eine entwickelte menschliche Zivilisation. Was ist passiert?

Seufz. Leider hat mich der Roman in seiner Gesamtheit nicht überzeugt.

Oh, ich mochte das Setting: Die Erde und die Menschen, die Atwood 2003 auf Basis unserer Welt entwickelt hat, finde ich faszinierend und interessant - aber zugleich beängstigend und durchaus auch abstoßend (nicht nur im "Großen", sondern auch im Kleinen, z.B. die staatlich gesponserte Webseiten, die Jimmy besucht, und die - auch - zeigen, wohin sich Gesellschaft und Politik entwickelt haben). Ab und an blitzt auch Humor durch, finden sich Anspielungen auf unsere Zeit (etwa durch Jimmys Faible für alte Filme oder Bücher) und die Autorin bewirkte mit einem Teil ihrer Geschichte, dass ich mich etwas mit dem modernen Ballett unserer Zeit beschäftigt habe. Das finde ich immer wieder faszinierend, wie Romane den Leser so beeinflussen können. :) Konkret geht es um Martha Graham - mir sagte der Name gar nichts, aber ich habe ihn dann gegoogelt. In der Tanz- und Ballettszene war sie eine Größe, sie hat eigene Techniken entwickelt und wer Interesse hat, kann in diesem Video (klick) nicht nur spannender Musik lauschen, sondern auch - wie ich finde beeindruckenden - Tanz entsprechend der Graham-Technik sehen.

Aber zurück zum Romangeschehen.

Neben dem Setting fand ich die Grundentwicklung des Plots auch in Ordnung, auch die Struktur im Hier einerseits und Damals andererseits empfand ich als organisch. Atwood konzentriert sich auf das Leben von Schneemensch und seine Erinnerungen, seine Wahrnehmung der Geschehnisse, der Freundschaften. Ich bin diesen Erinnerungen mit Misstrauen begegnet und denke, dass dies auch von der Autorin so gewollt war: Man tendiert halt dazu, "seine" Wahrheit zu sehen (besonders, wenn man nicht alle Umstände kennt) und diese - bei weiter bestehender Änderungsgefahr - zu rinnern. Außerdem traut selbst Jimmy nicht allem, was er - z.B. von Oryx - erfährt. Das alles führte dazu, dass Jimmy als Individuum in seiner Entwicklung zu Schneemensch (das ist kein Spoiler, wird ziemlich schnell im Roman deutlich) für mich greifbar wurde, Crake und Oryx dagegen leider nicht.

Und dann das Romanende. Okay, es ist als Trilogie geschrieben, aber dennoch fühle ich mich mit diesem Ende nicht ... glücklich. Möglicherweise wird das durch die Lektüre der anderen Teile relativert, aber ich befürchte eher nicht.

Um die beiden Punkte weiter auszuführen, komme ich an ein paar Spoilern nicht vorbei. Damit Ihr aber nicht aus Zufall gespoilert werdet, hatte ich zunächst die Spoilerabsätze 1 und 2 mit weißen Buchstaben auf weißem Hintergrund geschrieben.  Aber, das funktioniert nicht im Feedreader, wie ich festgestellt habe, und so könnte doch unwillkommen gespoilert werden. Ich habe mich daher entschlossen, diese Nach-Lese incl. - versteckter - Spoiler bei Goodsreads (klick) einzustellen, dort könnt ihr sie ggf. vollständig aufrufen.

Zuletzt: Mir sind bei der Lektüre dieser Ausgabe ein paar Dinge aufgefallen, die mich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen haben. Mir fehlten z.B. Worte:

"Sie sahen Zeichentrickfilme auf dem alten DVD in einem der Zimmer..." (auf dem DVD-Spieler? S. 146)
oder
"Jimmy verspürte auf einmal den Wunsch, Crake Eindruck zu machen, ihn zu irgendeiner Reaktion zu zwingen..." ("auf" Crake Eindruck zu machen?, S. 77)

Hier sollte sicherlich die statt sie stehen: "Ähhh, singen sie Frauen" (S. 367)

"Schofel" musste ich erst einmal nachschlagen, weil ich mit dem Wort - ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt - nichts anfangen konnte. Und jedes Mal irritierte mich, dass das Wort "ganz" in dieser Redensart fehlte "Zu schweigen von einem gewissen Druck, argwöhnte Jimmy, von Seiten seines Vaters, der den Präsidenten .... kannte..." Ich bin mir nicht sicher, ob das Wort "ganz" zwingend erforderlich ist, aber die im Buch verwandte Version ist mir einfach nicht vertraut.

Wie gesagt, in der Gesamtschau bin ich mit dem Roman nicht ganz glücklich. Das Lektorat/Korrektorat kommt noch hinzu. Aber: Das Setting finde ich, wie ebenfalls schon bemerkt, interessant und mich interessiert, über was Atwood in ihrer Trilogie noch erzählt. Ich werde also "Das Jahr der Flut" auch lesen und wohl auch "Die Geschichte von Zeb". ;)

Kommentare:

  1. Ich bin in letzter Zeit unheimlich oft über diese Romane gestolpert und schleppe sie schon seit letztem Juni auf der Wunschliste mit. Die meisten Leser scheinen ja sehr begeistert zu sein, und auch deine Rezension klingt jedenfalls nach einem interessanten Buch.
    Mal sehen, wann es bei mir im Regal landet... ;-) Wie sehr muß ich bei der Autorin eigentlich feministisches Gedöns befürchten? (Das ist vermutlich einer der Punkte, die mich bisher abgeschreckt haben)

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    1. Ich finde das Buch auch interessant genug, um die Reihe weiter zu lesen. Was den Feminismus angeht: Feministische Töne sind auch hier vorhanden (z.B. die Struktur bei den Crakern oder die Frauen in der Arbeit und daheim). Für mein Empfinden geht Atwood hier eher indirekt vor, aber das ist natürlich eine subjektive Wahrnehmung.

      Ich kann Dir gerne mal diesen Band zum Reinlesen zukommen lassen, falls Du Interesse hast, Kiya. Melde Dich ggf. einfach.

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    2. Danke für das Angebot :-) Vielleicht lese ich einfach erstmal "Handmaid's Tale" vom SuB und entscheide dann, ob mir die Autorin liegt... Wenn es nicht so präsent ist, stört es mich vielleicht nicht allzu sehr, mal sehen.

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    3. @Kiya
      gern doch. :)
      Allerdings hat "Der Report der Magd" natürlich einen anderen Kernbereich (wenngleich beide Bücher dystopisch sind) und die beiden Bücher sind - wenn ich mich richtig erinnere, die Lektüre von "Der Report der Magd" liegt bei mir schon ein paar Jahre zurück - auch zur "Präsenz" bzw. reverse Psychologie betreffend Frauenrechte verschieden. ;)

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  2. Das klingt schon grundsätzlich interessant, aber wie so oft bei Margaret Atwood habe ich Hemmungen das Buch zu lesen. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass die Autorin zu bekannt ist, als dass ich die verschiedenen Aussagen zu ihren Romanen aus meinem Hinterkopf verbannen kann.

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    1. Für mich war Atwood lange Zeit nur mit "Report der Magd" verbunden, Winterkatze, bis ich vor einem Jahr oder so noch ein Buch mit einer Geschichte/einem Gesang von und über Penelope gelesen habe (war mir etwas zu viel in der Form). Falls Du Deine Meinung ändern solltest ... ;)

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  3. Oh, schade, dass es dir nicht sooo gut gefallen hat. Ich hab gerade heute den zweiten Band ausgeliehen, obwohl ich eigentlich gar keine Zeit habe, ihn zu lesen :)
    An dem Buch scheiden sich ja scheinbar die Geister. Aber vielleicht ist ja die Fortsetzung mehr für dich, toll jedenfalls, dass du den auch noch lsen willst; ich warte dann gespannt auf deine Meinung ;)

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    1. Oh ja, die Fortsetzung liegt hier schon bereit, Cat. :) Ich muss nur Lust und Laune zum Lesen haben :D

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