Sonntag, 20. Juli 2014

"Der Mieter" von Roland Topor (audio)

Okay, das war seltsam, manchmal eklig.
Und surreal.

Aber von Anfang an.

"Der Mieter" von Roland Topor erzählt von dem Angestellten Trelkovsky, der in Paris eine Wohnung sucht. Offenbar ist das in Paris in der Zeit, in welcher der Roman spielt, ein echtes Problem und Drama. Von einem Bekannten erfährt er dann, dass gerade ein kleine Wohnung  freigeworden ist. Die Mieterin habe nämlich einen Selbstmordversuch unternommen und liege mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Es ist unwahrscheinlich, dass sie je in die Wohnung zurückkehren wir.  Trelkovsky begibt sich in das Haus zum dort lebenden Vermieter und nach einigem Hin und Her erhält er die Wohnung. Trelkovsky besucht Simone auch noch einmal im Krankenhaus, bevor diese verstirbt, kann aber mit ihr kein Wort wechseln. Sein Glück, eine Wohnung gefunden zu haben, wird jedoch alsbald getrübt. Die Nachbarn beschweren sich über die Lautstärke der Einweihungsfeier, das Möbelrücken etc. Mehr und mehr fühlt sich Trelkovsky von den Nachbarn überwacht, schikaniert, bedroht, obwohl er sich kaum noch in der Wohnung bewegt. Hinzu kommt Trelkovskys Interesse für die verstorbene Simone. Oder wurde auch letzteres nur von den Nachbarn induziert?

Es ist nur Jens Wawrzeck zu verdanken, dass ich das Hörbuch beendet habe. Denn gerade den Anfang der Geschichte mit den Schleimereien Trelkovskys fand ich nicht so interessant oder faszinierend. Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit hätte ich die Geschichte früh ad acta gelegt, wenn, ja wenn nicht  Jens Wawrzeck mit seiner charakteristischen Stimme gelesen hätte. Es war noch nicht einmal so, dass er am Anfang exzessiv betont gelesen oder "agiert" hätte (das steigerte sich besonders zum Ende hin und das - dank des Sprechers - machte das Geschehen sehr präsent). Nach meinem Empfinden liest er Passagen fast nüchtern, distanziert, als würde Trelkovsky sich von außen betrachten und analysieren.

Jedenfalls blieb ich am Ball  und erlebte, wie Trelkovsky versuchte, in dem Mietshaus "Fuß" zu fassen und "dazu" zu gehören. Ich verfolgte einerseits, wie die verstorbene Simone Faszination auf ihn ausübte - im Cafe oder seine Freude, wenn er entdeckte, dass ihr Geschmack übereinstimmte. Und ich erfuhr andererseits von seinen Problemen mit den Nachbarn. Ist es das, wir heute Mobbing nennen? Entwickelt Trelkovsky paranoide Züge? Falls ja, weshalb? Was ist mit den Nachbarn, was ist mit Trelkovsky? Ihr mehr wissen wollt, dann greift zum Buch oder der Hörbuchumsetzung.  Ich will an dieser Stelle nicht detaillierter auf die Geschehnisse eingehen, weil sie in ihrer Komplexität zu Spoilern führen würden.

Ich denke, es ist eine Geschichte, die - falls man sie beendet - auf jeden Fall etwas im Leser/Hörer provoziert. Unbeeindruckt geht wohl niemand von der Geschichte fort. Sie wurde übrigens kurz nach Erscheinen von Roman Polanski (mit sich in der Hauptrolle) verfilmt. Den Film kenne ich allerdings nicht und kann jetzt nicht sage, wie werkgetreu er ist.



Kommentare:

  1. Das klingt seltsam, aber auch interessant. Aber inwiefern ist die Geschichte "eklig"?

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  2. Großartig, da hat Blogger gestern meinen eigenen Kommentar gefressen. ...

    Geschehnisse in dem Roman sind unbehaglich, seltsam, manche haben in meiner Vorstellung auch Ekel hervorgerufen, beginnend auf der untersten Stufe mit, ich sage mal, Unappetitlichkeit. Jeder Mensch hat insofern ja auch anderes Ekelempfinden. ;) Ich weiß leider nicht, Neyasha, wie ich deutlicher werden kann ohne Ereignisse des Romans zu spoilern. ;)

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    1. Okay, danke für die Antwort, damit kann ich schon was anfangen. Ich hab mich nur gefragt, weil die Beschreibung dann eigentlich nicht danach klang, als ob da etwas eklig wäre.

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    2. Stimmt, im Text selbst bin ich darauf gar nicht mehr eingegangen. ;)

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  3. Hmhh, wie bist Du denn darauf gekommen???

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    1. Das Hörbuch habe ich in Arianas Hörbuchliste entdeckt und gedacht, es wäre eine gute Idee, mal hineinzuhören. Es war also eher eine Zufallsentscheidung, Jed. :)

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