Donnerstag, 10. Mai 2012

Projekt 52 Bücher: Woche 27 - Nationalsozialismus

Beim dieswöchigen Thema musste ich an meine Eltern denken. Meine Mutter, meine Oma und meine Tante flohen im zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat (Masuren) vor der russischen Armee. Mein Vater wurde mit noch nicht einmal 19 Jahren Soldat, freiwillig, wie ich aus seinen Andeutungen schloss. Er war zunächst in Norwegen stationiert, dann kam er nach Russland an die Front, später in russische Gefangenschaft (auch seine Familie flüchtete übrigens). Meine Mutter kam mit meiner Oma in das Auffanglager Damgarten (Mecklenburg-Vorpommern) - meine Tante wurde von ihnen auf der Flucht getrennt und landete letztlich in Baden-Württemberg -; mein Vater fand nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft seine Familie in der Nähe von Damgarten. Mein Vater sprach nicht konkret über seine Zeit an der Front und in der Gefangenschaft, er wirkte dann ... matt. Meine Mutter erzählte ab und an, aber auch hier waren es mehr Andeutungen als Details, die sowohl Mitglieder der russischen als auch der deutschen Armee betrafen.Ich habe mich häufig gescheut, weiter nachzufragen - heute bedauere ich das. Zugleich frage ich mich aber, ob meine Scheu davor, diese Erinnerungen bei meinen Eltern hochzubringen, nicht doch richtig war.  Ich weiß es nicht und werde es auch nicht mehr erfahren.

In der Schule haben wir Die Abenteuer des Werner Holt: Roman einer Jugend von Dieter Noll gelesen. Ich wollte meinen Vater immer fragen, ob es ihm ähnlich gegangen sei wie der Titelfigur Werner, der sich freiwillig meldet, der mehr das Abenteuer denn die Ideologie sieht, und der nach und nach erlebt und verinnerlicht, was Nationalsozialismus und Krieg bedeuten. Aber ich habe nie gefragt, dieser müde Ausdruck - besser kann ich es nicht beschreiben - meines Vaters, wenn das Thema Faschismus, 2. Weltkrieg, Gefangenschaft und Flucht aufkam, habe ich als Antwort auf meine ungestellte Frage gesehen. Werner Holt war nicht das einzige Pflichtlektürebuch meiner Schulzeit in der früheren DDR, das sich mit diesen Themen beschäftigte. Ich habe damals auch Das siebte Kreuz von Anna Seghers gelesen; und obwohl der Titel die Bedeutung des 7. Kreuzes betont, war ich mir über den tatsächlichen Ausgang von Heislers Flucht nicht sicher. Gelesen haben wir als Roman über eine wahre Begebenheit auch Bruno Apitz Nackt unter Wölfen. Wie sich später herausstellt, war es kein Tatsachenbericht; der Autor hat einiges an Fiktion und Fakten vermischt - es gibt auch eine neue Edition aus dem Aufbau-Verlag aus dem Jahr 2012, die dies berücksichtigt; weiterführende Informationen, auch zum überlebenden Kind, gibt es z.B. in der deutschen Wikipedia -. Dennoch: Unabhängig davon, ob "Nackt unter Wölfen" nun ein reiner Tatsachenbericht ist oder nicht, legt das Buch für mich ein berührendes Zeugnis ab. Und dann war da natürlich auch Anne Frank Tagebuch, deren Schilderung ihrer durch die Judenverfolgung seitens des Nazi-Regimes immer kleiner werdenden Welt zu Herzen geht.

Und ich will noch das Buch Die Welle: Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging von Morton Rhue erwähnen, das ich erst nach der "Wende" gelesen habe und in welchem eine erschreckende und beängstigende - und weiter aktuelle - Gruppendynamik veranschaulicht wird.

Wozu ich bislang noch nicht gekommen bin, ist Maus von Art Spiegelmann zu lesen; die Graphic Novel befindet sich allerdings bereits bei mir. Und ich habe mit Der gelbe Vogel. von Myron Levoy begonnen, einer früheren Empfehlung von DillEmma im Rahmen dieses Projekts

Kommentare:

  1. Als ich letztes Jahr für einige Tage ins Krankenhaus musste, hatte ich eine ältere Frau kennengelernt, die auch als Kind aus ihrer Heimat flüchten musste. Sie hat mir furchtbare Erlebnisse erzählt, Erlebnisse, die sie vorher noch keinem erzählt hat. Mir stehen jetzt noch die Haare zu Berge, wenn ich daran denke, was für grausame Erinnerungen diese Frau seit ihrer Kindheit mit sich herumtragen muss...

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    1. Wie schon im Post gesagt, meine Mutter brachte Andeutungen und aus diesen habe ich so viel herausgehört ... Demütigungen, Grausamkeiten, Vergewaltigungen, oder auch die Selbsterniedrigung und mehr, um das eigene Überleben oder das der Kinder zu sichern. Mancher muss irgendwann darüber reden, sonst explodiert oder vergiftet er sich selbst, andere packen es ganz weit nach hinten und kommen möglichst gar nicht in die Nähe. Furchtbar. Um so mehr, weil es immer wieder und noch geschieht. Und diese Hilflosigkeit.

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