Sonntag, 9. März 2014

"Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Jules Verne (audio)

Es ist so lange her, dass ich das Buch "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" gelesen habe, dass viele Details meiner Erinnerung durch den (oder die?) Filme ersetzt wurden (ich glaube, es war diejenige mit James Mason). Wie überrascht war ich z.B. zu hören, dass die Expedition deutlich weniger Personen aufwies als von mir erinnert ...

Die Geschichte beginnt im Hause des Professors Lidenbrock zu Hamburg und wird von dessen Neffen Axel erzählt. Dieser berichtet davon, wie sein Oheim eines Tages mit einem antiken Buch nach Hause kommt und in diesem eine verschlüsselte Runeschrift des Isländers Arne Saknussem findet. Dieses Ereignis führt dann letztlich zur Expedition des Professors und des ihn unwillig begleitenden Neffen Axel; das Trio wird auf Island von dem stoischen Hans komplettiert.

Für mich war dabei die "Vorgeschichte", wie es also zur Entschlüsselung der Schrift bis zum Abstieg in den Krater kommt, ebenso interessanter als die Ereignisse danach. Die Charakterisierung von Professor Lidenbrock durch die Augen seines Neffen erfolgt dabei schon sehr frühzeitig- und ebenso Axels durch seine eigenen Aktionen. Selbst wenn man bedenkt, dass letzterer ein junger Mann und abhängig von dem Professor ist, so wirkt Axel zusätzlich auch charakterlich schwach, bequem und mit phlegmatischen Tendenzen. Bezeichnend ist, dass er im Gegensatz zm Professor den Code erkennt, die Expedition gern verhindern will - um bei seinem Gretchen und in Sicherheit zu bleiben - , er aber dennoch in der Lage ist, sein Geheimnis zu bewahren: Denn er schafft es nicht, kurzfristig dem Hunger im Hause des Professors zu widerstehen oder selbständig einen Weg zu suchen (und zu finden), um gegen diesen anzugehen. Der Professor dagegen ist cholerisch veranlagt, überheblich, dominierend und nicht kritikfähig (wenn sich Axel denn dazu aufschwingt). Dass die beiden trotz ihrer Unterschiede und Streitereien aneinander auch emotional hängen, zeigt sich aber auf der späteren Expedition ebenso, wie ihnen die Charakterschwächen Probleme bereiten. ;)  Jules Verne hatte nämlich keine Hemmungen, letztere immer wieder vorzuführen, z.B. wenn der Professor Lidenbrock auf Island durch einen Kollegen im Zusammenhang mit dem Bibliotheksbestand zusammengestutzt wird oder Axel erkennen muss, dass Gretchen mutiger und neugieriger ist als er selbst.

Neben der Idee, solch eine Forschungsreise zum Gegenstand eines Romans zu machen, finde ich noch immer faszinierend, wie Verne Fiktion und Realität vermischt. Die Forscher finden ein unterirdisches Meer und besondere Bäume - aber im gleichen Roman spricht er über die Gefahren von Grubengas, die Entstehung (und Verwertung) von Kohle oder geologische Gesteinsschichten oder führt Berechnungen vor (Abstiegsdauer). Der Autor Snorri Sturluson des antiken Buches (in dem sich die Schrift befindet) ist eine historische Person, der Isländer Saknussem dagegen nicht. Es wird im Roman eine Ruhmkorfflampe verwendet und gepriesen, eine tragbare elektrische Leuchte. Gab es sie damals? Meine Recherche brachte mich auf die Seite von Andreas Fehrmann, der sich damit beschäftigt hat (klick). Das Ergebnis: Ja, in 1862 wurde eine entwickelt - der Roman erschien 1864  -, die technische Entwicklung ging jedoch auf Dauer in eine andere Richtung. Für damalige, technisch interessierte, Leser war Ruhmkorff wohl ein Begriff, meine Recherche heute war etwas aufwändiger. ;)

Heutzutage sind die im Roman angeführten Theorien zur Entwicklung der Erde oder Geologie hoffnungslos veraltet, damals, stelle ich mir vor, war es - selbst unvollständig oder fehlerbehaftet - unterhaltsam verpacktes Wissen, Urban-Phantastik. Die Romane regten - und regen noch heute - die Fantasie an, mögen sie bereits damals Fehler enthalten haben oder heute in naturwissenschaftlicher Hinsicht veraltet sein. Es hat seinen Grund, warum so viele Menschen noch immer etwas mit Nautilus, Phileas Fogg, Captain Nemo anfangen können oder wissen, dass Zugang zum Mittelpunkt der Erde in einem Vulkankrater zu finden ist, selbst wenn man sich nicht an den Namen Snäfields Jöcul erinnert. ;)

Ich mag die "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" mit ihren quasi-wissenschaftlichen Exkursionen noch immer, auch wenn mir heute das Ende (vor dem "Aufstieg") etwas gehetzt vorkommt. Jules Verne gefiel dieser "Zwischenschluss" vielleicht, um das Mysterium aufrechtzuerhalten, vielleicht fiel ihm auch nichts mehr ein oder er war unter Zeitdruck, weil die Recherchen für ein neues Buch drängten, wer weiß. ;)

Noch ein paar Anmerkungen zur Sprache und der Lesung:
Ich fand Syntax und Sprache großartig antiquiert. Peinlich wird hier noch in direkter Ableitung von dem Wort Pein verwandt. Man geht auf die Bibliothek; das Wort Vierländerin musste ich erst einmal googlen und der Oheim wird gesiezt, um nur Beispiele zu nennen.  Für mich passte das ganz hervorragend zum Jahr 1863, in welchem die Geschichte beginnt. Timmo Niesner verleiht Axel nicht nur eine jugendliche Stimme, sondern transportiert die gesamte Geschichte lebendig und abwechslungsreif (okay, bei der Auflistung der Runen bzw. des Alphabets ist es etwas langweilig, aber hier würde jeder Sprecher an seine Grenzen kommen *g*). Und das antiquierte Deutsch kommt ihm problemlos über die Lippen. Eine Hörprobe findet Ihr hier (klick).


Kommentare:

  1. Mir ist lustigerweise gerade gestern erst aufgefallen wie lange es her ist, dass ich etwas von Jules Verne gelesen habe. Dazu kommt, dass ich bei den Filmen nur noch grobe schwarzweiß Bruchstücke in Erinnerung habe. Vielleicht sollte ich die Erinnerung mal wieder auffrischen - du hast mir mit deiner Rezi auf jeden Fall Lust dazu gemacht. :)

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    1. Das freut mich! Gib Deiner Lust nach! :)

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    2. Eigentlich arbeite ich gerade mit den "Chroniken der Weltensuche" SuB-Altlasten ab - aber der Thiemeyer verweist so oft auf Jules Verne ... ;)

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    3. Ich finde, das ist ein Zeichen, Winterkatze!

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  2. Sagt mal, haben wir grad alle unsere Jules-Verne-Phase? Ich habe gestern Abend im Auto angefangen, mir "20.000 Meilen unter dem Meer" anzuhören ...

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    1. Wie witzig, Ariana! Ist das die Lesung von Herrn Kluckert? So oder so: Wie gefällt Dir das Hörbuch bislang?
      Ich habe mich bei Audible umgeschaut und liebäugel mit der von Oliver Rohrbeck eingelesenen Version "Von der Erde zum Mond". Oder auch "In 80 Tagen ..." Beide sind bei Audible ja für 1/2-Guthaben zu bekommen

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    2. Nein, "meine" Version ist aus der Reihe "Bibliothek der Jugendklassiker". Ist von 1995 und auf 2 MCs (weshalb ich sie gut im Auto hören kann). Scheint auf jeden Fall eine als Jugendbuch bearbeitete Version zu sein (das sagen sie zumindest am Anfang auf der Kassette). Bin noch nicht sehr weit gekommen - und auch noch nicht sicher, wann ich weiterhören werde. Aber lustig fand ich die Jules-Verne-Häufung auf jeden Fall. :-)

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    3. Oh, Du hast noch ein MC-Abspielgerät im Auto. Ich müsste mir erst eins besorgen, wenn ich MCs hören wollte, ich habe gar kein Abspielgerät mehr (aber auch keine MCs). In "20.000 Meilen" habe ich bei Audible kurz reingehört, aber momentan reizt mich diese Geschichte nicht so sehr. Über "80 Tage..." denke ich allerdings weiterhin nach und "Von der Erde zum Mond" wegen des Sprechers auch. :D

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  3. Ich bin über den Begriff "Vierländerin" gestolpert und habe mir kurz den entsprechenden Passus durchgelesen. Gretchen kommt wirklich aus Vierlande, wenn ich das richtig verstanden habe? Das ist meine Heimat! Ich glaube, ich muss den Roman auch mal lesen. Wusste gar nicht, dass Jules Verne was mit Hamburg im Sinn hatte...

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    1. Du bist also auch eine Vierländerin?!

      Mich hat auch überrascht, dass der Professor und sein Neffe aus Hamburg stammen. Irgendwie hatte ich - wohl aus dem Film - im Kopf, dass sie Briten sind. ;) Zugestandenermaßen reisen die beiden ja alsbald aus Hamburg ab und daher ist nicht sooo viel von Hamburg im Roman die Rede. ;) Aber Axel denkt immer wieder an seine "Vierländerin" . :)

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  4. Yepp, ich bin waschechte Vierländerin. Hat Jules Verne mal eine Zeit in Hamburg verbracht oder wie kommt er auf so was? (Ja, ich könnte auch danach googeln, aber ich bin gerade zu faul und zu müde. :-))

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    1. Liebe Vierländerin, ich habe fix gegoogelt.
      Verne war tatsächlich während seiner "Skandinavienreise" 1861 auch im Hamburg, wenn man den Angaben hier glauben kann:
      http://www.kiel-maritim.de/index.php/uebersicht

      Kiel veranstaltet dieses Jahr auch eine Reihe von Veranstaltungen zu Verne:
      http://www.maritimes-viertel.de/index.php/jules-verne-im-maritimen-viertel

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