Sonntag, 26. Januar 2014

"Grau" von Jasper Fforde

Eddie Russett ist 20 Jahre jung, seine Ishihara - ein Farbtafeltest - steht unmittelbar bevor und er hat gute Hoffnungen, dass sie eine sehr hohe Rotfarbsicht ergeben wird. Er ist halb mit einer "Roten", nämlich Constance Oxblood, verlobt, muss sich aber erst einmal in Demut üben, wie von dem Präfekten angeordnet. Und zwar in dem Randzonendorf Ost-Karmin, in welches er seinen Vater, einen Mustermann, begleitet. Letzterer soll den örtlichen Mustermann Ocker ersetzen, der nach offiziellen Angaben aufgrund einer Eigenfehldiagnose umgekommen ist (zuviel Grün gelinst). Sich in die Dorfgesellschaft zu integrieren, sollte eigentlich gelingen. Aber wenn im Haus ein Apokrypher ein- und ausgeht, die Haushaltshilfe - eine Graue - zwar niedlich aber agressiv ist, Gleichaltrige zB auf dem Beigemarkt handeln und es an einem nagt, was mit Ocker wirklich passiert ist, dann kann man schon mal anecken.

Verwirrt? Ich war es zu Beginn. Jasper Fforde katapultierte mich direkt in ein Gesellschaftssystem, das außerhalb meiner Erwartungen lag und welches offenbar chromatisch aufgebaut ist. So wie es Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägter Rotsicht gibt, gibt es andere mit Blau- oder Gelbsicht, es gibt Grüne oder Purpurne oder halt Graue. Und dann gibt es noch diese Hinweise auf die Epiphanie, die frühere Zeit mit den Einstigen oder angeordnete Rücksprünge. Für Eddie - aus dessen Sicht der Roman erzählt wird - oder den anderen Romanpersonen vertraute Dinge wie Meriten oder die chromatischen Hierarchien oder die Arbeit von Eddies Vater waren für mich neu. 

Über das Leben in der chromatischen Gesellschaft erfuhr ich dann mehr in Ost-Karmin, dem Randzonendorf. Ob dieses allerdings dem Standard entspricht, ist eine andere Frage. Denn bereits zu Beginn des Romans, während Eddie und sein Vater durch die Stadt schlendern, wird angedeutet, dass in den Randzonen möglicherweise "mehr" passiert. Wird dort mehr Schlupflochkunde praktiziert als woanders? Wird das Regelbuch befolgt? Mein Interesse an der Lektüre erhöhte sich jedenfalls, sobald Eddie und sein Vater in Ost-Karmin ankamen und sich die Handlung dort entfaltete. Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, was es mit den Löffeln auf sich hat, aber wenigstens erfuhr ich mehr über die Postleitzahlen. Ob und wie sich Eddies Beziehung zu Jane entwickelte war ebenso interessant wie die Frage, ob die Hobbies ernstgemeint sind, traurig ist. Während manches so vertraut klang - die Buchtitel in der Bücherei (was für eine traurige Episode) oder die Art und Weise, wie Licht in Wohnraum gelangt - ließ mich anderes (das Chromatische, die Dunkelheit) daran zweifeln, dass ein Zusammenhang mit unsere Erde besteht. Und natürlich stellte ich mir die Frage: Wie landete Eddie in der fleischfressenden Pflanze (kein Spoiler, da der Roman damit beginnt)?

Eddie hat im Verlauf der Geschichte einige Erfahrungen zu machen und zu verarbeiten - sein letztliches Auftreten empfand ich als Leserin folgerichtig, auch wenn ich mir etwas anderes erhofft hatte. Neben ihm bleiben die anderen Figuren zwangsläufig etwas blasser - wohl der Preis dafür, dass der Roman aus der Ich-Perspektive geschrieben wird. Dies bedeutet nicht, dass die anderen Charaktere keine Faszination auf mich ausübten. Besonders über Eddies Vater, den Apokryphen und "Seine Farbenprächtigkeit"würde ich gern auch mehr erfahren. ;) Was mich ein wenig frustrierte war, dass ich nur indirekt etwas über die Verwaltung und das Gesellschaftsystem (insbesondere, wie es sich entwickelt hat) erfahren habe. Nun, Jasper Fforde arbeitet wohl an einem Prequel, welches 2015 planmäßig im englischsprachigen Raum erscheinen soll. Ich gehe davon aus, dass dieses Prequel auf Dauer bei mir einziehen wird und hoffe, dass hierdurch einige Fragen beantwortet werden. :)

Kommentare:

  1. Ich glaube, ich muss meine Ausgabe auch mal vom Sub zerren. Aber ich will auch zu gerne seine Thursday Next Serie nochmal lesen, tja...

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    1. Dann fang doch mit "Grau" an und gönn Dir danach Fforde-Nachschub. :D Ich habe aus der Thursday-Reihe bislang nur die ersten beiden Teile gelesen, das ist inzwischen schon etwas her. Hm, könnte ich auch mal auffrischen u. ggf. weiterlesen... ;)

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  2. Das liegt bei mir auch noch auf dem SuB. Ich fand und finde, daß die Geschichte total interessant klingt, muß mich nur mal ransetzen. Zwei Thursday Next-Bücher sind auch noch ungelesen...

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    1. Die Geschichte hat mich nach einem etwas verwirrten Start gefesselt, greif zu, Kiya :)

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