Montag, 31. Dezember 2012

I'm in english reloaded: Every Day by David Levithan

Es ist ja schon der 31. Dezember, da muss ich doch noch fix die Nachlese zum letzten English-Challenge-Buch 2012 schreiben. Schließlich will ich gleich noch - und zum ersten Mal - Michael Endes "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" lesen.

Aber nun zum Challenge-Buch:



Worum es geht und Nachlese:
Es geht um A. Nicht den Buchstaben natürlich, sondern eine Persönlichkeit, die sich selbst weder als weiblich noch männlich empfindet und die nicht körperlich im klassischen Sinne ist. Seit Beginn von As Existenz wacht A jeden Tag in dem Körper eines Menschen auf, bewusst ist ihm dies natürlich erst ab einem gewissen Alter geworden. Immer passt das Alter des bewohnten Menschen zu As Alter (aktuell 16). Der Roman setzt ein an einem besonderen Tag für A: A wacht in Justin auf und trifft einen besonderen Menschen: Rhiannon. Sie bewirkt, dass A nicht durch Justins Tag geht, möglichst ohne Spuren zu hinterlassen oder jemanden an sich - A - heranzulassen. Sie wird für A zu einem emotionalen Anker und so kehrt A in verschiedenen Gestalten immer wieder zu Rhiannon zurück. Kann A sich Rhiannon offenbaren und wie wird sie reagieren? Und dann ist da noch der 16jährige Nathan, den A abrupt verlassen musste: Nathan denkt, er sei vom Teufel besessen gewesen und legt ein ziemliches Engagement an den Tag, um A aufzustöbern (ein paar kleinere Spoiler lassen sich nachfolgend nicht vermeiden). 

Ist der Ansatz nicht faszinierend?

A wacht jeden Tag in einem anderen Menschen auf und hat Zugriff auf dessen - auch emotionale - Erinnerungen. Wie man in As Rückblenden, aber auch As Reaktionen auf Umstände seines Tages-Wirtes erfährt, bemüht A sich darum, "durch den Tag" zu kommen, sich "wirtsgerecht" zu verhalten, zwar etwas Neues zu lernen, aber keine eigenen Bindungen aufzubauen, denn wie sollen sie halten? Wie dies für A als Kleinkind war, welche Ängste A ausgestanden haben muss, weil As Kontinuität nicht mit denen der (Tages-)Eltern übereinstimmte, klingt im Roman durch. So ist es ganz natürlich, dass man als Leser über diese Konstellation nachdenkt: Wie hat A diese stetigen Wechsel empfunden und - wenn überhaupt - wie verkraftet, gerade, weil A daneben lernen musste, dass das "normale" Leben gerade von einer anderen Kontinuität bestimmt wird. Wieviele Tausende von Eltern und Erziehungsberechtigten hatte A und durch wie viele Augen/Erinnerungen lebt A. Ist A tatsächlich eigenständig oder ein Persönlichkeit geformt (was weiter geht) aus all seinen Wirten? Bereits, dass ein Buch diese Anzahl von Fragen und das Nachdenken provoziert, macht es für mich wertvoll.

Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass mir David Lavithans plotbedingte Einschränkungen zum Wirtswechsel auch irritiert haben: Dass A immer in einem altersgemäß passendem Körper landet, kann ich ja noch hinnehmen. Warum A aber immer im gleichen Staat der USA landet, findet ich schon etwas an den Haaren herbeigezogen, zumal ein Wechsel innerhalb der Städte des US-Staates stattfindet. So lässt A einmal seinen Wirt von daheim lange genug weglaufen, damit As Wirt einen Flug nach Hawai verpasst, denn sonst würde A immer nur auf Hawai die Wirte wechseln, bis er zufällig einen erwischt, der gerade wieder zurück in die USA fliegt?!

Mich irritierten auch Aspekte von As Einsichten, nicht nur in Bezug auf As Beziehung zu Rhiannon. So sehr ich mir auch vorstellen kann, dass A durch seine einzigartige Perspektive ein großes Grundsatzwissen erworben hat - schließlich hat er Zugriff auf die Erinnerungen seiner diversen Wirte und muss in den unterschiedlichsten Beziehungen seiner Wirte zu deren Umgebung klarkommen -, so hatte sich für mich doch der Eindruck ergeben, dass A sich aus Selbstschutz nicht zu tief auf irgendetwas einlässt (eine neue Bedeutung von "nicht allein und dennoch einsam"). Daraus ergibt sich für mich aber Folgendes:

Wenn A die emotionale Beziehungsseite ab einem gewissen Zeitpunkt so weit wie möglich von sich geschoben hat, wie ist Adann in der Lage, aus eigener Erfahrung zu - gefühlt - wahren Einsichten in Beziehungen zu kommen und die im Roman zum Teil geschilderte emotionale Reife zu zeigen? Wenn A "going through the motion" betreibt, kann er diese Art Erfahrung wirklich "für sich selbst" machen und verinnerlichen? Auf der anderen Seite lässt David Levithan dagegen A genau so hoffen und agieren, als würde ihm dieses "emotionale" Wissen fehlen, was für mich auch Sinn macht. Und deswegen fühlte sich A - und auch die Beziehungsfrage zu Rhiannon - genau dann für mich "richtig" an. Wenn nämlich A aus seiner insofern eingeschränkten Erlebnis- und Wissensphäre heraus agiert und Rhiannon (die hier auch des Lesers Position inne hat) hierauf entsprechend reagiert und z.B. darauf hinweist, dass A nicht alles aus den Erinnerungen eines Wirtes lesen kann, dass man eine bestimmte Kontinuität braucht.

David Levithan war mir hier nicht konsequent genug: Er gibt A ein beziehungstechnisches Wissen mit,was dafür sorgt, dass A dem Leser nahe kommt: Andererseits lässt er A aber auch im Verlauf seiner Geschichte solche Erfahrungen für sich bewusst machen, was für mich im Widerspruch zu der Ausgangsposition steht.

Nichts desto trotz: Es war ein interessanter Roman, sprachlich sehr gut für mich lesbar und auf jeden Fall anregend.

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ps
Und in der letzten Nachlese dieses Jahres darf ich noch Star Trek erwähnen, oder? :) Denn ich musste bei diesem Roman spontan auch an eine Star Trek - TNG Folge denken: "Odan, der Sonderbotschafter".

Kommentare:

  1. *g* Natürlich musst du noch einmal Star Trek erwähnen ... :D

    Irgendwie reizt mich das Buch überhaupt nicht - wie auch alle anderen Bücher von dem Autor. Ich weiß nicht warum, aber da packt mich nicht einmal nach einer begeisterten Rezension die Neugier.

    Dafür gehe ich davon aus, dass du mit dem Wunschpunsch das Jahr ganz wunderbar zu einem Ende gebracht hast! :)

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  2. Ich mochte David Levithans "Wörterbuch der Liebenden", in welchem der "Erzähler" auch männlich oder weiblich hätte sein können. Und der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Wie gesagt, es war jedenfalls eine anregende Lektüre :)

    Und der Wunschpunsch hat mir gestern in der Tat ein paar schöne Silvesterstunden beschert. Jakobs und Maurizios verbales Intermezzo ist herrlich. Und dann das Buchnörgele! *lach*

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  3. ja, deine Meinung zum "Wörterbuch der Liebenden" habe ich noch im Hinterkopf, aber ich glaube, dass Levithans Themen einfach nicht meine sind. ;)

    Ich habe meine Hörbuchversion vom Wunschpunsch weitergegeben, sonst hätte ich die dir für das nächste Silvester geliehen. Gelesen ist die Geschichte nämlich auch ganz zauberhaft.

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    1. nun, vielleicht kann ich die version ja in 2014 hören. ;)

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