Ich habe eine Challenge dieses Jahr vollständig geschafft! :)
Jetzt aber erst ein liebes Dankeschön an die
Winterkatze für die Leihgabe dieser Graphic Novel!
Worum es geht und Nachlese.
Jane Austen erzählt in ihrem Roman “Sense and Sensibility” (dt.: “Verstand und Gefühl”) die Geschichte der zwei Schwestern Elinor und Marianne Dashwood. Nachdem ihr Vater verstorben ist, geht das Erbe an dessen Sohn John aus seiner ersten Ehe gegangen, der alsbald das Anwesen übernimmt. Hier lernt die ruhig veranlagte und reflektierende Elinor Johns Schwager Edward Ferrars kennen und entwickelt Gefühle für diesen - und er anscheinend auch für sie. Das wird von der Familie Ferrars - natürlich - als unangemessen angesehen und besonders von Johns Frau Fanny torpediert. Letztlich verlassen Elinor und Marianne gemeinsam mit ihrer jungen Schwester und ihrer Mutter das frühere väterliche Anwesen und ziehen angesichts ihres nur noch mageren Einkommens in ein kleines Cottage auf dem Lande. Dort lernt die übersprudelnde und nichts zurückhaltende Marianne einen jungen lebenslustigen Mann von Stand kennen namens Willoughby. Sie kann ihre Wertschätzung für diesen nicht verbergen (will es aber auch nicht) und auch Willoughby scheint Mariannes Gesellschaft zu schätzen. Als Edward die Familie besucht, sieht Mrs. Dashwood ihre Töchter Elinor und Marianne schon gut verheiratet. Aber sowohl Edward als auch Willoughby sind nicht unabhängig …
Auch dieser Jane-Austen-Roman wurde wurde mehrfach verfilmt, u.a. von Ang Lee nach einem Drehbuch von Emma Thompson (Oscar 1996, herrliche Dankesrede von Emma Thompson). Die letzte BBC-Verfilmung mit Hattie Morahan als Elinor und Charity Wakefield als Marianne aus dem Jahr 2008 steht hier schon bei mir und wartet darauf, angesehen zu werden. Inzwischen gibt es übrigens wie zu “Stolz und Vorurteil” auch zu diesem Jane-Austen-Buch einen sogenannten Mash-Up-Roman “Sense and Sensibility and Sea Monsters” Letzteren habe ich bislang nicht gelesen, ich weiß nicht, was die Sea Monster in diesem Mash Up suchen - und will es auch nicht wissen,Vorurteile hin und her ;). Erwähnen will ich aber auf jeden Fall noch die im Argon-Verlag erschienene vollständige Lesung von "Verstand und Gefühl" -erneut wundervoll gelesen von Eva Mattes.
Im Gegensatz zu “Stolz und Vorurteil” habe ich “Verstand und Gefühl” schon längere Zeit nicht mehr gelesen bzw. gehört. Was die Nachlese zu dieser Graphic Novel angeht, so ergeben sich daraus Vor- und Nachteile. Einerseits sind mir ein paar Dinge in der Graphic Novel aufgefallen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie richtig in Erinnerung habe. Andererseits kann ich so vielleicht für einen "Nichtkenner" des Werkes das “Gesamtbild” der Adaption eher beurteilen, weil ich mich nicht so auf die Buchdetails konzentriere(n kann).
Nachdem “Pride and Prejudice” in dieser Form von Marvel erfolgreich auf den Markt gebracht wurde, wurde Nancy Butler auch für “Sense und Sensibility” mit der Anpassung der Austenschen Prosa beauftragt. Sie führt im Vorwort aus, dass dieser Roman mehr Reflektion und Beschreibung denn Aktivitäten enthält und von ihr daher nicht nur Kürzungen vorzunehmen waren. Vielmehr habe sie auch Texte anderen Personen zugeordnet oder neu gefasst. Nach Lektüre der Graphic Novel denke ich, dass das überwiegend gut funktioniert.
Wie bereits gesagt, sind mir einige Szenen aufgefallen. Wenn ich mich recht erinnere, spekuliert z.B. Elinor im Roman nicht über die Abläufe in Plymouth - ich hoffe, diese vage Andeutung reicht für die Kenner des Romans, ich wollte nicht spoilern :) - , sondern sie werden ihr von Edward dargelegt - und das passiert auch viel später im Roman als in der Graphic Novel. Auch scheinen einige von Mrs. Dashwoods Erklärungen gegenüber Fanny in der Graphic Novel nicht aus dem Roman zu stammen. Ich mag mich falsch erinnern, aber die Roman-Mrs. Dashwood habe ich nicht als eine Frau in Erinnerung, die beinahe “frank und frei” ihre Meinung kundtut. Auch gewisse Szenen mit Mariannes anderem Verehrer Colonel Brandon scheinen nicht nur gestrafft, sondern auch zeitlich verlagert worden zu sein.
Colonel Brandons Angebot in London z.B. wird nicht, wie im Roman, erzählt. In der Graphic Novel wird die neugierige Londoner Gastgeberin Mrs. Jennings “mit spitzen Ohren” gezeigt während im Hintergrund das Gespräch mit Colonel Brandon stattfindet und nur drei, vier Textfragmente wie Neumöblierung etc. auftauchen. Kurz darauf wird in einem weiteren Gespräch dann deutlich, worum es geht. Ich finde das eine kreative und sehr schön funktionierende Lösung.
Die Zeichnungen von Sonny Liew mag ich im Großen und Ganzen. Zwar ging mir häufig durch den Kopf “Makrokopf auf Mikrokörper”, aber das ist halt der Zeichenstil. Die Charaktere sind individuell und haben - innerhalb der Graphic Novel - Wiedererkennungswert. Auch werden durch kleine Details die Gemütszustände schön übermittelt: ein paar Schweißtropfen hier, ein paar Gewitterwölkchen dort, ein hochfahrendes Erschrecken. Für mich wirkten die Figuren trotz dieses “Leichtigkeit” vermittelnden Touches aber nicht lächerlich. Ähnlich wie bei “Makrokopf” sah ich diese Details als persönlichen Stil des Zeichners.
Diese Adaption von “Sense and Sensibility” in die Form einer Graphic Novel gefällt mir, und zwar deutlich besser als diejenige von “Pride and Prejudice”.
Ein Grund für mich ist, dass sich Verstand und Gefühl” stärker auf zwei Hauptcharaktere konzentriert. Die Geschichte ist zeitlich und örtlich immer bei Elinor und Marianne. Diese beiden Charaktere werden nie länger als ein paar Stunden voneinander getrennt, wenn ich den Roman richtig erinnere. So ist es kein Wunder, dass auch in der Graphic Novel trotz Auftreten von Edward, Willoughby, der Familie etc., regelmäßig beide Hauptcharaktere präsent sind und sich die Geschichte - mag sie auch gekürzt und angepasst sein - auf sie konzentrieren kann. Wenngleich einige Züge der Romancharaktere (zwangsläufig) nicht so stark herauskommen oder vom Roman verschieden sind (wie gesagt, ich bin mir da nicht ganz sicher), so scheint mir das Wesentliche des Romans aber eingefangen und transportiert.
In dem Roman “Stolz und Vorurteil” kommt es dagegen zu längeren Trennungen der Charaktere (Jane und Elizabeth, Elizabeth und Charlotte, Jane und Bingley, Elizabeth und Darcy etc.) und dadurch auch zu aufgesplitteten Handlungssträngen und Vorkommnissen. Bei der Adaption dieses Romans als Graphic Novels habe ich bekanntlich einige Details vermisst, die für mich das Wesen der Geschichte ausmachen bzw. mittragen (
klick).
Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass mir der Roman “Stolz und Vorurteil” bei Lektüre der Graphic-Novel viel präsenter war als die Romanversion von “Verstand und Gefühl”.
Und vielleicht war ich auch bei "Stolz und Vorurteil" pingeliger, weil mir dieser Roman noch ein kleinen bisschen näher am Herzen liegt als "Verstand und Gefühl" ;)
Anmerkung:
Was mir durch diese Graphic Novel gerade in Bewusstsein gerückt ist: Willoughby wird mit Nachnamen angesprochen, Colonel Brandon auch. Edward Ferrars wird jedoch mit Vornamen von den Damen Dashwood genannt und auch direkt angesprochen und nicht etwa mit "Ferrars" oder "Mr. Ferrars". Edward ist zwar ein Schwager und somit irgendwie auch "Familie" und es gibt noch einen Bruder. Aber: In "Stolz und Vorurteil" spricht Mrs. Bennet ihren Ehemann z.B. mit Mr. Bennet an und in "Emma" sagt die Protagonistin zu ihrem Schwager (der einen Bruder hat) "Mr. Knightley".
Jetzt frage ich mich gerade, ob Jane Austen bewusst von Anfang an Edward verwandt hat, um ihre Leser auf "Nähe" aufmerksam zu machen (das wäre damals ja dann doch irgendwie ein Spoiler gewesen, oder?) oder ob ihr das bei der Umarbeitung vom Brief- und Prosaroman "einfach" untergegangen ist? Was denkt ihr?