Donnerstag, 17. Mai 2012

"Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand" von Natasha Solomons

Sehr lange lag dieses Buch noch nicht auf dem TuB, zwei Monate meine ich. Ich bin in der örtlichen Buchhandlung über das Taschenbuch gestolpert, das Cover und der Titel erregten meine Aufmerksamkeit, der Klappentext klang reizvoll und ein kurzes Hineinlesen ließen es mich mit zur Kasse nehmen.

Worum es geht und Nachlese:
Jack Rosenblum kommt 1937 mit seiner Frau Sarah und seiner jungen Tochter Elizabeth als jüdischer Flüchtling aus Berlin nach England. Vom Deutsch-Jüdischen Hilfskommitee erhält er wie die anderen Flüchtlinge eine Broschüre: "Neu in England: Nützliche Informationen und freundliche Anleitung für jeden Flüchtling" , in der an erster Stelle die Empfehlung steht, die englische Sprache zu lernen. Jack möchte ein echter Engländer werden, ein Gentleman. Die Broschüre ist sein erster Anhaltspunkt, aber mit der Zeit ergänzt er die dort niedergelegten Regeln und Anforderungen, die es in seinen Augen zu erfüllen gilt, um als echter englischer Gentleman anerkannt zu werden. Nach 15 Jahren ist ein Punkt weiterhin offen: Mitglied in einem englischen Golfclub zu sein. Als er erneut eine Absage erhält, fasst er den Entschluss, einen eigenen Golfplatz zu bauen und einen eigenen Golfclub zu gründen. Ohne seiner Frau etwas zu sagen, verkauft er das Londoner Haus und kauft ein Cottage mit Land in Dorset, um seinen Entschluss zu realisieren. Dummerweise hat er keine Ahnung vom Golfplatzbau - und dann ist da noch das legendäre Dorset-Wollschwein ...

"Mr. Rosenblum's List" lautet der Originaltitel, der in meinen Augen besser passt als der - einiges versprechende - deutsche. Denn Jack Rosenblums Liste durchzieht in der Tat den ganzen Roman. Es geht halt nicht nur - wie der deutsche Roman vermuten lässt - um Mr. Rosenblum allein, der so tatkräftig und optimistisch auftritt (was seine Ehefrau total nervt) und der unbedingt die Vergangenheit hinter sich lassen und ein Engländer werden will (wobei er auch schon mal jüdische Traditionen ad acta legt). Seine Ehefrau Sarah ist nämlich ein gleichwertiger Charakter. Sie schätzt jüdische Traditionen, vermisst ihre in Deutschland zurückgebliebene Mutti und ihren Bruder, will die Zeit "vor England" nicht abhaken, nicht nur nach vorn schauen. Auch wenn Jack verlangt, dass nur englisch gesprochen wird, will sie ihre Heimatsprache nicht auch noch - wie vieles andere - dem Naziregime opfern. Neben Entwurzelung und Entfremdung geht es auch um Lebensmut und Hoffnung - nicht zuletzt in der Gestalt von Elizabeth, der man keinen Akzent mehr anhört und der es viel besser gelingt, sich in die britische Gesellschaft zu integrieren - auch, wenn sie dafür einen Teil ihres Nachnames opfern muss.

Es ist überraschend, wie viel Humor Natasha Solomons in ihrer Geschichte unterbringt, nicht nur durch den kauzigen alten Curtis, den die Rosenblums in Dorset kennenlernen und der ein gutes Verhältnis zu selbst gebrautem Cider pflegt. Wenn z.B. Jack den Schornstein im Cottage säubert und überall Russ herumfliegt und seine frisch gebadete Frau angesichts des Getöses dazu kommt, finde ich das schon witzig. Und die häufigen Fehlinterpretationen und Missverständnisse oder manche Gespräche der Eheleute haben eine von Traurigkeit durchzogene Komik. Dabei findet auch ein Übergang zu teils gehässig wirkender Stichelei statt, die ihre Wurzel in Jacks und Sarahs Entfremdung hat. In ihrem vollem Ausmaß wird letztere Jack erst spät bewusst, weil er vom Golfplatzbau so vereinnahmt ist, dass er kaum um sich schaut. Während dessen führt Sarah das Cottage, backt nach dem Rezept ihrer Mutti Baumkuchen, um sich zu erinnern und nutzt den Garten. Wenn sie sich dann bewusst gegen das Jäten der als Unkraut angesehenen Brennnesseln entscheidet, weil Hitler Juden als Unkraut bezeichnet und gejätet hatte und weil Sarah sieht, dass eine Pflanze nur dann zu Unkraut wird, weil der Gärtner sie nicht will, dann kommen mir die Tränen.

Viele der Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, waren unterhaltsam, ablenkend, interessant, spannend... Aber dass ich beim Lesen schmunzle, auflache, "oh,oh,oh" sage, überrascht Tränen in den Augen spüre, Vorahnungen habe - wobei es mir nichts ausmacht, dass sich einige erfüllen -, aufatme oder schlucke, den Kopf schüttle und zudem die Zeit total vergesse: Das ist in diese Kombination schon länger nicht mehr geschehen.

Zwar gibt es zum Ende des Romans hin ein, zwei Dinge, die ich ein wenig "to much" fand (keine Details wegen Spoilergefahr, sorry), aber das ändert nichts an meinem Empfinden, eine wunderbare Geschichte gelesen zu haben, die mich in mehr als einer Hinsicht berührte. Ich war nach der Lektüre, hm, ein wenig glücklich, ein wenig traurig. Ich fühlte mich gut aufgehoben. Einen großen Anteil hieran hat in meinen Augen Martin Ruben Becker, der die Übersetzung ins Deutsche vorgenommen hat: Der Text wirkt in sich stimmig und fühlt sich "richtig" an. Der kauzige 1,60 m große Jack und die missmutig-liebende Sarah sind mir ans Herz gewachsen und ich frage mich, wie ähnlich wohl das Leben von Natasha Solomons Großeltern verlief, die die Autorin zu diesem (Debut-)Roman inspirierten? Ihre Großeltern waren 1936 aus Berlin nach England geflüchtet und erhielten bei ihrer Ankunft eine Anleitung für Flüchtlinge - aber sie haben möglicherweise nicht geplant, einen Golfplatz zu bauen. ;)

Ich werde die Autorin auf jeden Fall im Auge behalten. Wie ich gesehen habe, ist in Deutschland gerade "Als die Liebe zu Elise kam" als Hardcover erschienen und in Großbritannien gibt es zudem "The House at Tyneford". Na dann ...

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich nach einer bezaubernden Geschichte - magst du mir das Buch mal leihen?

    (Habe ich das wirklich gerade geschrieben? *schielt in Richtung Leihschublade*)

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    1. *kicher*
      Warum soll es Dir besser gehen als mir. Deine Figurenkabinett-Stückchen machen viel zu neugierig!
      Ich habe das Buch auf den WZS gepackt *g*

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    2. Danke! :D

      Interesse an Modesty? Die war mir vor einiger Zeit beim Wühlen schon mal untergekommen, ich weiß aber nicht mehr in welchem Karton ... *g*

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    3. *hilflos mit den armen rudert*
      ;)

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  2. Das klingt nach einem sehr lesenswerten Buch mit interessanten Figuren. Ich werde es mir auf jeden Fall vormerken, da ich doch so eine England-Fan bin. :)

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    1. Dann werden Dir hoffentlich wie mir die Beschreibungen von Dorset gefallen (ob sie passen, vermag wohl nur jemand zu sagen, der schon dort war oder dort lebt - wie die Autorin übrigens ;)). Vielleicht läuft Dir der Titel ja in einer Online-Bücherei o.ä. über den Weg!

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    2. Unsere Bibliothek hat ihn, zwar auf Niederländisch ("De lijst van meneer Rosenblum), aber das macht nichts. Ich hoffe, dass die Übersetzung einigermassen gut ist.

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    3. Ich drücke Dir die Daumen! Ansonsten bleibt natürlich immer noch das Original ;)

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    4. Jetzt habe ich es endlich geschafft, es zu lesen. Es hat sich wirklich gelohnt. Ich habe die liebevoll gezeichneten Figuren ebenfalls ins Herz geschlossen, und Jacks Liste ist klasse. Aber es ist wohl öfter so, je mehr man sich anstrengt, akzeptiert zu werden und dazu zu gehören, umso schwerer wird es einem gemacht. Erst, wenn es einem egal ist, könnte es klappen.

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    5. Wie schön! Hast Du es aus der Bücherei ausgeliehen oder doch gekauft?

      Es ist schwierig, den Grat zu finden zwischen dem, _was der Gegenüber_ als zu bemüht/nervig bis Anbiedern oder als zu uninteressiert bis hin zur Arroganz empfindet. Gerade weil diese Empfinden dann auch noch für jede Person subjektiv ist oder wenn man aus verschiedenen Kulturkreisen kommt.

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