Mittwoch, 5. Februar 2014

Die Geschichte der Kunst von E. H. Gombrich

Vor etlichen Jahren hatte mir mein Seniorchef mal ein Buch in die Hand gedrückt und gesagt "Blättern Sie mal". Bei diesem Buch handelte es sich um eine schwarze Softcoverausgabe der Geschichte der Kunst von Herrn Gombrich. Anlass war damals - glaube ich - meine Erstlektüre von "Das Mädchen mit dem Perlenohring" von Tracy Chevalier; wegen dieses Romans wollte ich mehr über Vermeer wissen. Ich schnupperte etwas in das Buch hinein und fand es gut lesbar. Es ging aber alsbald an den Chef zurück.

Vor einiger Zeit stand dieses Buchdann in der 16. erweiterten, überarbeitete und neu gestalteten Auflage (Erstauflage 1950) einfach so in einer Bielefelder Buchhandlung - und dann ungelesen ein wenig bei mir. ;) Winterkatzes Sachbuch-Challenge bot nun einen guten Anlass, Gombrichs "Kunstgeschichte" wieder zur Hand zu nehmen und dieses Mal nicht nur hier und da zu blättern, sondern es tatsächlich zu lesen.

Vorab will ich noch sagen sagen, dass ich mir aus Geschichte an sich nicht viel mache und das entsprechende Unterrichtsfach recht langweilig fand.Vielleicht liegt das daran, dass ich hauptsächlich das Erlernen von Geschichtszahlen erinnere (753 -Rom kroch aus dem Ei) und lang(wierige)e Monologe über den dreißigjährigen Krieg oder die französische Revolution, über die November(teils auch Oktober-)revolution in Russland und natürlich die Weltkriege. Geschichte wurde für mich irgendwie nicht "greifbar". Und was Kunst angeht, bin ich auch ein Laie. Mal las oder sah ich etwas, dass mich dazu brachte, mich mehr  mit einem bestimmten Künstler zu befassen (Vermeer oder Kahlo). Und natürlich habe ich auch über Literatur, Gespräche und Fernsehen weitere Sachen aufgegriffen, aber das war es auch im Wesentlichen. Mich interessierten eher erzählte Mythen als Darstellungsformen in Bild, Plastik oder Architektur.

Ich habe mich also als Neuling in Gombrichs Kunstgeschichte vertieft.

Meine Erinnerung an dieses Buch hatte mich nicht getrogen. Bereits Gombrichs Vorwort fand ich interessant - sowohl im Hinblick auf die ihm selbst gesetzten Regeln als auch auf seine Herangehensweise an das "Kompendium". Er hatte sich einen jungen Leser vorgestellt, der Kunst neu entdecken will, weshalb er möglichst allzu wissenschaftlich bzw. abstrakte Begrifflichkeiten oder Abhandlungen vermeiden wollte. Dies gelingt Gombrich zwar nicht immer - manchmal ist er etwas lehrerhaft, manchmal (besonders zum Ende des Buches hin) näherte er sich der Fachsprache stärker an -, aber überwiegend. Dies war mit ein Grund, weshalb mein Interesse wachblieb, denn hätte der Autor sich in einer chronologischen Auflistung der Entwicklung und Stile ergangen, hätte ich das Buch alsbald zugeschlagen.

Natürlich findet man diese Chronologie, aber Gombrich erzählte im besten Falle lebhaft und engagiert von den Menschen und Künstlern ihrer Zeit, was sie motivierte, weshalb sie bestimmte Objekte besaßen oder herstellen wollten. Ich fand es faszinierend, wie er meinen Blick auf Details ägyptischer Darstellungen lenkte und erklärte, wie sie von Ägyptern gesehen wurden, wie man sie auch heute betrachten sollte. Immer wieder verbindet er gesellschaftliche, soziale und religiöse Entwicklung mit den Auswirkungen, die sie für die Künstler hatten. Für mich war die Vorstellung neu, dass das radikale Bilderverbot des frühen Islam dazu führte, dass sich die dortigen Künstler Formen und Farben zuwandten und es dehalb diese fantastischen Arabesken gibt.

Über das gesamte Werk hinweg kommt E.H. Gombrich immer wieder auf die Künstler zurück, seien es Bildhauer, Architekten oder Maler. Er präsentiert immer wieder Gebäudlichkeiten oder Gemälde oder Skulpturen bestimmter Epochen und erläutert insbesondere in der Malerei Hintergründe der Entwicklung. Wie italienische Künstler um räumliche Tiefe rangen, wie Verkürzungen "entdeckt" wurden, warum Verzerrungen in Kauf genommen wurden oder "Schönheit" Komposition untergeordnet wurde, was Impressionisten bewegte oder welchen Hintergrund ein Bild Kandinskys hat. Dabei schwingt in Gombrichs Beschreibungen soviel Empathie und auch Begeisterung mit, dass ich ihm den manchmal durchschimmernden leicht lehrerhaften Ton gern verzeihe. Würde ich eine Gemäldegalerie oder ein Museum besuchen, hätte ich gern solch einen Führer.

Der Text von Gombrichs Kunstgeschichte endet zwar im 20. Jahrhundert - und seine Andeutungen zur Fotografie oder Popart sind  interessant ;) -, aber er führt nachvollziehbar aus, dass die Kenntnis der Geschichte der Kunst zwangsläufig immer unvollständig bleibt, da sie sich immer weiter entwickelt und die Bedeutung von künstlerischen Ansichten oder Künstlern sich erst in der Zukunft zeigen wird.

Ein kleines Manko von Gombrichs Kunstgeschichte ist, dass sie sich sehr stark auf Zentraleuropa konzentriert. Zwar erwähnt er durchaus Ägypten, den vorderen Orient oder Asien (insbesondere zu Beginn des Buches), aber Afrika (im Übrigen) und Australien erscheinen eher am Rande, Amerika wird gestreift. Es wäre vielleicht spannend gewesen, zu lesen, ob und wie sich die Besiedlung z.B. von Amerika auf die Kunst der Ureinwohner auswirkte bzw. umgekehrt eine Beeinflussung stattfand.

Hm, gibt es noch etwas zu bemängeln? Naja, das Buch ist wegen seines Formats und der Papierart etwas schwer und deshalb auch etwas unhandlich. :)

Das änderte aber nichts daran, dass ich die Lektüre, die durch vielfache (erklärte) Bildbeispiele aufgelockert wird, sehr lehrreich und zugleich unterhaltsam empfand; E.H. Gombrich hat Geschichte und Kunst für mich lebendig gemacht.

Kommentare:

  1. Das klingt gut und spannend! :) Ich hatte im Studium einen sehr guten Professor für Kunst- und Kulturgeschichte (und habe deshalb die Vorlesungen für vier Semester gleich mal in den ersten beiden Semestern "durchgezogen") und fand es spannend, wie viel interessanter die einzelnen Aspekte sein konnten, wenn derjenige, der sie vermittelt, Leben in die Sache bringt. :)

    So ein Gesamtüberblick würde mich auch mal reizen ... *seufz*

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  2. Oh ja, das macht eindeutig einen Unterschied. :) Wer weiß, vielleicht wäre dieses Buch für
    Dich ja ein alter Hut. Aber wenn Du magst - es ergibt sich bestimmt irgendwann mal die Möglichkeit, hineinzublättern und es etwas anzulesen. ;)

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  3. Einige Sachen bestimmt, aber auf der anderen Seite ist das Studium schon lange her und ich habe mich seitdem nicht mehr gezielt mit Kunst beschäftigt. Neugierig wäre ich also schon. :)

    (Ich habe immer noch die Zeit rund um Pfingsten im Hinterkopf - mal gucken, ob wir bis dahin noch mehr technische Ausfälle haben, die wir zeitnah ersetzen müssen. Immerhin kam heute der neue DVD-Player.)

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  4. positiv denken und optimistisch sein ..

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  5. Das klingt nach einem tollen Buch, das selbst mir gefallen könnte, die mit Kunst so gar nichts am Hut hat - aus ähnlichen Gründen, wie du sie beschrieben hast. Werde ich mir mal notieren. Falls mich doch mal der "Ich will Kunst verstehen"-Rappel packt, weiß ich, zu welchem Buch ich greifen kann ...

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    1. Vielleicht hast .du ja ein auch Gelegenheit, irgendwo mal in das Buch hineinzuschnuppern, Ariana!

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  6. Ich studiere jetzt im vierten Semester Kunstgeschichte und kann dir sagen das du DAS Einführungswerk der Kunstgeschichte ausgesucht hast. Es ist wirklich ein tolles Buch und wie du schon sagtest ist es für jeden verständlich. Deine Kritik das in dem Buch Afrika und Australien zu kurz kommen liegt daran das Gombrich die klassische Kunstgeschichte gelernt hat und deswegen nur abdeckt, klassisch in dem Sinne halt nur der europäische Raum. Für Australien und Afrika gibt es halt spezielle Studienfächer da die einfach ein ganz anderes Kunstverständnis haben als wir Europäer und auch eine ganz andere Entwicklung. Das Buch ist halt nur für das Studium der klassischen Kunstgeschichte und ihrer örtlichen Begrenzung im europäischen Raum und auch Ägypten weil das später wichtig ist für antike Kunst.

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    1. Hallo Bou! Ich bewundere Gombrich dafür, dass er die Kunstgeschichte so greifbar machen konnte. Selbst wenn man sich mit Herzblut und Leidenschaft einer Sache widmet und hervorragend in ihr ist, bedeutet das ja leider nicht, dass man in der Lage ist, anderen das Wissen zu vermitteln und die Leidenschaft weiterzugeben. Wenn das schon für einen Laien wie mich funktioniert ... :)

      Ah! Hm, ich überlege gerade, ob dann das Wort "klassisch" im Titel für mich hilfreich gewesen wäre, aber ich glaube nicht. Als Laie hätte ich die von Dir angeführte Differenzierung trotzdem nicht erkannt. :)

      Viele Grüße!

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  7. Ah, das habe ich auch im Kunstgeschichtsstudium als Einführung gelesen. Und zwar gerne gelesen. Richtig durch dann allerdings erst zur Prüfungsvorbereitung. *pfeif*
    Der einzige Nachteil an meiner Ausgabe ist jedenfalls, dass sie unglaublich schlecht gebunden ist. Nachdem ich es meinem Schwager noch geliehen hatte (der nicht etwa brutal mit Büchern umgeht), war der Einband ganz abgelöst. Aber der Inhalt ist wirklich gut. :-)

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    1. Das war früher eine Softcoverausgabe, richtig? Das ist sie noch immer und ich kann nur hoffen, dass der Verlag vielleicht etwas die Bindung verbessert hat, Birthe. Nach einem Mal Lesen sieht die Ausgabe jedenfalls noch recht ordentlich aus, toi,toi,toi.

      Ich habe es ja schon im Post und im Kommentar gesagt, ich finde es toll, dass Gombrich als Fachmann in der Lage war, die Geschichte lebendig zu machen. Wie leicht hätte das auch nur wieder eine Aneinanderreihung von Stilen und Entwicklungsstufen werden können!

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  8. Die Geschichte der Kunst - daraus könnte man sogar einen Thriller machen, denke ich. Einen Krimi aber ganz sicher; man müsste nur die Lebensumstände der KünstlerInnen mit einbeziehen. Doch auch eine Chronologie kann spannend sein, wenn sie gut erzählt wird. Und das scheint in diesem Fall ja absolut gegeben zu sein. DU hast es jedenfalls sehr spannend rübergebracht.

    Liebe Grüße,
    Ralph

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    1. Vielen Dank, Ralph, für Deine lieben Worte! :) Ich denke auch, dass das Leben einiger Künstler Stoff für spannende Geschichten bietet - und auch die Geschichte von Kunstwerken, von gestohlenen. Bildern, Fälschungen bis hin zum verschwundene Bernsteinzimmer.
      Liebe Grüße an Euc zurück, gute Besserung für Silke und Streicheleinheiten für die Wauzels!

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  9. Huhu Natira,
    danke für die Besserungswünsche, die ganz sicher ihren Teil dazu beigetragen haben, dass ich nun wieder fit bin :-)
    Das Buch klingt wirklich sehr interessant! Ich bin ja eher sehr kritisch bei "Kunst", habe aber jetzt allein durch den Hinweis auf das "Bilderverbot" im Islam schon wieder ein kleines Bröckchen mehr Verständnis für bestimmte (vielleicht eben auch die sehr abstrakten) Bilder gewonnen. Danke für die spannende Buchvorstellung!
    Liebe Grüße an Dich und Krauler für die MuMs

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    1. Schön, dass Du wieder fit bist, Silke!
      Gib dem Buch eine Chance, vielleicht kann man es in einem örtlichen Buchladen ja mal zur Einsicht ordern. :)
      Die MuMs danken für die Krauleinheiten! :)
      Liebe Grüße
      Natira

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