Dienstag, 19. Juli 2011

I'm in english-Challenge: "Before I go to sleep" by SJ Watson


Eigentlich - ja eigentlich wollte ich nur "Forgotten" kaufen und dann habe noch fix dieses Taschenbuch mitgenommen.

Worum es geht:
"As I sleep, my mind will erase everything I did today. I will wake up tomorrow as I did this morning. Thinking I'm still a child. Thinking I have a whole lifetime of choice ahead of me ..." Welcome to Christine's life.

Nachlese:
Als ich die Bestellung aufgab hatte ich offenbar nicht richtig die Kurzbeschreibung "wahrgenommen". Irgendwie hatte sich nämlich bei mir die Vorstellung festgesetzt, dass die Erzählerin eine psychopathische Kriminelle ist, die jeden Morgen aufgrund ihrer Erkrankung - sie kann keine neuen Erinnerungen speichern - "unschuldig" aufwacht. Bis zu den ersten Sätzen war ich überzeugt,  solch einen Roman vor mir zu haben.  Aber damit hatte ich Unrecht:

Christine erwacht jeden Morgen und weiß nicht, in welchem Haus sie ist. Sie erkennt weder den Raum, noch den Mann neben sich. Sie erkennt ihren eigenen 47jährigen Körper nicht - und muss doch die Tatsache akzeptieren, dass ihr aus dem Spiegel ihre Augen aus diesem gealterten Gesicht entgegenschauen. Wo sind die fehlenden 20 Jahre hin? Der Mann stellt sich ihr vor. Er ist Ben, ihr Ehemann. Er erklärt ihr, dass sie aufgrund eines schrecklichen Vorfalls in der Vergangenheit nicht in der Lage ist, Erinnerungen zu speichern.  Er zeigt ihr Fotos, macht sie mit dem Haus vertraut, bevor er zur Arbeit geht - Ben ist ihr nicht vertraut, sie hat keine Erinnerungen an ihn. Als er fort ist, erreicht Christine ein Anruf von Doktor Nash. Seine Stimme klingt vertraut und so trifft sie sich trotz anfänglichen Zögerns mit ihm. Ben, so erfährt sie, weiß nichts von ihren Treffen mit diesem Arzt, der ihr helfen will, ihre Erinnerungen wiederzugewinnen. Und dann gibt Dr. Nash ihr ein Journal, in welchem sie schon seit einiger Zeit täglich notiert, was sie erlebt, was ihr Ben erzählt und woran sie sich erinnert ...

Der Roman ist vollständig aus Christines Perspektive und in der Ich-Form geschrieben. Es ist dem Journal nachempfunden. Sprachlich hat mir der Roman übrigens kaum Mühe bereitet. Ich kann nicht genau sagen, ob es nun daran liegt, dass die Autorin leicht verständliches Vokabular gewählt hat oder ob es daran liegt, dass ich durch diese Lese-Challenge einfach besser im Verstehen englischer Texte geworden bin - oder ob es etwas von beidem ist.Jedenfalls habe ich kaum ein Wörterbuch benötigt und konnte trotzdem problemlos der Geschichte folgen.

Was den psychologischen Hintergrund angeht, so existiert diese Form der Erkrankung offenbar, dass also neue Erinnerungen nicht in das Langzeitgedächtnis eingebettet werden können. In diesem Roman findet das "Löschen" von Christines Erinnerungen im nächtlichen Tiefschlaf statt, sodass Christine tatsächlich tageweise neu ihr Leben erlebt. Dies ist - so der fiktive Dr. Nash - ungewöhnlich, die Zeitabstände sind regelmäßig deutlich geringer. Für den Roman dagegen ist dieser zeitliche Rahmen natürlich glücklich ;)

Mal abgesehen von dieser vielleicht möglichen Ausgestaltung der Krankheit, fand ich ein paar Details nicht ganz überzeugend.

Christine führt bekanntlich das Journal, dessen Inhalt ja tagtäglich wächst. Neben ihren "Aktionen" am Tag nach dem verwirrenden Aufstehen muss sie also das Journal lesen und außerdem notiert sie ihre Aktionen, Gefühle, Gespräche etc. tagtäglich handschriftlich (es gibt Tage, da umfasst die gedruckte Version ihres Journaleintrages über 35 Seiten)... Wenn ich nur daran denke, wie mir die Hand und die Sehnenscheiden weh taten, als ich ungewohnterweise mal 10 Seiten per Hand geschrieben habe (Prüfungszeiten). Da kann ich  nur sagen: Respekt,dass sie das tagelang durchhält und auch noch so schnell schreiben kann! ;)

Dann ist es so, dass Christine mal 20, mal 35 Jahre fehlen. Sie wacht also manchmal mit dem Gefühl auf,  noch ein Kind zu sein. Welch ein Schock, im Spiegel jemanden zu sehen, der die eigene Mutter oder Tante (oder Oma) sein könnte. Mir wurde dabei nicht klar, auf welcher Ebene sich Christine emotional bewegt. Ist sie auch gefühlsmäßig noch ein Kind? Was denkt ein Kind, meinetwegen auch ein Teenager - denn Christine erklärt nicht konkret, wie alt sie gefühlt ist -, wenn ein fremder Mann vor ihm steht und vielleicht sogar Intimitäten austauschen will? Oder findet mit voranschreitender "Kopf"-Realisierung der aktuellen Situation auch zugleich eine emotionale Anpassung statt, da Christine sich zwar nicht erinnert, aber dennoch die Jahre durchlebt hat und sie vielleicht nachhallen? Möglicherweise war das auch SJ Watson nicht ganz klar und so wurde es etwas außen vor gelassen. Wirklich sagen wird das wohl nur jemand können, der dies durchlebt hat. Dieser Mensch könnte aber nun gerade aufgrund seiner Erkrankung NICHT in der Lage sein, sich daran zu erinnern und darüber zu berichten.

Auf der anderen Seite hat mich die Art, wie Christine schwankt, ob sie Ben vertraut oder nicht, wie sie an sich selbst zweifelt und überlegt, ob ihre Erinnerungen, Visionen und Träume wahr oder doch nur Erfindungen sind, ihre Unsicherheit, ob Dr. Nashs Engagement wirklich ihrer Genesung dient, überzeugt. Fragen, die (auch) dem Leser durch den Kopf gehen - Wie schafft es Dr. Nash, auch am Wochenende so anzurufen dass Ben nichts davon mitbekommt, obwohl er doch daheim ist? Wo hat Dr. Nash die Fotos her? etc. - werden im Verlauf der Geschichte beantwortet.

Mehr und mehr erfahren Christine und der Leser über das Leben dieser vertraut-fremden Frau, von ihren Gefühlen. Dass die Ereignisse nur aus Christines Sicht beschrieben werden und auch Dialoge mit Dritten nur aufgrund Christines Notizen im Journal für den Leser zugänglich werden, bedeutet Wachsamkeit: Man erfährt nur eine Seite. Erinnert sich Christine richtig und an alles, wenn sie ihre Erlebnisse notiert, teilweise erst einige Stunden nachdem sie stattgefunden haben?

Man wird das Gefühl nicht los, dass an irgendeiner Ecke irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Ist es Ben, der Christine umsorgt und von dem Dr. Nash - obwohl Ben nicht eingebunden ist - nur Positives nach den Krankenunterlagen zu berichten hat? Vielleicht will er Christine nur im Haus halten? Ist es Dr.Nash? Könnte er bestrebt sein, Christine aus Bens Fürsorge zu holen, hat er eigene Hintergedanken? Ist es Christine, die an Paranoia leidet?

Die Geschichte hat mich in ihrem Bann gezogen, die Erzählart mitgerissen, anders kann ich es nicht sagen. Ich wollte wissen, ob Christine erfährt oder erinnert, was mit ihr geschehen ist und ob sich das Gefühl bewahrheitet, dass irgendetwas nicht stimmt - und falls ja, was es ist. SJ Watson hat es - jedenfalls aus meiner Perspektive - geschafft, die Vertrauensvorschüsse, die Christine aufgrund ihrer besonderen Situation gewährt, aber auch die von ihr empfundenen Zweifel in der Waage zu halten: Christine findet häufig für beide Standpunkte Erklärungen, was ihre Verwirrung nur verstärkt und ihre Zerrissenheit zeigt. Es stimmt: Erinnerungen definieren uns. Was sind wir ohne sie? Und so blieb die Geschichte für mich im Fluss und auch reizvoll, wenngleich ich mit meiner Ahnung letztlich nicht ganz falsch lag.;)

Übrigens:
Hier geht es zur Homepage von S.J. Watson (klick) und hier (klick) zur Romanseite, auf der man auch unter Excerpt auch die ersten Zeilen lesen und offenbar das erste Kapitel auch herunterladen kann. Und wie ich gerade gelesen habe, besteht Interesse an einer Romanverfilmung (Beginn soll 2011 sein) durch Ridley Scotts production company.

Kommentare:

  1. Die Geschichte erinnert mich ein bisschen an den Film "50 erste Dates" mit Drew Barrymore und Adam Sandler. Klingt auf jeden Fall nach einem sehr interessanten Buch.

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  2. Ja, der Film ging mir auch durch den Kopf, vielleicht diente der 24-Stunden-Rhythmus dort auch als Inspirationsquelle (jetzt weiß ich auch, was ich in der Nach-Lese zu erwähnen vergessen habe *lach*). Das Buch ist jedenfalls nicht humorvoll wie der Film.

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  3. Irgendwie bin ich bei dem Buch zwiespältig, auf der einen Seite macht mich deine Nachlese neugierig und es ist ja auch eine recht ungewöhnliche Situation, auf der anderen Seite erinnert es mich an diese ganzen Amnesy-Suspense-Geschichten, die ich inzwischen schon nicht mehr sehen mag. ;)

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  4. @Winterkatze
    Da ich ja recht wenig aus der Richtung Krimi/Thriller/Suspense und Amnesie lese, war die Geschichte für mich "frisch" :) Wer weiß, vielleicht magst Du ja doch irgendwann mal reinschauen ;)

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  5. Ach, ich bin ja immer ganz froh, wenn die Leihliste nicht noch weiter anwächst. :D

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  6. *kichert leise und legt das Buch vor- und fürsorglich auf den WZS-Stapel, just in case*

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  7. Nein, nein, nein! Der Stapel ist schon hoch genug! Lass mich doch erst einmal die anderen Leihgaben lesen! *hilfe*

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  8. Sieh es als ... Erinnerungsstütze :)

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