Sonntag, 27. November 2011

"Die Rückkehr der Eskatay " (Bd 1 der Morland Trilogie) von Peter Schwindt

Okay, schon wieder ein Büchereibuch und schon wieder von Peter Schwindt :) Endlich war nämlich die von Winterkatze erwähnte Morland-Trilogie von Peter Schwindt in der Bibliothek komplett da und ich habe zugegriffen. Und "Die Rückkehr der Eskatay" ist der erste Band.

Worum es geht und Nachlese:
Morland ist ein Land im Norden unter der Führung eines Präsidenten Begarell, dessen zweite und letzte Amtszeit sich dem Ende nähert. Die Situation in Morland ist schon seit längerer Zeit nicht stabil. Nicht findet man kopflose Leichen, auch Attentate werden verübt. Die Arbeiter sind unterversorgt, die Rohstoffe werden knapp, man hungert und kämpft um das Überleben. Eine Untergrundorganisation, die "Armee der Morgenröte" ruft zum Streik auf. Diesem Aufruf folgen auch Kinder und Jugendliche des Waisenhauses Nr. 9, unter ihnen die intelligente Tess. In ihrem Bestreben, den zugreifenden brutalen Wächtern zu entkommen, entwickelt Tess ungeahnte körperliche Kräfte und entkommt in die Straßen der Hauptstadt Lorick. Dorthin ist auch ein Wanderzirkus unterwegs. Die Situation für das wandernde Volk ist nicht gut. Man begegnet ihnen mit Vorurteilen, will ihnen Stellplatzgenehmigungen nicht gewähren und beleidigt sie. Der Jugendliche Hakon, der  kleine Zaubertrick präsentiert, verliert in einer Vorstellung die Kontrolle, als ihn ein Zuschauer des Betruges verdächtigt - und wehrt sich, indem er unwillkürlich die Geheimnisse seines Gegenübers ausplaudert - was das Interesse der Geheimpolizei weckt. Diese, dh der Innenminister, interessiert sich auch für den einflussreichen Richer Urban: Der Innenminister versucht, den Richter zur Zustimmung einer Verfassungsänderung zu bewegen, damit der Präsident Begarell weiter im Amt bleiben kann. Urban macht keinen Hehl daraus, wie er diese Sache sieht und muss die Konsequenzen tragen. Dies wird von seinem Sohn York beobachtet, der ebenfalls eine besondere Kraft an sich wahrnimmt. Sind die drei Eskatay, Abkömmlinge jener magisch begabten Rasse, die ihre Macht missbrauchten und die die Bewohner Morlands vor Jahrhunderten in einem langen Krieg besiegt haben?

Der Einstieg in Morlands Welt ist interessant, wenngleich nicht so "leichtgängig" wie in die Libri-Mortis-Reihe, wo es familiär überschauber ist und man sich im realen Paris bewegt. In dem ersten Buch der Morland-Trilogie führt Peter Schwindt dagegen nicht nur drei jugendliche Hauptfiguren ein, sondern muss auch deren Entwicklung darstellen und Kontakt-/Verbindungspersonen der diversen Handlungsstränge schaffen. Er schildert die polizeilichen Feststellungen zu den Todesfällen und etabliert zudem die aktuelle Situation Morlands sowie dessen Geschichte bzw. Legenden (Escatay). Für ein nicht ganz 400 seitiges Jugendbuch in nicht gerade Kleinschrift und normalem Hardcover-Layout sind das viele Informationen, die der Leser aufnehmen muss. Die Präsentation allerdings gelingt dem Autor gut: So erhält man z.B. weitere Informtionen über den Staat und vorhandene Erfindungen durch den Test, den York schreiben muss oder die in der Stadt vorhandenen Verkehrsmittel. Die wirtschaftliche Situation wird ziemlich direkt durch Tess Zeit im Waisenhaus oder nach ihrer Flucht deutlich. Peter Schwindt bringt sozusagen "in der action" Vieles an den Leser. Ich wage aber die vorlaute Vermutung, dass so manchem 13jährigen Leser (ab diesem Alter wird der Roman "empfohlen") von der relativ komplexen Erzählstruktur überfordert ist - vielleicht tue ich den 13jährigen aber auch Unrecht. Ich lasse mich insoweit gern belehren :)

(Nur mal am Rande: Auf der diesjährigen Frankfurter Messe war ja Island Gastland. Dabei habe ich u.a. erfahren, dass die Nachnamensndung -dottir Hinweis auf die Tochterstellung gibt. Jonasdottir würde also bedeuten Tochter von Jonas. Jonasson würde übrigens bedeuten Sohn von Jonas. Beim Lesen des ersten Bandes der Morlandreihe bin ich auf diese Namensendungen gestoßen. Noch im September wären mir diese diese Namensendungen gar nicht aufgefallen. ;) )

Peter Schwindts Morland hat viel Vertrautes, wie z.B. Kinderarbeit und industrielle Revolution, was an unser 18./19. Jahrhundert denken lässt. Aber es gibt auch Einflüsse jüngerer Geschichte: ein Präsident und eine Regierung, die bei Amtsantritt die Situation der Arbeiter verbesserte, Mindestlöhne und Urlaubsansprüche einführt, Monopole zerschlägt - und die sich nach und nach zu einer Diktatur entwickelt, eine Geheimpolizei mit Spitzeln an verschiedenen Stellen hat und versucht, Staatsbedienstete (und andere) durch mehr oder weniger offene Bestechung/Beförderung, Erpressung oder Bedrohungen zu lenken und so zu überdauern. Oder die Mittelschicht, die immer mehr verschwindet, während die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, das Leben auf der Straße, die Art, wie man Geld verdient, die Existenz von - ja - Sozialkaufhäusern. Der Autor mag in diesem fantastischen Jugendroman zwar ein Hilfsmittel nutzen, um die gesellschaftliche und politische Situation zu potenzieren (was es für 12-/13-/14jährige plausibler machen mag), aber die in diesem Band folgenden Entwicklungen (Machthunger, Güterverteilung, Kontrolle) wirken organisch. Und dann gibt es natürlich noch die fantastischen Abenteuergeschichte der drei erkennbar miteinander verbundenen Jugendlichen.

"Die Rückkehr der Eskatay" hat mir erneut gezeigt, wie kreativ, facettenreich und fesselnd Peter Schwindt schreibt. Ich bin schon neugierig, wie die Geschichte in Band 2 weitergeht. Denn einen Abschluss - auch einen Teilabschluss - enthält Band 1 (wohl ganz bewusst) nicht ;)

Kommentare:

  1. Hi Natira,

    die Morland Trilogie liegt auch noch auf meinem SUB. Ich habe damals den ersten Band sehr günstig auf dem Flohmarkt gefunden und dann, paar Wochen später, Band 2 + 3 als Mängelexemplare im Buchladen ergattert. Sollte mich dann bald mal dem ersten Teil widmen :)

    Grüßle und noch einen schönen 1. Advent,

    Anja

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  2. Du hast recht, im Vergleich zur Libri-Mortis-Trilogie gibt es hier wirklich sehr viele verschiedene Figuren, die man erst einmal kennenlernen und zuordnen muss. Mir persönlich hat das aber mehr gelegen, als diese Konzentration auf Rosalie und ihr kleines Umfeld.

    Ich habe die Libri-Mortis-Reihe zwar noch nicht aufgegeben, weil ich wissen will, was hinter all den Vorgängen steckt, aber die ruhige Erzählweise und diese bis in die Knochen gehende melancholische Atmosphäre belastet mich mehr als mir beim Lesen eines Buches lieb ist.

    Dafür haben mir bei den Morland-Romanen diese Vielfalt an Anspielungen, an gesellschafts- und kulturkritischen Aspekten und diese vielen entlarvenden Szenen sehr gut gefallen. :)

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  3. @Anja
    Zieh die Reihe aus den SuB :)
    Viele Grüße!

    @Winterkatze
    Ja, Libri Mortis düster melancholisch. Als ich die Reihe las, war es zwar auch schon Herbst, aber sonnig, so dass mich stärker das Mysteriöse gefangen nahm. Und ja - bereits im ersten Band gibt es viel Bekanntes und in Band 2 kam mir die Koroba-Krankheit sofort bekannt vor ...(viel weiter bin ich noch nicht)

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