Dienstag, 3. Juni 2014

"Im Block" von Walter Kempowski

„Im Block“  von Walter Kempowski  war eine Leihgabe meines Chefs. In diesem Buch arbeitet der Autor autobiographisch seine Inhaftierung durch die damalige sowjetische Besatzungsmacht auf.

Walter Kempowski war 1948 während eines Besuchs bei seiner Mutter in Rostock wegen des Vorwurfes der Spionage für die Amerikaner verhaftet und von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Bei einer Internetrecherche nach der Lektüre habe ich erfahren, dass dieser Vorwurf wohl nicht soo unbegründet war, da Walter Kempowski offenbar aktiv beim amerikanischen Nachrichtendienst in Wiesbaden vorstellig geworden war. Auch wenn es im Zusammenhang mit dem „Haftbericht“ interessiert, ob der Ich-Erzählende der Spionage schuldig war oder „einfach“ nur als unliebsames liberales Element „entfernt“ werden sollte, das Hauptaugenmerk liegt auf dem (Über-)Leben während des Tribunals und der Haftzeit im Speziallager Nr. 4 in Bautzen. 

Ich habe bislang kein anderes Buch Kempowskis gelesen und kann daher nicht sagen, ob der hier gepflegte Erzählstil für ihn charakteristisch ist bzw. sich im Laufe der Jahre verfeinert hat. "Im Block" ist grundsätzlich ein Frühwerk, auch wenn ich die Neubearbeitung aus 1987 gelesen habe. Es zeichnet sich jedenfalls durch einen sehr klaren Stil aus, wobei die Sätze blockartig angeordnet sind; damit sie sind durch dieses Format ebenso eingesperrt wie es der Erzähler war. Der Lesbarkeit hat es nach meinem Empfinden überhaupt keinen Abbruch getan. Ich hatte vielmehr das Gefühl, durch diese Form durch den Text gedrängt zu werden. 

Dabei nimmt sich Walter Kempowski bei seiner Erzählung sehr stark zurück, was grundsätzlich zu der Schlichtheit seiner Sätze korrespondiert. So werden Misshandlungen der Gefangenen - psychisch und physisch - zwar geschildert, aber trotz persönlichen Erlebens (direkt oder indirekt) geschieht dies sehr sachlich, protokollartig. Im Ergebnis nehme ich alles über den Bericht wahr: ob das Tribunal, die "Überzeugungsarbeit" der Verhörer, die Überbelegung, die kleinen "Siege" oder privaten - und nicht so privaten - Erlebnisse (von hereingeschummelter Lektüre über Gedichte bis hin zu Beziehungen zwischen den Gefangenen) und so vieles Weitere mehr. Und ich lese auch zwischen den Zeilen und den Blöcken.

Aber ich habe dennoch das Gefühl, dass ich die physische, emotionale und psychische Tragweite für Kempowski - und für die anderen Inhaftierten - nicht "richtig" erfasse (in Gänze wäre es sowieso nicht möglich). Ich führe dies auf die vom Autor bewusst gewählte Distanzierung zurück. Letztere bewirkte, dass sich _für mich_der Erzähler nicht nur von den Ereignissen depersonalisierte, sondern er sich dazu auch noch von seinem Selbst distanzierte. Durch diese Steigerung wird für mich der Abstand zu den Ereignissen einerseits und zum Innenleben des Erzählers andererseits fast zu groß. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass diese Depersonalisierung nicht nur stilistisches Mittel war, sondern für Kempowskis auch die beste Möglichkeit, mit seinen Erlebnissen umzugehen...

Kommentare:

  1. Bei manchen Themen denke ich, dass sie vielleicht nicht autobiografisch, sondern vielleicht besser von einem anderen Menschen, der sich intensiv mit der Person, um deren Erlebnisse es geht, unterhält und auseinandersetzt, erzählt werden sollten. Diese Distanz, von der du berichtest, würde es mir vermutlich auch schwer machen, das Geschilderte richtig einzuordnen.

    (Und herzlichen Glückwunsch zum Bewältigen der Sachbuch-Challenge! :) Ich hoffe, dass du trotzdem noch weitere Sachbücher besprichst.)

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    1. Ich habe in der Zwischenzeit noch etwas gegoogelt und wie es scheint, hat Kempowski dieses nichtwertende Protokollieren auch bei anderen Projekten angewandt. Mir, wie gesagt, war es im Fall von "Im Block" "zu viel". ...

      Oh danke! :) Und ich habe gerade aktuell eine weitere Sachbuch-Nachlese online gestellt und auch diese der Challenge zugeordnet. :D

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    2. Dann scheint es wohl wirklich einfach sein Stil zu sein ... hm ...

      Fleiß-Natira! :D

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  2. "Im Block" habe ich - soweit ich mich erinnere - auch nur einmal angelesen. Ich fand es damals (und das ist bestimmt schon weit über 10 Jahre her, damals war ich noch fleißiger Bücherei-Kunde) furchtbar bedrückend und konnte mich zu der Zeit nicht darauf einlassen. Genaue Erinnerungen habe ich nicht mehr (also z.B. wie weit ich gekommen bin usw.) aber ich weiss auch, dass es mich irgendwie nicht erreicht hat...
    Kempowski habe ich ja mal bei einer Lesung gesehen - da hat er mir ganz gut gefallen. Aber auch das ist lange, lange her...

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    1. Ah, Dir ging es ähnlich, Sayuri. Ich stelle mir Kempowski als einen interessanten und sympathischen Menschen vor, der live bestimmt sehr präsent war.

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