Dienstag, 22. Oktober 2013

"Ein seltsamer Ort zum Sterben" von Derek B. Miller

Ich habe das letzte Wochenende bei einer lieben Freundin in München verbracht. Sie holte mich morgens um halb acht vom Flughafen ab und wir beschlossen, erst einmal frühstücken zu gehen. Gesagt getan (lecker) und da sich im Center auch eine Hugendubel-Filiale befand, sind wir anschließend dort hinein. Sie hatte zwar eine weitere Etage, war aber flächenmäßig nicht so groß. Es waren außer uns noch Kunden, die sich wie wir umschauten bzw. zahlten, aber es gab keine Schlange an der einen Kasse und die weitere Angestellte im Laden testete gerade einen Artikel aus.

Überraschenderweise bin ich im Laden fündig geworden. ;) Mir fiel Titel und Cover von "Ein seltsamer Ort zum Sterben" von Derek B. Miller auf. Ich las den Klappentext. Danach sollte das Buch von dem 82jährigen Amerikaner Sheldon handeln, der nach dem Tod seiner Ehefrau zu seiner Tochter Rhea und ihrem norwegischen Mann Lars nach Norwegen gezogen ist und der sich plötzlich auf einer Odyssee mit einem kleinen Jungen wiederfindet. Dessen Mutter wurde in der Wohnung von Sheldons Familie getötet. An einer beliebigen Seite noch in der ersten Hälfte schlug ich das Buch auf. Auf der Seite las ich davon, wie der Sheldon an der Rezeption eines ausgebuchten Hotels ein Zimmer verlangte (es war klar, er hatte weder Papiere noch Geld für sich und den ihn begleitenden Jungen dabei) und auch bekam. Er gab eine abenteuerliche Geschichte zum Besten von gestohlenen Pässen einerseits und einer erfolgten Reservierung  unter Vorlage von Passkopien durch sein Büro andererseits. Und die Angestellte möge ihnen bitte auch gleich Kopien machen, damit man am nächsten Tag zur Polizei gehen können. Es ging noch weiter - ein kleines Schlitzohr, dachte ich - und ging mit dem Buch zur Kasse.

Sheldon ist ein interessanter Charakter. Seine Frau dachte und seine Tochter meint weiterhin, dass er beginnende Demenz aufweist. Ihr Ehemann ist sich da nicht so sicher und die ermittelnde Polizeibeamtin Sigrid beginnt auch an dieser Aussage zu zweifeln. Als Leser wird man seine Entscheidung selbst treffen. Sicher ist, mit über 80 Jahren hat Sheldon einen großen Erfahrungsschatz, wer weiß, was er alles gelesen und z.B. im TV gesehen oder durch Gespräche erfahren hat. Hat er auch alles, was in dem Roman geschildert wird, erlebt? Immer wieder taucht Sheldon ab in vergangene Episoden, wobei nicht immer deutlich wird, was davon reale Vergangenheit und was Vision ist. Der Autor spielt zudem mit der Erzählperspektive, der Absatz kann schon mal mit Sheldon beginnen und mit der Polizeibeamtin oder den Verfolgern enden. Sicher ist, Sheldon hat paranoide Züge und fühlt sich in mehr als einer Beziehung schuldig.  Der Roman deckt Sheldons Leben ab, aber auch Rhea, Lars, Sigrid kommen nach meinem Empfinden nicht zu kurz und ebenso nicht Enver (der Mörder) oder Burim (ein anderer Verfolger) oder Kadri. Es geht um Kriege und seine Auswirkungen, es geht um das Älterwerden und das Leben mit Entscheidungen egal ob man 80 oder 30 ist. Die Lektüre ist fordernd, aufwühlend, manchmal humorvoll und trotz allem auch unterhaltend. Ich musste schmunzeln, schlucken, den Kopf schütteln. Ich mochte Sheldon nicht und dann doch. Ich hatte Gänsehaut, wunderte mich, was der 82jährige noch alles schafft und kaute an Sätzen - nicht wegen des Stils, wegen des Inhaltes.
    Im Hugendubel fand ich die Info, wer Jonassons Hunderjährigen mochte, wird auch dieses Buch mögen. Die beiden Protagonisten sind sicher beide alt und eigen und skurril, aber den Hunderjährigen mit seinen abenteuerlichen Erlebenisse empfand ich als - großartigen - Schelmenroman. "Ein seltsamer Ort zum Sterben" ist das nicht. Und obwohl es auch um Lebenserinnerungen geht, sind es in diesem Roman nicht nur die von Sheldon. Und sie haben eine andere Qualität. Ich empfinde sie privater, näher. Im Ergebnis: Beide Romane sind gut, aber verschieden. ;)

      Kommentare:

      1. Danke! :) Dummerweise bin ich mir immer noch nicht sicher, ob das Buch nun etwas für mich wäre oder nicht. Vor allem dieser Satz "wobei nicht immer deutlich wird, was davon reale Vergangenheit und was Vision ist." lässt mich daran zweifeln, was nichts daran ändert, dass ich neugierig bin ... *seufz*

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      2. ich habe für mich eine entscheidung getroffen, ob sheldon senil bzw. dement ist oder nicht. aus dieser entscheidung heraus fielen episoden dann für mich an ihren platz. bei goodreads schrieben ein paar leser, dass für sie die perspektivwechsel und die vermengungen probleme. mit sich brachten, weil sie dadurch unsicher in bezug auf sheldon wurden. mir ging es nicht so, winterkatze. vielleicht solltest du einfach mal hineinschnuppern? ;)

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      3. Hm ... ich werde mal darüber nachdenken. :)

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        1. Ich könnte es ja zum "einfach mal reinblättern" mitbringen ... :)

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        2. Das wäre selbstverständlich eine Möglichkeit! :) Vor allem, da du keinen Tee bei dir hast, der dein Gepäck verstopft. :D

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        3. Genau :)

          Und ich ggf. mit dem Auto komme.

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        4. Oh, das wäre natürlich noch praktischer! :D

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