Donnerstag, 9. Oktober 2014

"Stand up" von Julia Korbik

Das Hotlist-Buch wurde von Hermia vorgestellt - und ihre Besprechung fand ich interessant genug, dass ich mir "Stand up" von Julia Korbik geordert habe.

Der Untertitel lautet "Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene" und will ein Wegweiser sein für alle, auch für harte Jungs. Und inhaltlich, finde ich, gelingt das:

Korbik gibt zunächst in Grundlagen einen Überblick, z.B. was Gender und Sex ist und Feminismus bedeutet,was Sexismus. Warum empfinden noch immer Menschen die Begriffe Feminismus, Feminist/in, als negativ?

Es geht weiter mit dem zweiten Teil Gleichberechtigung, in dem gesellschaftliche Punkte angesprochen werden, wobei neben Mutterschaft, Kunst und Gaming auch z.B. Pornografie oder Politik thematisiert werden. Julia Korbik präsentiert das  Geschlechterrollenverhalten und die Wahrnehmung von Mann und Frau in der Gesellschaft. Diese Punkte sind, was Korbik darlegt, stark miteinander verzahnt, was die Autorin (u.a.) im Themenbereich Biologie/Soziologie behandelt. Um es überspitzt zu sagen (diese Zusammenfassung stammt also von mir): Wenn (noch immer) auf Frauenseite vom Mann erwartet wird, dass er handwerkliche Arbeiten erledigt oder den Bezieungskontakt Kontakt initiiert, so ist es kein Wunder, dass genau dies dann auch in Werbung und Film und Serie wieder auftaucht und dort wieder der nächste Generation "vorgelebt" wird, was ein echter Mann und eine echte Frau ist, dass Frauen schlecht einparken und Männer schlecht zuöhren. Und so ergibt sich die (auch jeweilige Eigen-)Wahrnehmung der Frau und des Mannes.

Dass es anders gehen sollte, muss und geht, wird dann natürlich auch angeführt. Immer wieder kommen Menschen mit feministischen Überzeugungen zu Wort, ob sie sich nun als solche bezeichnen oder nicht, und zwar querbeet.  Ob Schauspieler/in, Sängerin, Politikerin, Blogger/in: Entweder werden sie mit einem Zitat und dem "feministischen Verdienst" präsentiert oder aber sie beantworten fünf ausgewählte Fragen zu Vorbildern, Schlüsselmomenten etc. Dabei ist das Buch sehr aktuell - Lady Gagas Fleischkleid kommt ebenso zur Sprache wie die Brüderle-Sexismus-Debatte 2013. Es gab einige neue Fakten für mich, auch in den grafisch aufbereiteten Statistiken, und Ansichten  für mich zu erlesen. Z.B. ist der Amerikanerin Anne-Marie Slaughter der Meinung, dass Pionierinnen in der Politik (wie Indira Gandhi, Margareth Thatcher und man kann auch Angela Merkel als erste deutsche Kanzlerin hier anführen) zunächst "wie Männer" sein mussten/müssen, um überhaupt Politik zu machen Nach ihrer Etablierung/Akzeptanz konnten sie - oder ihre Nachfolgerinnen - sich dann auch für Frauenrechte einzusetzen, weil sie sich selbst nicht mehr "als Männer" in ihrem politischen Amt verstellen müssten. Slaughter führt zB. Hillary Clinton, die als inzwischen 3. US-Außenministerin weniger den gesellschaftlichen Druck verspürte, als Frau etwas beweisen zu müssen - und so mehr Möglichkeiten habe, sich für Frauenthemen einzusetzen. Diese Ausführungen machen für mich Sinn, ich kann mich Julia Korbik daher nur anschließen, wenn sie schlussfolgernd sagt:

"Wir brauchen mehr Politikerinnen in hochrangigen Führungspositionen. Weil so längerfristig bessere Chancen bestehen, dass diese sich für die Interessen von Frauen einsetzen. Aber auch, weil es eine Frage der Gerechtigkeit ist. Hey, die Hälfte aller Deutschen sind Frauen! Da können wir ja wohl erwarten, dass diese in den demokratischen Institutionen angemessen vertreten sind." *

Dem vorstehenden Zitat kann man auch gleich den Ton des Buches entnehmen. Er ist modern, jung, schnoddrig. In die zusammengetragenen Fakten, die Julia Korbik, geboren 1988, aufbereitet, fließen auch immer wieder Eigenerfahrungen der Autorin ein und wird der Leser - insbesondere im letzten Kapitel - direkt angesprochen. Das funktioniert gut und ist offensichtlich einer jungen Zielgruppe geschuldet.

Nun soll sich das Buch ja an Anfänger wie Fortgeschritten richten. Diese gibt es nicht nur einer Altersgruppe um die 20. Ich würde mich jetzt zwar nicht als Anfängerin bezeichnen, falle aber mit fast 45 Jahren nicht in die Zielgruppe. Ich war, wie Hermia, neugierig. Und ich hoffe, es wird mehr geben, die das Buch aus Neugierde lesen, unabhängig davon, ob sie Anfänger/in oder Fortgeschrittene/r in Sachen Feminismus sind. Wie der Ton, die direkte Du-Anrede, die Sprache durch eine andere Generation wahrgenommen wird, kann ich nicht abschließend beurteilen; ich hatte mit ihr grundsätzlich kein Problem, auch wenn sie ab und an etwas flapsig wirkte.

Was mir auffiel - vermutlich ist Herr Schneider mit dem von mir vor kurzem gelesenen Buch "Speak German" verantwortlich für meine entsprechende Sensibilisierung verantwortlich -, ist der englische Sprachgebrauch dort, wo es nicht um übernommene Begriffe wie "gender" oder "rape culture" o.ä. geht (die im Glossar auch erläutert werden).  Ich kann ja die Griffigkeit des englischen Titels "Stand Up" oder Kapitelergänzungen ("Let's get down to Business, Baby") sehen und das Moderne, wenn die Autorin im laufenden Text "anyone?" einfließen lässt. Trotzdem fielen mir diese Dinge ebenso auf wie "<3 feminism" auf dem Buchschnitt oder englische - nicht übersetzte - Zitate, Schlagworte/Grafiken im Buch. Ich fühle mich der englischen Sprache hinreichend mächtig, um auch bei den - zugestanden wenigen - englischen Zitaten klar zu kommen. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass man dies nicht einfach bei einem/einer Leser/in voraussetzen sollte, wie es aber offenbar geschieht, besonders, wenn es ein deutsches Buch einer deutschen Autorin für den (zumindest zunächst) deutsprachigen Markt ist und eine Übersetzung ins Deutsche problemlos als Fußnote o.ä. geliefert werden könnte. Würde die Autorin eine andere Weltsprache wie Spanisch benutzen, wäre ich z.B. auch aufgeschmissen. ;)

Ein anderer Punkt, der mir durch den Kopf ging, ist, ob "harte Jungs", wie es so nett auf dem Klappentext hinten heißt, wohl wirklich zu dem Buch in dieser Aufmachung - die zweifellos ins Auge fällt - greifen und hineinschauen würden. Ich befürchte eher nicht. Schon das wäre bedauerlich (denn grundsätzlich wären die Texte und Ansichten auch für Männer interessant). Bedauerlich ist aber auch, dass im Vergleich zu Frauen sehr wenig Männer mit feministischen Ansichten in "Stand Up" zu Wort kommen, von denen es sicher einige gibt. Für einen Wegweiser betreffend Feminismus - im Ergebnis mit dem Ziel der Gleichberechtigung von Mann und Frau - "für Anfänger und Fortgeschrittene" und "für alle- auch für harte Jungs" ist das schade, da männliche Impuls-und Inspirationsgeber etwas fehlen. 

"Stand up" finde ich trotz meiner Anmerkungen ein lesenswertes und informatives Buch, dass sich mit den unterschiedlichsten Aspekten feministischer Fragen auseinandersetzt, weiterführende Literatur benennt, den Blick schärft und Tipps gibt.

*Quelle: "Stand Up" von Julia Korbik, S. 300, 1. Auflage, Rogner & Bernhard, ISBN: 978-3-95403-044-6

Kommentare:

  1. Merkwürdig, ich dachte, ich hätte hier kommentiert. Muss ich wohl geträumt haben...

    Was du zum Thema Englisch sagst, das stimmt natürlich. Mir ist es auch aufgefallen, allerdings war ich dafür nicht so sensibilisiert wie du. Wird interessant werden, weil ich das Buch demnächst an eine Freundin gebe, die von sich selber sagt, das sie fast kein englisch kann. Bin schon gespannt, was sie davon halten wird!

    Auch, was du zum Thema Führungspositionen schreibst, finde ich sehr wichtig! Richtig erschreckend finde ich aber die Anfeindungen, die einem da teilweise entgegen schlägt. Nija hat darüber erst neulich einen erschreckenden Artikel geschrieben: http://temptedbybooks.wordpress.com/2014/10/12/wo-kritik-aufhort/

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    1. Offenbar spinnt Blogspot mal wieder. Einer meiner Kommentare ist - ich glaube am - Freitag bei Neyasha nicht angekommen und ich glaube Ariana vermisste einen bei der Winterkatze an diesem Wochenende. Das ist so frustrierend, ARGH!!!!
      So, das musste mal wieder raus...

      Ich führe diese Sensibilisierung wirklich auf das Buch von Herrn Schneider zurück. Mir fallen seit dessen Lektüre auch mehr engl.Begrifflichkeiten im Radio oder Stellenbeschreibungen (Coach) auf. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke: Englisch war bei uns an der allgemeinbildenden Schule kein Standard-Fach, das war russisch. Ich konnte ab der 8. Klasse deshalb am Englisch-Unterricht teilnehmen, weil die Leistungen in Russisch sehr gut waren (damals, leider ist zu Vieles davon weg, so viel Arbeit und es kaum noch was da) u. es sich abzeichnete, dass ich zur Erweiterterten Oberschule (Abistufe) ging. Wir haben im Englisch-Unterricht dann auch hauptsächlich Vokabeln und Grammatik gelernt, englische Literatur wurde schon mal gar nicht gelesen - dafür war auch zu wenig Zeit, der Russisch-Unterricht nahm viel zu viel Zeit dafür ein.

      Hinzu kommt: Obwohl die Autorin einer jüngeren Generation angehört, die grundsätzlich viel mehr mit der englischen Sprache verbunden ist , bin ich mir nicht sicher, ob diese Generation durchgängig ein entsprechendes Sprachverständnis hat. Das hat so viel mit Schule, subjektivem Interesse und Leistungsfähigkeit zu tun...

      Ich bin neugierig, wie Deine Freundin das wahrnimmt, vielleicht hat sie damit gar kein Problem. :)

      Nijas Artikel über diese Anfeindungen ist wirklich erschreckend. Das ist so, so ... mir fehlen die Worte. Ich habe an anderer Stelle gelesen, dass eine Entwicklerin auch die Teilnahme an einer Messe abgesagt hat, weil die Waffengesetze im entsprechenden Staat zu lasch sind und sie schlichtweg Angst hat.

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  2. Im letzten Jahr bin ich immer wieder, vorwiegend auf Blogs, auf das Thema Feminismus gestoßen. Ich habe mich aber nie damit beschäftigt und dachte schon länger daran, ein Buch darüber zu lesen. Heute morgen bin ich zufällig auf dieses Buch gestoßen und fand es interessant. Jetzt nach deiner Rezension bin ich nur noch neugieriger darauf.

    Liebe Grüße,
    Julia

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    1. Falls Du zufällig Skoobe nutzt, Julia, kannst Du es dort lesen, wie ich gestern beim Stöbern gesehen habe. :)

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    2. Skoobe nutze ich nicht, auch wenn ich immer wieder denke, das es schon interessant ist. Vor allem, weil es ja nicht teuer ist. Aber dann denke ich immer wieder an all meine ungelesenen Bücher, die ich ganz sicher vernachlässigen würde, und daran dass ich ja auch eine Bibliotheksmitgliedschaft habe, und verwerfe den Gedanken an eine Anmeldung wieder. Wobei ich bei einer dieser Testaktionen bestimmt mal mitmachen werde.

      Wie lange kann man die einzelnen Bücher denn ausleihen?

      Ud danke, für den Hinweis.

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  3. So lange, wie Du brauchst. Ich bin vom Skoobe-Service bislang noch nie aktiv gebeten worden, ein ausgeliehenes ebook zurückzugeben. Ich nutze Basic für 9,99 EUR monatlich und kann drei Bücher gleichzeitig ausleihen. Wenn ich Nr. 4 will, muss ich halt eines der anderen drei zurückgeben, was ich aber nicht als hinderlich empfinde. ;) Und im Gegensatz zur Onleihe muss man nicht warten: Ist das Buch im Skoobe-Angebot, kann es ausgeliehen werden. Sofort.

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