Montag, 5. Januar 2015

"Mein Leben mit den Inuit" von Fred Bruemmer

Ich erinnere mich nicht mehr, was der Anlass war, dass dieses Buch vor bestimmt zwei oder sogar drei Jahren auf meinem Wunschzettel landete. Vielleicht war es die Lektüre von "Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf" von Jorn Riel, eine um Grönland spielende Kurzgeschichtensammlung. Jedenfalls habe ich das vergriffene Taschenbuch "Mein Leben mit den Inuit" von Fred Bruemmer im vergangenen Jahr zu einem vernünftigen Preis bekommen und mich eingekuschelt in die Lektüre vertieft.

Das Buch ist mit 170 Seiten recht schmal und klein und zeichnet sich dennoch durch Informationsdichte aus. Fred Bruemmer erzählt auf diesen Seiten von seinen Reisen zu verschiedenen Inuit-Gruppen Alaskas und Grönlands in den 70ern und teilweise von späteren neuerlichen Besuchen in den 80ern/90ern. Der Autor war als Tierfotograf und Schriftsteller immer wieder in unterschiedlichen Regionen der Welt unterwegs, dabei immer wieder langfristig in der Arktis. Er hat nicht nur Inuit interviewt, etwas recherchiert oder sich eine Woche o.ä. in einem Camp aufgehalten, um etwas von dem Leben der Inuit mitzubekommen und ein paar Fotos zu schießen. Bruemmer hat vielmehr monatelang mit verschiedenen Inuit-Gruppen gelebt hat. Er hat sie auf der Jagd begleitet, ihr Handwerk bei der Jagd und daheim beobachtet. Der Autor war in ihr Sozialleben integriert und lebte in ihren Zelten bzw. Iglus, was so weit ging, dass er am eigenen Leib erleben musste, was eine Ächtung in der Gemeinschaft bedeuten kann (auch wenn sie vermutlich milder ausgeübt wurde als sie gegenüber einem Inuk gezeigt worden wäre).

Mich hat es überrascht, wie viele Informationen mit "Mein Leben mit den Inuit" vermittelt werden. Nicht nur schreibt Bruemmer über den Ablauf von Jagdausflügen mit dem Hundeschlitten. Ich erfahre vielmehr auch etwas über den traditionellen und moderneren Schlittenbau (natürliche Holzvorkommen sind in der Arktis nunmal Mangelware), das Präparieren der Kufen, den Fleischbedarf der Huskys (und dass diese Bezeichnung wohl eine Verballhornung von Eskimo ist) und ihr Durchhaltevermögen. Auch die Jagd auf Eiderenten, Lummen, Saiblinge, Karibus, Robben, Seelöwen, Narwalen etc. wird angesprochen. Dabei erzählt Bruemmer, wie er Inuit auf den Fahrten über das Meer zu Jagdgebieten unabhängig vom Wetter begleitet, wie er zumindest versucht, mitzuhelfen. Er zeigt auf, wie Jahreszeiten und Lebensrhythmus der Inuit verbunden waren und wie und wofür die Jagdbeute restlos verwertet wurde, vom Essen (incl. Haltbarmachung), Kleidung, Schlitten über Handwerkszeug, Spielsachen für die Kinder, Schnitzereien ...

Für mich zeigte sich in immer wieder, dass Fred Bruemmer nicht nur ein interessierter, neugieriger Fotograf und Schriftsteller war, der einen Job erfüllen wollte, sondern dass er die Inuit bewunderte und respektierte und ebenso ihre traditionelle im Einklang mit der Natur stehende Lebensart. In "Mein Leben mit den Inuit" - das Buch ist trotz der Informationsdichte gut lesbar - fließen immer wieder historische Ereignisse ein (Ankunft von Forschungsschiffen, Missionaren, Krankheiten), aber auch von Knud Rasmussen aufgezeichnete Inuit-Lieder; ergänzt wird der Text mit ein paar schwarz-weiß Fotos (normaler Papierdruck). Es war für mich eine faszinierende Lektüre, die mir die traditionelle Lebensart der Inuit nähergebracht hat.

Poe sagt:
In das Buch musste ich auch hineinlesen. Dabei sind mir glatt die Flügel zusammgefroren, gefühlt jedenfalls. Für einen Drachen wie mich ist es dort oben vielleicht doch etwas kalt, durchschnittlich -34°C im Januar, die sogar bis zu -57 °C absinken können! Ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich mit dem Essen klarkommen würde. Blubber, hm, naja, ich weiß nicht. Auf der Jagd wäre ich außerdem garantiert noch weniger hilfreich gewesen als Fred Bruemmer. Z.B. bei einer Fahrt mit dem Kajak hätte mein Magen dafür gesorgt, dass ich über der Reling hänge). Ich bin ganz schön beeindruckt. Von den Inuit, aber auch von Fred Bruemmer. 

Kommentare:

  1. @Natira: Das klingt wirklich interessant (und als ob es was für die Leihliste wäre - auch wenn mir langsam die ganzen Leihlisten-Titel Angst machen). Ich finde es auch spannend, wie man nach und nach aus den unterschiedlichen Titeln zu dem Thema (von Entdeckern, Ethnologen, aber auch Einheimischen) eine Vorstellung von dem Leben im Eis bekommt - und doch vermutlich nie wirklich begreift, wie es dort ist.

    @Poe: Armer Poe, du scheinst ja schon allein beim Lesen sehr gelitten zu haben. Dann bleib lieber brav bei Natira und lass dich mit Obst und Keksen füttern! :)

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    1. Wir können das Buch ja auf den WZB-Zettel setzten, dann bleibt es erstmal im Blick? :)

      Ja, es ist traurig - und auch, dass sich die Geschichte immer wiederholt bei indigenen Völkern.

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    2. Mach ich, Winterkatze (man hört das Krachen von Keksen im Hintergrund)! Ich brauche etwas Nervennahrung... Viele Grüße, Poe

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    3. Ja, packen wir es auf den Zettel. :)

      Gut so, Poe! :)

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    4. erledigt, Winterkatze. :)

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  2. Das klingt lesens- und wissenswert!!!
    Aly, die jetzt schon friert

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    1. Fand ich auch, als ich damals über das Buch zufällig gestolpert bin, Aly. Und mich hat es nicht enttäuscht. Gib ggf. Bescheid, falls Du es mal ausleihen möchtest. ;)

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    2. da gebe ich doch mal frech Bescheid!
      Grüße von Aly mit den 3 Kuhkatzen aka Mumins an die MuMs

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    3. "von Aly mit den 3 Kuhkatzen aka Mumins"
      *schmunzel*

      Wenn Du mir noch einmal eine Mail an natiraszeit(at)googlemail.com mit Deiner Anschrift oder einer Paketstation schickst, Aly, gebe ich das Buch zur Post. :)

      Viele Grüße
      von Natira und den MuMs, die fernab von mir auf dem Sofa schlummern. :D

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  3. Das klingt sehr interessant - es wundert mich, dass ich auf das Buch nicht gestoßen bin, als ich für meinen Roman "Frostpfade" sehr viel über Sámi und Inuit gelesen habe. Leider gibts das in der Bücherei nur in einer für mich nicht sehr praktisch gelegenen Zweigstelle und die Unibücherei hat das auch nicht.
    Da muss ich wohl auch nach einem gebrauchten Exemplar Ausschau halten oder mal in die entfernte Zweigstelle tingeln.

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    1. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie ich über das Buch u. den Autor gestolpert bin, Neyasha. Und wer weiß, was in dem kleinen Büchlein steht, ist Dir vielleicht auch schon durch die Recherche vertraut. :) Die Bücherei schickt wohl leider nicht zu, oder?

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    2. Nein, leider nicht. Die Zweigstelle ist natürlich durchaus erreichbar, aber einmal quer durch Wien, da ist man schon mal eine Stunde für eine Strecke unterwegs ...
      Mal sehen, vielleicht hab ich in der Gegend ja mal etwas zu erledigen.

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    3. @Neyasha
      Soweit ich weiß, verschicken die hiesige Bibliotheken auch keine Leihbücher, allerdings bin ich nur in Kleinstadt-Büchereien Mitglied, die um ihre Existenz kämpfen müssen. Sie dürften für den Buchversand bzw. den Verwaltungsaufwand betreffend Kostenumlage auf die Nutzer schlichtweg keine Gelder übrig haben.
      Ich drücke die Daumen, dass die Bücherei auf und das Buch zum Hineinlesen da ist, wenn Du in der Ecke der Stadt zu tun hast.

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    4. Es käme mir ja eigentlich eh zu dekadent vor, mir ein Buch innerhalb der Stadt zuschicken zu lassen. *g*
      Allerdings hat man die Möglichkeit, jedes Buch in jeder Zweigstelle zurückzugeben - egal, wo man es entliehen hat. Ich fände es daher umgekehrt auch praktisch, wenn es möglich wäre, Bücher auch in andere Zweigstellen für eine geringe Gebühr zu bestellen, da ja wohl ohnehin regelmäßig Bücher hin und hertransportiert werden.

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    5. Da kann man wieder merken, dass ich vom Dorf komme und in einer Kleinstadt lebe. :D Auf die Idee, dass die Bücherei ja stadtintern zwischen den Zweigstellen einen Rundlauf haben können, bin ich in diesem Zusammenhang gar nicht gekommen, lach.

      Es erstaunt mich tatsächlich noch immer, dass ich in knapp einer Stunde bei einer Freundin in einer rund 60 km entfernten Stadt sein kann, diese Stunde aber durchaus auch für das "Durchfahren" einer Großstadtfläche mit einem Kfz erforderlich werden kann. :)

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  4. Oh, schön, dass Du Poe wieder reaktiviert hast!! :o))

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    1. Ach, der Poe ist ganz rege - nur etwas mund- und schreibfaul, Jed. :D

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  5. Ähm, *räusper*, wer ist denn bitte Poe? (Ich glaub, ich lese doch noch nicht lange genug bei dir mit ...)

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    1. Poe ist ein uglyDragon, der, oh, Anfang 2010? in meine Wohnung einzog. Er ist in letzter Zeit etwas mund- und schreibfaul und ziert sich auch, wenn ich ihn fotografieren möchte. Früher hat er in diesem Blog mehr mitgemischt, so war er z.B. mit mir in Leipzig und in Fulda (Fotobeweise sind auf dem Blog zu finden) und einige seiner Erlebnisse habe ich im Fotoprojekt 2010 (http://natiraszeit.blogspot.de/search/label/Leipzig%202011) dokumentiert (leider listet die Suchfunktion immer von neu Richtung alt auf).

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  6. Thematisch klingt das Buch wirklich interessant.

    Fällt es denn auf, dass der Autor schon in den 70ern da war? In Bezug auf die Aktualität des Inhalts meine ich.

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    1. Wäre er nicht Ende der 70er dort gewesen, Julia, würde es das Buch nicht geben, befürchte ich. Schon als Bruemmer nach 10 bis 15 Jahren wieder zurückkam, hatten sich bereits Dinge verändert, wurden z.B. weniger Hunde genutzt und mussten sich Leute weitere bzw. andere Arbeit außerhalb des ursprünglichen Lebensumfeldes suchen. Es wird in dem Buch auch nicht immer deutlich, bis wann genau welche Lebensweise aufrechterhalten werden konnte, da Bruemmer einerseits in verschiedenen Gegenden war (mit unterschiedlicher Entwicklung) und ihm andererseits bei allen Besuchen (auch) vom früheren Leben erzählt wurde.
      Die aktuelle heutige Lebenssituation der Inuit findest Du in diesem Buch zwangsläufig nicht; meine Ausgabe stammt zwar aus 2001, aber das Copyright ist aus 1993.

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  7. Dass das Buch die heutige Lebenssituation nicht beschreibt, hab ich mir gedacht ;) Ich lese nur manche Texte aus dieser Zeit nicht so gerne, einfach auf Grund der Schreibweise und Ausdrucksweise. Vielleicht habe ich mich da bei meiner Frage falsch ausgedrückt, mir ist gestern nur nicht eingefallen, wie ich mich anders hätte ausdrücken können.

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    1. @Julia
      Ah! :) Also ich fand seine Schreibweise nicht antiquiert oder mit Füllwörtern durchsetzt, sondern vielmehr informativ ohne dabei zu distanziert zu sein.

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  8. Fred Bruemmer sagt mir irgendwie gar nichts. Aber das Buch klingt ganz reizvoll - rauf, auf die Merkliste mit dir! ;)

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    1. Aly hat ja Interesse angemeldet und das Buch wird dorthin demnächst auf die Reise gehen. Magst Du danach hineinschauen? Soll ich vielleicht eine HZS-(HermiaZuSchicken)-Liste anlegen? Das ist kein Scherz, es gibt auch eine WZS-Liste und die Winterkatze hat eine NZS-Liste. :D

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  9. Klingt genau nach der Art Buch, die ich nach dem Re-read von "Julie von den Wölfen" gesucht habe :D Und auf den Wunschzettel, in der Hoffnung, es vllt. mal irgendwo zu entdecken.

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    1. Vielleicht findest Du es ja in einer Bücherei, Cat! Falls gar nichts geht, könnten wir auch mal über eine Leihgabe reden (und ggf. ein Datum *schmunzel*).

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