Montag, 6. Oktober 2014

"Wider Deinen Nächsten" von Hans Montag

Bereits am Samstagabend habe ich mir "Wider Deinen Nächsten" von Hans Montag auf meinen ebook-reader für lau geladen und im Bett mit dem Lesen begonnen. Ich war einfach neugierig darauf, was mir der Autor - der nach der Kurzbeschreibung ein genaues Leben in der DDR Anfang der 80er zeichnet, wobei im Mittelpunkt Luise, ihre Jugendliebe Martin und ihr Ehemann Karl stehen, der sich mit der Stasi einlässt, damit Luise die Jugendliebe vergisst - erzählen würde.

Ich gebe unumwunden zu, dass ich das ebook in vielen Teilen nur quergelesen habe. 

Und "Spoilerwarnung". Ich gehe gleich etwas mehr ins Detail -

Die Geschichte spielt 1983 im selbst zu DDR-Zeiten katholisch geprägten Eichsfeld. Luise ist Unterstufen-Lehrerin, die gläubig ist und zur katholischen Messe geht. Beim Sex (oder davor oder danach) darüber nachdenkt, dass sie ja weiß, dass er eigentlich nur dann keine Sünde ist, wenn er der Fortpflanzung dient (*seufz*) und sie ihrem Mann vielleicht jetzt den Sohn schenken kann, den er sich wünscht (*grmfp*). Ihrem Ehemann wird der Direktorposten im VEB angeboten - es stellt sich schnell heraus, dass dies nur durch seine Zusammenarbeit mit der Stasi möglich war, was er seiner Frau auch erzählt und was zu deutlichen Spannungen in der Ehe führt.

Luises und ihre Eltern haben früher bereits unter der Stasi gelitten, ihre Mutter lebt jetzt in der Sperrzone, sodass man immer eine Genehmigng braucht, um sie zu besuchen. Luises Bruder ist in den Westen geflohen, kommt aber ab und an zu Besuch. Luises und Karls Tochter Jessica kommt im Verlauf des Romans zur Schule, erhält aber zusaätzlich auch Religionsunterricht (und wird, wie im Roman angedeutet wird, wohl kein Pionier).

Diese Gesamtkombination kam mir so unwahrscheinlich vor.

Schon dass Luise in dem DDR-Staat überhaupt Lehrerin werden und so Einfluss auf die - aus Staatssicht - ideologisch zu beeinflussenden Kinder haben konnte, erscheint mir vor ihrem familiären Hintergrund merkwürdig. Dass sie nicht Parteimitglied ist, sondern in einer Kleinstadt zudem die katholische Kirche besucht, kommt nur noch hinzu. Dass ihrem Ehemann der Direktorenposten angeboten wird, kann man - aus Sicht der Stasi - noch irgendwie nachvollziehen. Aber sein Grund?! Er macht das, um seine Frau, mit der er schon Jahre offenbar glücklich zusammenlebt, zu beeindrucken und sie ihre Jugendliebe vergessen zu machen (die in einem Priesterseminar und gar nicht vor Ort ist)? Oookay - wirklich clever, dass er das macht, als die Ehe prima funktioniert und bevor sein "Rivale" überhaupt da ist. Hier hätte man sicherlich einen anderen Motivationsgrund für den "Erstkontakt" liefern können, der  noch nicht mal von Karl hätte ausgehen müssen bei dem familiären Hintergrund seiner Frau.

Auch die weitere Entwicklung mit der Mutter, den katholischen Grundsätzen zur Ehe, Luises und Karls Eheleben, dem Bruder etc. haben mich beim Lesen einfach nicht mitgerissen. Sprachlich und inhaltlich fiel mir auch sehr leicht, die Tischgespräche und Gedanken über die Jugendliebe, die Familie des Bruders etc. - die ich zu sehr ablenkend von dem eigentlich interessanteren Geschehen empfang - quer zu lesen und den Inhalt trotzdem zu erfassen. Wie z.B. die Fahrt an die Ostsee. Die Eheleute fahren mit ihrem Wartburg in den Sommerferien nach Prerow und können dort ein Haus eines Parteimitgliedes nutzen. Wenn sie zur Ostsee gehen oder einen Spaziergang auf dem Deich machen oder ins Restaurant "Blauer Hecht gehen, erscheint der Ort menschenleer. Dabei waren die Ostseebäder in den großen Sommerferien voll, viele Kinderferienlager, FDGB-Heime, regelmäßig gab es Versorgungsengpässe z.B. bei den Getränken. Im Roman merkt man hiervon nichts. Karl, Luise und Jessica bekommen sogar bei einem ersten - unangemeldeten - Besuch im  (von den Gästen sehr geschätzten, wie eine Anwohnerin sagt) "Blauen Hecht" sofort einen der vier (!) Tische und es gibt frisch gefangenen Zander. Was haben Luise und Karl doch für ein Glück ... (*erinnert sich an Schlangen vor diversen Fischrestaurants mit mehr als vier Tischen*).

Leider überzeugen mich auch die Charaktere nicht. Karls Motiviation habe ich ja oben schon angesprochen und vielleicht bin ich zu unromantisch oder hartherzig, dass dieses Motiv bei mir nicht griff. Luise ... ich habe mich regelmäßig über sie geärgert, was durchaus mit an ihrer Religion liegen kann, belassen wir es dabei. Die Jugendliebe? Ja, die taucht natürlich auch im Roman auf und sorry, auch hier gab es keine emotionale, sondern nur eine rationale Resonanz bei mir. Das Romanende empfand ich außerdem als zu bequem.

Ich finde ehrlich, dass die Ideen des Autors Potential hatten, aber das wurde nicht ausgeschöpft. Schade.

Kommentare:

  1. Danke für die Rezension. Das Buch interessiert mich vom Thema her sehr und als "Wessi" muss ich ja vieles dann einfach so hinnehmen. Nun werde ich mir das Lesen sparen.
    Vielleicht hast Du ja einen Lesetipp für mich für ein Buch, welches die Wirklichkeit der DDR beschreibt.
    Aly mit dem gerade sich ausgiebig putzenden Kater, die Damen sind noch unterwegs

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  2. Oookay, das klingt wirklich nicht ganz stimmig. Vor allem finde ich es schwierig "ein genaues Leben in der DDR Anfang der 80er" zu zeichnen, wenn man doch mehrere nicht ganz so gewöhnliche Grundvoraussetzungen in seinen Roman einbaut. Von all deinen anderen Kritikpunkten mal abgesehen ...

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  3. @Aly und Winterkatze
    Ich sehe ja, das im Roman ein Autor aus dramatischen Gründen Dinge verdichtet, mir erschien das hier aber zu verstärkt (Lehrerin, offenbar seit Kindesbeinen an katholischen Glaubens incl. Messebesuchen, Bruder geflüchtet, als Lehrin in einer Kleinstadt mit Buschfunk offene Kirchgängerin ..)

    Aly, ich wünschte, ich könnte Dir ein Buch nennen, aber die Wahrheit ist, dazu verfolge ich dieses Thema nicht konsequent genug. Ich habe z.B. weder "Der Turm" noch "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gelesen, kann also zu diesen beiden gar nichts sagen. Wenn mir ein Buch ins Auge fällt und mich - wie dieses ebook - einfach neugierig macht, schaue ich rein. "Eisenkinder" von Frau Rennefanz, in dem die Autorin ihre persönliche Empfindungen (die sie mir dann aber zu sehr auf die Masse von Eltern/Lehrer/Kinder verallgemeinert) in der Wendezeite schildert ist auch so ein Zufallsbuch. Oder zuletzt "Kinderland" von Mawil, dass mich zwar häufiger "Ja, daran erinnere ich mich!" sagen lässt, sich aber auf die letzten Monate bis zum Mauerfall und zudem auf Schule und die Perspektive eines Schülers beschränkt (aufmerksam auf den Comic wurde ich nur durch Hermias Link auf die Hotlist-Bücher).

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  4. Als ich dem Link zum Buch gefolgt bin und den "Verlag" gesehen habe, habe ich schon gar nichts anderes mehr erwartet. ;-)

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    1. Darauf habe ich nicht geachtet, Philipp, ich war einfach neugierig. ;)

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