Sonntag, 16. November 2014

"Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt" von Susan Cain

Ich bin skoobe-Abonnement und liebe es, mich durch den (regelmäßig wöchentlichen) "Katalog" neu ins Angebot genommener Titel zu klicken. Vor vielleicht drei Wochen fiel mir ein Cover auf. Es zeigte einen sich vorbeugenden, neugierig wirkenden, schwarzen Raben, der auf eine zwar aufmerksam wirkende, sich aber auch zurücknehmende weiße Eule schaute. Es handelte sich um Susan Cains Buch "Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt".

Susan Cain ist selbst eine introvertierte Person, die in ihrem Job ein Aha-Erlebnis hatte, dass nämlich die mit dieser Persönlichkeitsstruktur einhergehenden Eigenschaften Stärken sein können. Dies führte nicht nur dazu, dass Susan Cain mehr über Introvertierte und Extravertierte und ihr Leben in unserer Gesellschaft wissen wollte, sondern sie sattelte letztlich beruflich um. Das Buch fußt auf ihren eigenen Erlebnissen und Teilnahmen an z.B. "Redeseminaren", auf ihren Gesprächen mit anderen Introvertierten und Extravertierten (teils - anonymisiert - aus Cains beruflicher Praxis) sowie auf Gesprächen mit Psychologen und Forschern. Daneben präsentierte sie auch Verhaltensstudien und Theorien aus der Forschung und führte Persönlichkeiten wie Eleanor Roosevelt oder Steve Wozniak an.

Ich fand die Thematik faszinierend.

Zwar konzentriert sich Susan Cain auf die Anforderungen und das Leben in den USA (was z.B. ihre Praxisbeispiele, der Besuch von Hochschulen zeigen), aber ihre Erfahrungen spiegeln meiner Ansicht nach im Kern das Leben in der westlichen Welt wieder: In ihr wird extravertiertes Auftreten und die mit der Extravertiertheit verbundenen Eigenschaften wie Geselligkeit, soziale aktive Interaktionen, geschätzt, in den Medien vorgelebt, gefördert und gefordert. Großbüros, verbales Gruppen-Brainstorming zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit, größer werdende Lerngruppen statt Frontalunterricht, Seminare für die direkte Kommunikation etc. finden sich dort wie hier. Diese Anforderungen können Introvertierte sozial überfordern, sie noch stiller werden lassen, sie ggf. zwingen, sich entgegen ihrer Natur zu verhalten und dabei psychisch auslaugen.

Es war für mich spannend, über Experimente und Studien aber auch tatsächlichen Erfahrungen in der Geschäftswelt (Banken) zu lesen, welche die Schwächen z.B. diese noch immer herrschenden Strukturen in Entscheidungsgruppen aufzeigen. So kommt es z.B. vor, dass Introvertierte nicht gehört werden, weil sich ein in der Gruppe befindlicher Extravertierter als "Leiter" herauskristallisiert und in seiner dynamischen Führungsart mit Selbstbewusstsein vorgetragene Ideen den leisen "vielleicht könnte man" den Vorzug gibt. Oder Introvertierte sind bei verbalen Gruppen-Brainstormings überfordert, wobei eine Firma bei Einrichtung einer Online-Ideenbox auch von ihrer Kreativität und Intelligenz profitiert.

Die Autorin beschäftigt sich u.a. damit, ob und in welchem Ausmaß Intro- und Extravertiertheit angeboren ist, welche Zwischenstufen es gibt. Sie spricht verschiedene Lebensbereiche an, in denen Extravertierte und Introvertierte aufeinander treffen: Eltern/Kinder, Eheleute, Firmen, Verkäufer/Käufer, Professoren/Studenten. Faszinierend fand ich dabei die von der Autorin mit Studenten asiatischer Abstammung geführten Gespräche. Diese hatten kultur- und familiärbedingt Schwierigkeiten, da ihnen z.B. Respekt vor den Gefühlen der Anderen beigebracht wurde oder nur dann zu reden, wenn es etwas Wesentliches beizutragen gilt (Susan Cain führt an, dass in Fernorst die traditionelle Einstellung zum gesprochenen Wort sei, notwendige Informationen zu vermitteln; Stille und Innenschau würden Anzeichen für tiefes Nachdenken und Wahrheitssuche sein, während man mit Worten - möglicherweise auch besser ungesagte - Dinge offenbart und deshalb mit ihnen vorsichtig umgehen muss). 

Susan Cain hat Gespräche, Erfahrungen und Informationen im Wesentlichen abwechslungsreich und lebendig aufbereitet. Ich hatte teilweise das Gefühl, einen populärwissenschaftlichen Dokumentarfilm in Printform oder einen solchen Zeitungsartikel (in Serie). Die Art der Aufbereitung beinhaltet machmal aber auch z.B. Ausführungen der folgenden Art:  Sie war eine gut gekleidete Anwältin, die sich scheiden lassen wollte. Die Kleidungsfrage empfinde ich als überflüssiges Füllmaterial, die nichts mit dem Thema des Buches (und auch nicht mit der Scheidung und dem Problem der Frau) zu tun hat, und so habe ich manchmal die Augen gerollt. ;) 

Alles in allem fand ich das Sachbuch gut lesbar, interessant und informativ, wobei der Hauptaugenmerk aber auf den USA liegt.

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich interessant (aber seien wir ehrlich, ich finde die meisten Sachbücher klingen interessant :D). Allerdings würde ich gern wissen, ob sie die Menschen immer in Intro- und Extrovertierte einteilt oder ob sie auch Leute untersucht hat, die nicht so eindeutig kategorisiert werden konnten.

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    1. Ja, Winterkatze, darauf geht sie auch ein, nennt Beispiele und lässt den Leser zwei kleine Tests machen, die natürlich auch zeigen, dass es nicht nur Extreme gibt. Die hochkomplexe menschliche Psyche lässt sich ja nicht in schwarze Raben und weiße Eulen einteilen. *g*

      Ich finde ja auch viel zu viele Sachbücher interessant und mein Blick ist seit Deiner Sachbuchchallenge noch geschärfter. :D

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    2. Wir sollten das mit den Challenges einfach lassen, die sind gefährlicher als hilfreich! ;)

      Ah, fein! Dann klingt es wirklich interessant! :)

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    3. Schlimm, Winterkatze, wirklich schlimm mit den Challenges und Leseaktionen ...

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    4. Genau, immer diese Challenges! Wer hat sich das nur ausgedacht. ;-)

      Immerhin klappt es bei der Nobelpreis-Challenge mit meinem Endspurt im November hervorragend, ihr könnt euch also im Dezember - hoffentlich - auf einen ähnlichen Endspurt in puncto Sachbücher gefasst machen. :-)

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    5. @Ariana: Ich weiß nicht, ob ich mich darauf freuen oder mich fürchten soll! :D

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  2. @Ariana und Winterkatze
    Vermutlich noch rechtzeitig für Weihnachtsbestellungen, hm? *g*

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  3. *seufz*

    Die Wunschliste ist gerade wieder mal länger geworden. Unverantwortlich, sowas... ;)

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    1. @Hermia
      ähem... ups? ;)
      Falls Du ein Tablet hast, vielleicht wäre ja skoobe mal (testweise) was für Dich. Bei Interesse melde Dich, über (m)eine Mitgliederempfehlung könntest Du 30 Tage kostenfrei testen (allerdings weiß ich nicht, ob die Testphase automatisch ausläuft oder Du aktiv werden musst).

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    2. Hm, ich habe zwar ein Tablet, allerdings lese ich damit nur sehr ungerne - ich nutze das ab und zu für PDF und anderen Kram, der am Reader nicht geht.

      Naja, das Buch läuft mir ja nicht weg. Ich gucke mal in der Bücherei, andererseits habe ich hier noch einige anderen Sachbücher liegen, die ich auch noch lesen will...

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    3. @Hermia
      Die kindle-ebooks lese ich auch (trotz kindle-app) auf meinem kindle, während auf dem Tablet die blureader-App für drm-geschützte ebooks (incl. Onleihe) und die skoobe-App ist.
      Und letztere nutze ich in diesem Monat doch recht intensiv und im nächsten Monat wohl auch (wegen des bei Kiya entdeckten und bei skoobe vorhandenen "Christmasland" von Joe Hill). :D Das finde ich so praktisch an den Tablets, dass die plattformübergreifend sind u. man kann die Helligkeiten u. Schriften inzwischen in den Apps sehr schön einstellen. Aber zum Lesen hätte ich trotzdem lieber ein 7er oder 8er statt des 10ers, das ich benutze. Naja, das nächste wird dann kleiner. Vielleicht. Weil ich ja noch etwas anderes damit tue als lesen. ;)

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