Sonntag, 20. April 2014

Ostern 7d7b: Tag 7 - "Elizabeth wird vermisst" von Emma Healey

Heute gegen Mittag habe ich mir "Elizabeth wird vermisst" von Emma Healey gegriffen und bin in dem Roman ziemlich versunken. Inzwischen habe ich den Roman beendet und fühle mich, ich weiß gar nicht genau, wie ich mich fühle.

Der Roman ist vollständig aus Mauds Perspektive geschrieben, einer 81jährigen Witwe, deren Sohn Tom nach Deutschland verzogen ist und deren Tochter und Enkeltochter weiterhin in ihrer Stadt leben. Für den Leser ist von Anfang an klar, dass Maud Probleme hat, es gibt überall Zettel, Worte fallen ihr nicht ein (Brett, auf dem man sitzen kann). Zwar kommt täglich die Hilfe Clara (na, sie hatte ich ja wegen der von ihr erzählten Horrorgeschichten gefressen!) und Mauds Tochter Helen vorbei (wirklich täglich?), aber Maud vermisst ihre Freundin Elizabeth. Mehrfach ruft sich im Haus ihrer Freundin an, geht zu deren Haus, aber sie trifft sie nie an. Elizabeth soll bei ihrem Sohn Peter sein, aber Peter hat sich schon früher nicht besonders um seine Mutter gekümmert. Und vielleicht stimmt das ja auch gar nicht. 

Immer und immer wieder kommt Maud auf Elizabeth zurück, was, für den Leser spürbar, u.a. ihrer Tochter fast den letzten Nerv raubt. Aus Mauds Sicht erscheint es dagegen so, dass Helen ihr nicht glaubt. Also versucht sie immer wieder etwas über Elizabeths Verleib zu erfahren. Als Leser weiß man, dass es eine vernünftige Erklärung dafür geben muss, dass Elizabeth nicht daheim ist. Nur, welche? Denn da man als Leser Mauds Perspektive teilt und sie es nicht (mehr?) weiß, bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als Mauds Versuche zu verfolgen, ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen zu teilen. Letztere beschränken sich dabei nicht nur auf ihre Freundschaft mit Elizabeth, sondern umfassen auch Mauds Jugendzeit kurz nach Kriegsende, als Mauds verheiratete Schwester Sukey verschwand.

Okay, es ist recht praktisch, dass diese Jugenderinnerungen zeitlich relativ geordnet getriggert werden, aber auch wenn mir das auffiel, wirklich gestört hat es mich nicht. Irritierter war ich eher, dass angesichts der von Helen und Clara länger beobachteten Vorfälle der medizinische Mental-Test - vermutlich - recht spät durchgeführt wurde.

Aber das sind Kleinigkeiten, die für mich kaum ins Gewicht fallen. Ich war und bin viel zu faziniert von Mauds Leben. Las ich zu Beginn das Buch noch leicht distanziert wie eine Art Autobiographie, wurde ich mehr und mehr in ihr Leben hineingezogen und insbesondere die Mischung aus bewussten Phasen mit völlig normalen folgerichtigen Schlussfolgerungen, der sich ohne Vorwarnung der Gedächtnisverlust anschlossen (z.B. als Maud sich zu Oxfam begibt und danach in den Park geht) erschütterte mich.

Ich bewundere Emma Healeys Entscheidung, den Roman konsequent nur aus Mauds Perspektive zu schreiben. Sie hat sich dabei bewusst gegen eine ordnende Stimme im Roman entschieden und thematische Wiederholungen in Kauf genommen. Für mich bewirkte das eine starke Annäherung an Maud. Und ihre Gedanken und Empfindungen, ihre Schlussfolgerungen, Entscheidungen und Ängste fühlen sich für mich richtig und plausibel an. Ja, wie ein Alzheimer Patient seine Umwelt wirklich wahrnimmt, können wir nur durch ihn erfahren, jedoch mit fortschreitender Krankheit immer verzerrter (Kurzzeitgedächtnis/ Kommunikationsfähigkeit). Mich würde es jedoch nicht überraschen, wenn diese Wahrnehmungen denen von Emma Healeys Maud entprechen.

Ob ich am heutigen Abend noch ein weiteres Buch beginnen werde, weiß ich noch nicht. Obwohl Emma Healeys Erzählstil angenehm ist - sie überdramatisiert nicht und drückt auch nicht auf Tränendrüsen -, bin ich momentan noch etwas ausgelaugt von diesem Roman. Ich werde vielleicht noch eine kleine Blogrunde drehen, mein Glas Rotwein austrinken und meine Backerbsen weiterhin vor den MuMs beschützen (die beiden machen wirklich vor nichts halt!). Voraussichtlich morgen werden wir uns also wieder hier in diesem Theater lesen.

(Merlin und Marlowe heute gegen 18.30 Uhr)

Kommentare:

  1. Deine beiden Sonnenkater sehen ja wieder bezaubernd aus, aber was wollen sie denn von deinen Backerbsen? Oo

    Dass so ein Buch lange nachklingt, kann ich mir vorstellen. Der Verlust des Erinnerungsvermögens, von Wörtern, von Glaubwürdigkeit - ich glaube, dass kaum etwas anderes so beängstigend ist.

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    1. Die Backerbsen klapperte so verführerisch in meiner Snackschale und klang in ihren Ohren wohl nach TroFu oder Leckerlis.Ehe ich mich versah hatte Marlowe die Pfote drin und ein paar Erbsen draußen, die dann von beiden durch die Wohnung gekickt wurden und - soweit ich sie nicht fand - vermutl. auch gefressen wurden.

      Ja, die Isolation und Unfähigkeiten (Lesen z.B.), die mit (u.a.) dieser Krankheit einhergehen, machen mir auch Angst.

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    2. Also bitte, wenn du Trofu isst, dann musst du eben damit rechnen, dass die MuMs auch etwas abhaben wollen. :D

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  2. Jetzt möchte ich das Buch gleich noch ein bisschen mehr lesen und es rutscht auf meiner Wunschliste nach oben :) Lieben Dank also für das Teilen deiner Gedanken zu dem Buch.

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    1. Gern, Julia! :)
      Ich bin neugierig, ob Du das Buch ähnlich empfinden wirst wie ich.

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  3. Ja, auf das Buch hast du mich jetzt auch neugierig gemacht. Ist auf die Wunschliste gewandert. ;-)

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    1. Ich bin gespannt, wie es Dir gefallen wird, Ariana.

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