Samstag, 11. August 2012

Projekt 52 Bücher: Woche 41: Nachtgedanken

In dieser Woche hat das Fellmonsterchen in ihrem Projekt einen Themenvorschlag von mir aufgegriffen: "Nachtgedanken". Als ich das Thema vorschlug, hatte ich ein Gedicht im Sinn - und faszinierenderweise schreibt das Fellmonsterchen im Themenpost über eine Ballade und andere Teilnehmer sind auch poetisch dabei. 

Ich hatte gerade mal wieder in einer Zeitung die beiden Zeilen "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht ..." aus Heinrich Heines "Nachtgedanken" gelesen. Nur zwei Zeilen von vierzig ... Denn Heine geht es nicht nur um Deutschland und dessen politische und gesellschaftliche Struktur, sondern um Heimat an sich, Arbeit, Freunde und Familie. 1843 war er im Frankreich im Exil, seine Werke waren in Deutschland inzwischen verboten (nachdem sie zuvor zensiert worden waren) und ich sehe ihn verletzt, verloren, mit Schuldgefühlen belastet, aber auch stark:  weil er, statt in Deutschland zu schweigen oder dort ganz zum Schweigen gebracht zu werden und trotz weiterer Anfeindungen in seiner Heimat sowie trotz persönlicher Opfer, Sehnsüchte, Sorgen und Ängste für sich einen Weg gesucht und Deutschland verlassen hat, weil er weiter hoffte, Kraft suchte und fand, kreativ arbeitete und auf seine Weise für seine Heimat, wie er sie liebte und sie sich wünschte, da war. Ich habe mir immer vorgestellt, dass ihn seine Freunde und seine Mutter verstanden und ihn in ihren Briefen unterstützt haben...

"Nachtgedanken

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich - Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

(Heinrich Heine)

Das Gedicht findet man z.B. in dem Buch "Stimmen im Kanon" Deutsche Gedichte, ausgewählt von Ulla Hahn, aus dem Reclam-Verlag, das mir meine Freundin Sayuri vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt hat und in welchem Waggy gerade schmökert.
 

Wenn ich nachts nicht schlafen kann, wandern meine Gedanken auch häufig zurück zu meiner Familie, ich denke an meine Freunde oder über mein Leben im Hier und Jetzt nach. Manchmal sind es schöne Erinnerungen, machmal verrenne ich mich in Unabänderlichkeiten, manchmal will ich nicht mehr nachdenken. Dann stehe ich auf oder greife zu einem Buch und finde Ablenkung und/oder Ruhe:
"Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst. 
Dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogen sacht, 
es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus."

(Mondnacht von Joseph von Eichendorff)

Kommentare:

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