Sonntag, 11. Januar 2015

"Der Tiger" von John Vaillant

Ich bin Winterkatzes Empfehlung gefolgt und habe mir nach meinem letzten gelesenen Sachbuch (Inuit) einen Titel gegriffen, der sich schon länger in meinem TuB befand: "Der Tiger" von John Vaillant. Ich lasse den deutschen Untertitel des Buches hier ganz bewusst weg, weil er nur auf einen Aspekt Bezug nimmt und dabei "absolut" klingt. Meiner Meinung nach hätte sich der Verlag an den englichen Untertitel halten sollen  "A True Story of Vengeance and Survival" (vielleicht: Eine wahre Geschichte von Rache und Überlebenskampf).

John Vaillant ist Journalist und Autor, der auch schon für National Geographic gearbeitet und nicht nur den vorliegenden Titel publiziert hat. In "Der Tiger" geht um die Vorkommnisse im Dezember 1997 in Sobolonje, einer kleinen Holzfällersiedlung, die sich in der Taiga im Fernen Osten Russlands befindet.

Juri Trusch ist Leiter einer Einsatzgruppe der russischen "Inspektion Tiger" und wird als solcher nach Sobolonje wegen eines Vorfalles mit einem Amur-Tiger gerufen. Die "Inspektion Tiger" ist eine Art Wildhüter-Organisation betreffend Wild und Wald, wobei der Schwerpunkt auf dem Tigerschutz liegt - nicht nur wegen der Wilderei "zum Eigenbedarf", sondern besonders wegen des Handels mit Tiger-Produkten. Im Dezember 1997 fährt Trusch mit seinen Leuten zur Hütte des Wilderers Markow. Was sich dort aus den Spuren ergibt, ist erschütternd und beängstigend und wirft Fragen auf: Offenbar hat ein Amur-Tiger vor der Hütte des Wilderers Markow gezielt auf diesen gewartet; die Männer finden Markows wenige Überreste im Wald. Sie finden weitere Hinweise, dass der Tiger an Markows Hütte Inventar mit Markows Geruch zerstört hat. Auch wenn der Tiger eine Raubkatze mit Revierverhalten ist und eine beängstigende Fähigkeit zur Abstraktion hat, ist dieses Verhalten ungewöhnlich. Einer der Männer stellt die Frage: Warum war der Tiger so wütend auf Markow?!

Wie sich im Verlaufe des Buches zeigt, ist die Frage gar nicht so abwegig. Anhand von Interviews, der Sichtung des Videomaterials, welches Juri Trusch aufgenommen hat, und umfangreicher weiterer Recherche zeigt John Vaillant das Lebensumfeld besonders der Amur-Tiger, aber auch anderer Raubkatzen, die z.B. in der Wüste leben. Dabei geht es auch immer um die Menschen, die sich den Lebensraum mit den Raubkatzen teilten und teilen, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tiger und auch, wie sich die Entwicklung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf diesen Lebensraum und die Lebewesen in ihm auswirkten und weiterhin auswirken.

Der Autor beschränkt sich also nicht darauf, über die "Ermittlungs"-Arbeit und Jagd der Inspektion Tiger im vorliegenden Fall zu berichten. Er beleuchtet insbesondere die Lebensbedingungen in Sobolonje, die herrschende Armut, das Klima, das Verhältnis und die Bindung der Einwohner zum Land (zu "Mütterchen Russland" oder "Mutter Taiga") und zur Fauna, insbesondere zum "Zar der Tiere", dem Tiger. Auch die Lebensläufe der Beteiligten mit Konzentration auf Trusch, Markow und Potschepnja (einem weiteren Opfer) flicht Vaillant ein und zeigt so, wie Markow zum Wilderer wurde oder warum Potschepnja in den Wald ging. Und natürlich bleibt auch der Tiger nicht außen vor, auch wenn sich diese Informationen aus den Spuren ergeben, die die Opfer, der Schnee, Beschädigungen an Hütten etc. liefern. Hinzu kommen immer wieder Erläuterungen zur Entwicklung Russlands, dem Verhältnis zu China, Ausführungen zu Raubkatzen anderer Gegenden, Gespräche mit anderen Jägern, Forschern, anthropologische Betrachtungen, Tierschutz etc. Durch diese recht umfassende Gesamtschau verlor das Buch für mich leider ein wenig an Kraft und Schwung.

Versteht mich nicht falsch: Grundsätzlich fand ich jedes der von Vaillant eingebrachten Details interessant, aber die Informationsfülle zu unterschiedlichen Lebens- und Wissensbereichen fühlte sich für mich schon enorm an (das Buch bringt es auf 432 Seiten (davon 8 Farbfotoseiten) + einer Leseprobe zu einem weiteren Werk des Autors). Dabei wurde der Kernbericht des Buches, also die Verfolgung des angreifenden Amur-Tigers, nach meinem Empfinden in manchen Bereichen auseinandergezerrt. Manchmal musste ich nach seitenweisen Informationen über Kosaken oder früheren Jagdgeschehnissen suchend zurückblätternd, weil ich nicht mehr vor Augen hatte, wer eine beteiligte Person im aktuellen Geschehen war oder wo sich der Tiger gerade befand. Dass dies notwendig war und mich verlangsamte, störte mich. Dennoch war es eine faszinierende Lektüre, besonders über den Amur-Tiger und den Überlebenskampf von Mensch und Tier in der russischen Taiga. Dazu trägt auch der grundsätzlich flüssige und gut lesbare Erzählstil Vaillants incl. der Übersetzung ins Deutsche bei, alledings nichts ohne Ausnahmen:  Was, z.B., ist ein empathischer Kugelschreiber und hat er sich während der Übersetzung entwickelt? ;)

Leseprobe: klick
Videotrailer (klick)

Kommentare:

  1. Jesses, du legst aber ein Tempo vor! ;)

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  2. Wow, du möchtest in diesem Jahr die Challengen wohl im ersten Quartal schon schaffen, oder? ;) Aber schön, dass du gerade so viel Interesse an Sachbüchern hast (da ist ja schon wieder eins in der Seitenleiste aufgetaucht! *g*).

    "Der Tiger" klingt faszinierend, aber auch erschlagend. So interessant ich eigentlich die von dir erwähnten Themengebiete alle finde, so habe ich doch das Gefühl, dass ich nicht die ausreichende Geduld für das Sachbuch hätte. Umso spannender, dass du das Buch in so wenigen Tagen "gefressen" hast. :)

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  3. @Hermia und Winterkatze
    Momentan habe ich es wirklich mehr mit Sachbüchern, klappt ganz gut. ;) Dafür komme ich ja inzwischen seit Monaten mit Hörbüchern nicht weiter. :D

    Ich wüsste übrigens momentan nicht zu sagen, Winterkatze, auf welche Informationen - neben der Kernstory - ich hätte verzichten "wollen"; sie passten irgendwie alle dazu, selbst die anthropologische Exkursion zu den Höhlenzeichnungen. ;)

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  4. Irgendwas ist ja immer - irgendwann klappt es auch wieder mit den Hörbüchern. :)

    Dann ist es ja gut, es klang nur etwas heftig in deiner Rezension.

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    1. Oh, hm. Egal, ich wüsste momentan auch nicht, wie ich es in meiner Nachlese besser ausdrücken sollte, also lasse ich sie einfach so. :)

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  5. Wo ist denn mein Pingback hin, den ich Dir "extra" geschickt habe? ;-) Naja, sende ich Dir nun erneut - und ohne Pingback - liebe Grüße ...

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    1. Guten Morgen, Ralph! Ich glaube ja, dass pingbacks und blogger nicht so recht harmonieren. ;) Liebe Grüße zurück an Dich und Deine Frau und ein paar Extrastreichler für die Wauzels! :)

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