Samstag, 13. September 2014

Ardalén von Miguelanxo Prado

Ardalén = ein Wind aus Südwest, der u.a. den Geruch von Salz von der Atlantikküste bis weit ins Landesinnere bringt und der nach dem Volksglauben an den Küsten Amerikas entsteht und den Atlantik überquert *

Eine junge Frau kommt in ein Gasthaus eines spanischen Bergdorfes. Sie will mehr über ihren Großvater erfahren, der Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts seine Frau und seine zwei Töchter verließ und nach Kuba ging, kurz zurückkehrte und seine Familie dann wieder verließ. Die Großmutter schweigt ihn tot, die Mutter macht es ihr nach, aber Sabela versucht etwas über ihn zu erfahren. Aus einem von der Tante aufbewahrten Brief weiß sie, dass ihr Großvater auf einem Schiff mit einem Mann aus diesem Dorf gearbeitet hat ... Die alten Männer im Gasthaus schicken sie zu Fidel - ausgenommen einer, Tomas, der nicht glücklich darüber ist, dass Fidel überhaupt erwähnt wird.

Fidel ist alt, sein Gedächtnis ist nicht mehr was es war. Er sagt "Die Erinnerungen kommen und gehen, ich kann sie nicht einordnen... Als wäre das Buch meines Lebens zerfleddert und ich hätte nur noch ein paar Seiten in der Hand, die ich nicht in die richtige Reihenfolge bringen kann."

Ob und an was sich Fidel erinnert und ob Sabela mehr über ihren Großvater erfahren wird, darüber will ich gar nichts sagen. Und auch nicht, warum Tomas, unglücklich über Sabelas Auftauchen ist - nur so viel, Tomas ist eine Giftspritze. 

Aber ich will versuchen, in Worte zu fassen, wie es mir beim Lesen der Geschichte - die deutsche Übersetzung von Sybille Schellheimer klingt für mich großartig - und Betrachten von Prados Fotos ging. Und das fällt mir schwer, weil ich noch immer nicht ganz fassen, was genau es ist, dass mich so berührt hat.

Als ich die ersten Bilder von Fidel sah, als er Sabela die Tür öffnet, musste ich schlucken - seine hagere Gestalt, sein weißes Haar, die Linien in seinem Gesicht, sein Blick, so fragend, traurig, allein. Ein paar Panels weiter traten mir das erste Mal - ja, es passierte mehrfach - die Tränen in die Augen. Fidel erinnert sich an das Licht, die Farben und die Musik - sein Gesicht ändert sich so deutlich. Im nächsten Bild sieht man nur Sabelas und Fidels Schemen an einem karibischen Strand, eine Visualisierung Fidels Erinnerung.

Später, Sabela ist bereits fort, bekommt Fidel Besuch aus der Vergangenheit, von Ramon. Es ist deutlich, dass Ramon nicht tatsächlich bei ihm ist - und um sie beide herum schwimmen Fische .... Ein weitere starkes Bild für mich ist der auf einem Stein am Eukalyptuswald sitzende Fidel. 

Die Gesichter sind ausdrucksstark. Nicht nur Fidels. Sabela erscheint mir traurig und als hätte sie Augenringe, als sie aus ihrem Auto steigt und ins Gasthaus tritt. Die Gastwirtin beobachtet ruhig, abwartend. Der stille Tomas, dessen Blicke und Mimik mich von Anfang an misstrauisch machen. Die Bilder zeigen Alltäglichkeiten - Personen in Gesprächen, das Rühren in einem Kaffee, Hände (beim Kartenspiel oder beim Erzählen) und ich mag sie, selbst dann, wenn die Augen übergroß sind oder die Perspektive in meinen ungeübten Augen etwas merkwürdig erscheint. Es sind, denke ich, Ölkreidezeichnungen.

Ich denke, dass mich die Geschichte und besonders die Zeichnungen so sehr berühren, dass mir mehrfach die Tränen kamen, hat - neben einer gewissen Melancholie der Geschichte - damit zu tun, dass mich Fidel an meinen Vater erinnert, den ich sehr vermisse, obwohl Fidel und er sich von einer vagen äußerlichen Übereinstimmung kaum ähnlich sind. Es ist einfach ... ein Gefühl der Vertrautheit. Hinzu kommt, dass ich die Ostsee vermisse. Die immer wiederkehrende Bezüge zum Meer ließen die bereits angeschlagenen Saiten in mir nicht verstummen, Fidel in einem Bergdorf so weit vom Meer entfernt und ihm dennoch auf eine besondere Weise so nah.

Ich habe, als ich das Buch beendet hatte, einfach nur da gesessen und es festgehalten. Ich fühle mich etwas müde und ausgelaugt. Die in mir heute hervorgerufenen Reminiszenzen sind anstrengend und emotional fordernd, aber sie sind nicht schlimm, trotz der Tränen. Sie gehören in die Kategorie traurig-schön.

Der gesamte Band wird in mir nachklingen.
Eine Leseprobe zu Ardalén von Miguelanxo Prado findet ihr hier: (klick) 
(fiktiver Wind, nach Miguelanxo Prado in "Ardalén")

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich sehr berührend. Ich hoffe, es bleibt bei traurig-schön und du kannst den Abend ruhig ausklingen lassen. :)

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  2. Ich finde auch Deine Worte sehr bewegend und kann mir vorstellen, dass das ein emotional turbulenter Tag war. Ich wünsche Dir später eine gute Nachtruhe - vielleicht hat das Niederschreiben hier im Blog das Verarbeiten etwas erleichtert?

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  3. @Winterkatze und Sayuri
    Ich bin gestern wirklich früh ins Bett und habe mir einfach die Ruhe gegönnt, eine Zeitlang nichts zu lesen, nichts zu schauen. Es war schön, als die MuMs sich dann zum Schlafen hineinkamen und einfach ein wenig gekatzelt werden konnte. :)

    Ja, das Schreiben darüber tat gut, Sayuri.

    Ich wollte aber auch unbedingt versuchen zu sagen, wie das Buch auf mich gewirkt hat - weil ich im Allgemeinen ein emotional vom Text mehr distanzierter Leser bin und im Gesamtvergleich eher wenige Geschichten mich emotional so aufrütteln.

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  4. Ich kann mich den anderen nur anschließen, das klingt wirklich sehr berrührend. Und das man danach erstmal Abstand, eine Lesepause braucht, finde ich völlig normal. Irgendwie müssen sich die Emotionen erst mal setzen. ;)

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