Sonntag, 19. Januar 2014

"Lieber Mischa" von Lena Gorelik

2011 habe ich von dieser Autorin "Meine weißen Nächte" gelesen und damals brachte sie mich u.a. in meine eigene Kindheit zurück, obwohl sie viel jünger ist als ich. ;) "Mein Mischa" bewirkt solche Erinnerungen nicht, was damit zu tun hat, dass ich weder ein Kind habe, verheiratet bin, noch einer Religionsgemeinschaft angehöre. ;)

Lena Goreliks Ton hat mir bereits in "Meine weißen Nächte" gefallen und auch "Mein Mischa" zeichnet sich hierdurch aus: Er ist unterhaltsam, ironisch, humorvoll und wirkt mit leichter Hand geschrieben. Wie schwierig das zu bewerkstelligen ist bei einem Buch darüber, was es für Lena Gorelik bedeutet und für ihren Sohn bedeuten können wird, Jude zu sein, mag jeder selbst beurteilen.

Mit "Mein Mischa" hat Lena Gorelik einen originellen und (ver-)öffentlichten Brief an ihren Sohn geschrieben, versehen mit Kommentaren - und durchaus schon mal einem Kommentar zum Kommentar. :) Es handelt sich um Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen der Autorin im Zusammenhang mit ihrer Religion und was diese (nicht nur, aber hauptsächlich) für ihren Sohn bedeuten kann.

"Mein Mischa" beginnt mit den 10 größten antisemitischen Vorurteilen, unter denen Lena Gorelik auch "Juden sind Wucherer" anführt und folgendes im Zusammenhang mit dem von ihr praktizierten Verleihen von Büchern statt Geld anführt:

"Ich sinniere schon länger darüber, einen Bücherjudenzins einzuführen: Wer ein Buch zu spät oder unzufrieden zurückgibt - unzufrieden, obwohl ich eines meiner geliebten Bücher voller Begeisterung weitergegeben habe -, muss den Bücherjudenzins zahlen. So käme ich zu Geld und könnte eine richtige Jüdin werden, die Bücher verleiht zu Wucherzinsen. Die Welt wäre dann ein Stück weit mehr so, wie man sie sich vorstellt. Und ich hätte Geld und Bücher." *

(hm ... ;) )

Aber mal abgesehen von dem Bücherjudenzins - auch wenn der Ton leicht ist, sind es die angesprochenen Themen nicht zwangsläufig. Es geht um das jüdische Lebensgefühl im Allgemeinen und im Besonderen. Sie schreibt über Menschen, die ihren Sohn nur deshalb hassen werden, weil er ein Jude ist und solche, die ihn nur aus diesem Grunde lieben werden. Sie erzählt etwas von ihrer Zeit in Israel, von Philosemiten und Konvertiten. Sie verschweigt nicht, trotz ihrer modernen offenen Einstellung - die in dem Buch immer wieder zum Ausdruck kommt - sich dennoch zu wünschen, ihr Sohn möge mit einer Jüdin oder einem Juden eine Familie gründen und nicht mit einem Goi. Ihr Dialog an dieser Stelle mit sich selbst ist sowohl unterhaltsam als auch erhellend.

Ich musste bei einigen Passagen in ihrem Buch schmunzeln, andere brachten mich zum Auflachen (Telefonat mit einer jüdischen Mutter oder die 10 Gebote für G"tt) und ein-, zweimal musste ich lächeln. Nicht weil die Passage so witzig war, sondern weil ich sie schön fand und/oder ich den Eindruck erhielt, dass die Autorin ihren Glauben feiert, z.B. wenn Lena Gorelik "ihre" Synagoge beschreibt.

Vieles, nun, eigentlich das Überwiegende, was mit der jüdischen Religion zu tun hat, ist mir fremd. Das gilt allerdings auch für die islamische Religion und in weiten Teilen auch für die christliche. Das ist ein mögliches Resultat, wenn die eigenen Eltern schon Jahre vor der Geburt nicht mehr in der (christlichen) Kirche waren, ich keinen Religionsunterricht (sondern z.B.  mit Staatsbürgerkunde das Gegenteil) in der Schule hatte und der Kontakt mit (in diesem Fall der) christlichen Religion über meine Kinder- und Jugendzeit hinweg gegen Null tendierte.

Das Ergebnis ist meine atheistische Einstellung. Eine Folge ist, dass ich das Konzept des Glaubens an sich nicht erfassen kann. Wie glaubt man? Entwickelt sich der Glaube und falls ja, woraus und wie? Ist er auf einmal da? Vermutlich ist bereits dieser Verständnisversuch wegen des rationalen Ansatzes zum Scheitern verurteilt. Ich verstehe auch manche Ausprägungen und Vorschriften in einem Glaubenssystem nicht (z.B. koschere Nahrungsmittel, Notwendigkeit eines Zölibats etc.) und weshalb die Menschen auch heute nach deren Wortlaut bzw. Auslegung leben sollen/müssen, aber bitte.

Gerne will ich alle Religionen respektieren, treffe aber auf Grenzen bei mir selbst, z.B. wenn religionsbedingt moderne Medizin abgelehnt, der Glauben aggressiv verbreitet wird, es zu religionsbedingt Kriegen kommt etc. Und ich will nicht ausschließen, dass einige Vorurteile in meinem Unterbewusstsein schlummern. Das ist mit ein Grund, warum ich die Lektüre von "Mein Mischa" so interessant fand. Es liefertn nicht nur einen Einblick, sondern man kann es, wenn man will, auch zum Anlass nehmen, über die eigenen Positionen und Einstellungen nachzudenken, und zwar nicht nur gegenüber Juden.

Quelle: S. 10 von "Lieber Mischa... " von Lena Gorelik, List Taschenbuch, 1. Aufl. 2012, ISBN 978-3-558-61105-1

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