Samstag, 19. November 2011

Projekt 52 Bücher: Woche 03 - Deutsche Nachkriegszeit (nach dem 2. WK)

In der dritten Woche hat sich das Fellmonster ein Geschichts-Thema aus dem Topf gepickt.Hm. Deutsche Nachkriegszeit...

Als ich das Thema las, kam mir als Erstes Schullektüre in den Sinne: "Die Aula" von Hermann Kant. Diesen Roman habe ich in meiner Schulzeit in der damaligen DDR gelesen. Das ist inzwischen so rund 25 Jahre her. In "Die Aula" erinnert sich der ehemalige Absolvent Iswall an seine Zeit an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF - diese ABFs entstanden nach Gründung der DDR und Mitgliedern der Arbeiter- und der Bauernklasse wurde dort die bis dahin einer anderen Schicht vorbehaltene "höhere Bildung" zugänglich gemacht. Hier konnte von ihnen das Abitur gemacht werden, der erste Schritt auf dem Weg zum Studium - damit verbunden war natürlich auch die Schaffung einer neuen Bildungs"klasse" in dem neuen sozialistischen Staat). Anlass und Aufhänger ist die anstehende Schließung von Iswalls Fakultät im Jahr 1962, 13 Jahre nach ihrer Gründung. Iswall wird aufgefordert, hierzu eine Rede zu schreiben und während er über Ansätze nachdenkt und Erinnerungen aufsteigen, erhält er - wenn ich mich recht erinnere, ich habe das Buch seit Jahrenzehnten nicht mehr gelesen - Gelegenheit, mit zwei seiner damaligen Zimmerkameraden zu reden: Seinem früheren besten Freund Trullesand, der wegen Iswall in China landete und zum Zeitpunkt der Erzählung in Leipzig lebt. Und als Iswall von einer Zeitung wegen der Berichterstattung nach einer Flutkatastrophe nach Hamburg geschickt wird, besucht er auch "Quasi" Riek, der nach der ABF nicht studierte, sondern in den Westen ging.

Wie gesagt, ich habe den Roman seit langer Zeit nicht mehr gelesen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, mochte ich Kants Aula damals. In der Schule haben wir damals das Buch bestimmt nur "quasikritisch" gelesen und diskutiert. Schließlich lebten und lernten wir in der DDR mit einem Schulsystem, das weiterhin auf den Ausbau einer den Staat unterstützenden Klasse ausgerichtet war. Andererseits kann ich mir sehr gut vorstellen, dass in der Zeit dieses Neuanfangs 1949 + folgende Jahre neben zwingenden Neuordnungen, Anpassungen, Organisationen (mein Vater erzählt mir von etlichen - nach einem Arbeitstag stattfindenden - über 30 km langen Fahrten mit einem klapprigen Fahrrad von der Küste ins Hinterland und zurück, um Fisch oder "zufällig gefundenes" Wild gegen Mehl, Brot oder anderen notwendige Dinge zu tauschen) auch idealistisch, euphorisch und eifrig die Gelegenheit genutzt wurde, alte Beschränkungen aufzubrechen und Wirtschaft+Bildung+Menschen neu zu organisieren. Fellmonsters Topic diese Woche hat mich seit langer Zeit wieder an Kants Aula denken lassen. Hat jemand von Euch den Roman kürzlich gelesen?
(EDIT 22.11.11 in diesem Zusammenhang: Kant war selbst Absolvent einer ABF und hat den Roman 1965 geschrieben).

Das Wort "Schullektüre" brachte aber auch einen anderen Namen in mein Gedächtnis zurück: Günter Wallraff und "Ganz unten". Ich erinnere mich, dass wir das Buch gelesen haben - ich habe es nicht mehr - und seine Enthüllungsstories eine fruchtbare Basis für den Unterricht unseres Staatsbürgerkundelehrers boten... Abgesehen von diesem nicht unerwarteten Effekt und uanbhängig von der Frage, ob und in welcher Beziehung Günter Wallraff zur Staatssicherheit der DDR stand, denke ich aber, dass dieses Buch und ebenso die weiteren Reportagen Wallraffs generell sinnvolle Augenöffner waren und sind.

Die Erwähnung Wallraffs brachte Waggy dazu, sich auch ein wenig einzulesen. Allerdings hatte er keine Lust und Zeit, ein Buch zu lesen, deswegen hat er sich mein Netbook geschnappt und war online unterwegs:



Und ja, der Name Walter Kempowski sagt auch mir etwas. Von ihm wollte ich schon immer mal etwas lesen und ich habe - auch hierfür gebührt dem Fellmonster Dank wegen der Themenauswahl - meinen Chef  (der Kempowskis Werk, wie ich weiß, beinahe vollständig zu Hause hat) gebeten, mir "Im Block" auszuleihen. Dort beschreibt Kempowski seine Zeit von 1948 bis 1956 im sowjetischen Lager in Bautzen, wohin er von der russischen Besatzungsmacht wegen des Spionage verbracht wurde (er hatte zusammen mit seinem Bruder Unterlagen an die Westalliierten übergeben wollen, dass die russische Besatzungsmacht mehr Demontagegütern als vereinbart vereinnahmte).

Ein Buch, welches nicht in der "näheren Nachkriegszeit" spielt, habe ich Anfang letzten Jahres gelesen. Es handelt sich um "Die Schlinge" von Rolf Henrichs (klick) - ein Nachwenderoman, in welchem es um die Verteidigung eines NVA-Generals geht. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: Verantwortung für mehrere Todesfälle an der innerdeutschen Grenze.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag! Vor allem, weil er einen Einblick in das Leben in der "ehemaligen DDR" gibt. Das interessiert mich immer sehr und auch, wie das heute, im Rückspiegel quasi, betrachtet wird. Das Buch kenne ich "natürlich" nicht und ich weiß auch nicht, ob es für mich so interessant wäre - oder eben gerade - wegen der unterschiedlichen Betrachtungsweisen!?

    An die "Kempowski-Reihe" habe ich mich noch nicht gewagt - ich überlege öfter daran und nun hast Du mich auch wieder ein wenig geschubst. Mal sehen, ob es hilft ;-)

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  2. Ein interessanter Artikel... Das Buch "Die Aula" kenne ich nicht, habe ich auch noch nie gehört. "Ganz unten" habe ich gelesen, ja, das war wirklich ein Augenöffner. Wie auch "Der Aufmacher" über seine Zeit bei der sog. Zeitung mit den vier Buchstaben...
    Von Kempowski kenne ich "Tadellöser und Wolff". Das kann Dein Chef Dir auch mal geben.

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  3. Today i found some books written in german next to a trash container and i took two to try to read them! i'll let you know!if i am lucky, my german will come back to my mind and i will be able to write to you in german again!

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  4. Huhu! Leider kein Kommentar zum Beitrag. Aber ich hab dich beworfen ;) http://www.buchsaiten.de/?p=5247

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  5. @DarkJohann und Fellmonster
    Kant war selbst Absolvent einer ABF und hat den Roman 1965 geschrieben. Er und "Die Aula" sind durchaus umstritten, aber wie im Post schon gesagt: Ich kann mir das Engagement und den Rückhalt zu der Zeit zwischen 1949 und nun 1965 durchaus so vorstellen.

    Der Chef hat mir gestern "Im Block" mitgebracht, "Tadellöser und Wolf" behalte ich im Hinterkopf - dh auf der Projekt 52-Bücher-Liste :D

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  6. @Eli
    perhaps some german tourist didn't want to take this books home - but dumping books like this? tze, tze ;) on the other side: maybe you can exercise your german :) hm... I'm curious about the books. which books do you have found?

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  7. @Katrin
    Oh - ein Gegenpolstöckchen zur Nachkriegsliteratur ;) Mal schauen ;)

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  8. Liebe Natira,
    ich bin gespannt, was Du zu "Im Block" sagst... Ich habe es vor langer, langer Zeit mal gelesen... Ansonsten mag ich Kempowski ja sehr, Tadelöser & Wolf finde ich ja auch wirklich gut verfilmt... "Die Aula" wollte ich immer mal gerne lesen, vor Walfraff habe ich hingegen etwas "Manschetten" ;)

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  9. @Sayuri
    Zwar wusste ich, dass es eine Verfilmung von Tadelöser & Wolf gibt, aber die kenne ich ebenso wenig wie das Buch. Aber das kann sich ja ändern :)

    Liebe Grüße!

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  10. I found "das töefel general" un "Der leser". It's cool because i had already read them in spanish :)

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  11. @Eli
    "Des Teufels General" von Zuckermayer habe ich noch nicht gelesen.

    Ist das andere "Der Vorleser" von Schlink?

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