Donnerstag, 7. Juli 2011

Variationen: 2x "Drei" und 1x "The Drawing of the Three" - Stephen King

Ich habe es wieder getan, also Band 2 aus dem Zyklus "Der dunkle Turm" von Stephen King in drei Versionen gelesen: die alte Heyne-Ausgabe aus 1993, die Heyne-Neuauflage aus 2003 und die englische Version aus 2003.

Wie erwähnt, geht es hier um den zweiten Band des Zyklus. Zu dem ersten Band, den man auch zuerst lesen sollte, habe ich mich hier und auch hier geäußert (Spoiler!). Wer der Zyklus nicht kennt: Auch in diesem Post kann es Spoiler geben, also Obacht ;)

Worum es geht:
Band 2 beginnt nur wenige Stunde nach dem ersten Band. Roland, der letzte Revolvermann einer Welt, die sich deutlich von unserer unterscheidet, ist am westlichen Meer angekommen. Desorientiert und ziemlich erledigt von dem langen, langem Palaver, das nach Rolands Aussehen offenbar Jahre gedauert hat, wird er von anrollenden Wellen geweckt. Diese haben nicht nur eine äußerst unglückliche Wirkung auf seine Patronen und die Revolver, mit ihnen kommen auch monströse hummerartige Tiere an den Strand. "Did a chick" und "dum a chum" sind die Geräusche, die Roland sehr schnell zu beachten lernt, denn er ist umgehend zwei Finger und einen Zeh los.

Ausgezehrt, verletzt und mit einer Blutvergiftung versehen (und weiter von den nachts herauskommenden Kreaturen verfolgt) schleppt sich Roland am Strand entlang, um "die Drei" zu ziehen, wie es ihm anhand von Tarotkarten prophezeit wurde. Denn er braucht diese "Drei", um zum Turm zu gelangen. Und wirklich taucht irgendwann am Strand eine unmögliche Tür auf. Roland trifft auf "den Gefangenen", der von einem Dämon namens Heroin besessen ist. Später wird er der "Herrin der Schatten" begegnen und dann ist da noch die letzte Tarotkarte "Der Tod" ...

Nachlese
Ich erinnere mich auch heute noch daran, wie ich bei meiner ersten Begegnung mit "Drei" den Kopf geschüttelt habe und dachte: Was für ein Schrott! Monsterhummer?! Und dann, bei meinem zweiten Anlauf vor ein paar Jahren wurde vieles anders. Und auch dieses Mal fühlt sich die Lektüre anders an. Das ist auch kein Wunder. Nicht nur, dass ich zunächst die überarbeitete und geänderte Version des ersten Bandes "Schwarz" gelesen habe, ich habe auch den deutschen Text intensiver und zudem den Originaltext gelesen.

Es ist schwierig, sich über ein Buch zu äußern, das am Anfang eines Zyklus steht - besonders, wenn der erste Teil recht umfangreich überarbeitet wurde. Manche Dinge des überarbeiteten ersten Bandes passen nicht zu "Drei". Dabei wurde offenbar auch der 2. Band bearbeitet (das vermute ich aufgrund des Vorwortes), wenn auch nicht so gravierend wie "Schwarz".  Es kommt allerdings jetzt zu Unstimmigkeiten:

In der überarbeiteten Version von Band 1 etwa ist Farson ein Ort (früher: eine Person), in Band 2 ist Farson (weiterhin) ein Ort. Marten und Walter sind in der überarbeiteten Version von Band 1 identisch, in Band 2 sind es zwei verschiedene Personen... Für den Leser ist das äußerst unglücklich, denn die Kontinuität ist in einem über 7 Bände (und diverse Graphic Novels + einem weiteren Band, an dem Stephen King offenbar arbeitet) wichtig. Und diese Kontinuität wird schlicht unterbrochen. Möglicherweise hat der Autor in Band 1 etwas zu viel geändert - oder Band 2 (und vielleicht auch die übrigen Bände) bedürfen einer weiteren Überarbeitung. Ich weiß nur nicht genau, ob mir das gefallen würde. Eine weitere Überarbeitung, meine ich.


Über Roland und sein Verhältnis zum Turm kann man über den gesamten Zyklus philosophieren - aber in diesem Band auch darüber, dass Roland - ebenso wie Eddie und ebenso wie er, ohne es anzuerkennen - ein "Gefangener" ist. Und auch Roland hat eine Schattenseite, wie die Herrin der Schatten ... und er trägt den Tod mit sich - Er zieht die "Drei", ja, aber die Tarotkarten und die prophezeiten "Drei" realisieren sich auch in gewisser Weise in Roland selbst. Ich denke nur, in Band 2 ist das Roland nicht bewusst - auch wenn Eddie ihm den Spiegel vorhält und Roland von selbst z.B. an Jake und dessen Opferung denkt. Das ist eine der Linien in dem Zyklus, die ich beim ersten Lesen nicht wahrgenommen habe. Ich werde versuchen, sie im Auge zu behalten.

Mir gefällt, wie der Autor Eddie, aber auch die Herrin der Schatten anlegt. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob ein Heroinsüchtiger wie Eddie wirklich solch ein Durchhaltevermögen nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug haben würde. Allerdings hat er ja auch in gewisser Weise Roland als Stütze ;). Und ob die Besonderheiten der Herrin der Schatten plausibel sind, kann ich auch nicht beurteilen - aber für mich sind sie gut genug geschrieben, dass die Herrin glaubwürdig wird. Beide Charaktere werden ja in Band 2 neu eingeführt und werden im weiteren Verlauf des Zyklus noch mehr Tiefe erhalten. Mort war gruselig genug, auch er als Charakter weniger Raum als Eddie und die Herrin hatte. Die Nebencharaktere fand ich auch gelungen, z.B. den Drogeristen Mr. Katz, der sich am Telefon mit einer Süchtigen herumschlagen muss und gedanklich seinen Vater und alle möglichen Leute verflucht  - und dann auch noch die Bekanntschaft eines Revolvermanns macht.

Viele Dinge sind mir beim ersten vollständigen Lesen des Zyklus nicht bewusst geworden - und vermutlich werde diese Erkenntnis auch beim dritten oder vierten Mal haben, wenn ich den Zyklus lese ;). Ich dachte z.B., Eddie stamme aus unserer Welt, der "Fundamentalen Welt", unserem Universum. An etwas anderes habe ich mich aufgrund meiner ersten Lektüre vor ein paar Jahren auch nicht erinnert. Bei Jake war ich mir nicht so ganz sicher, einfach weil im ersten Band zu wenig Informationen für mich vorhanden waren. Bei der Herrin ist mein erster Impuls nach diesen Band 2 zu sagen: nein, weil ich von der Firma ihres Vaters nie etwas gehört habe ;). Aber sicher bin ich mir momentan noch nicht. Bei Eddie dachte ich: jepp, "unser" New York, wenn auch nicht unsere Zeit. Stimmt aber nicht. Obwohl ich nach der deutschen Übersetzung wohl bei dieser Überzeugung geblieben wäre. Das ist ganz interessant:

In der alten Heyne-Ausgabe habe ich den "Hinweis", der _mir_ zeigte, dass Eddie nicht aus unserer - "Fundamentalen" Welt stammt (es gibt noch andere, die mir aber nicht auffielen), schlicht überlesen, obwohl er - wie ich festgestellt habe - genau so enthalten ist wie im Original (2003). In der 2003er Heyne-Ausgabe habe ich den Hinweis auch überlesen - weil er nicht mehr da war! Ich kann angesichts des englischen Textes aus 2003 nur vermuten, dass der Übersetzer in der 2003er Heyne-Ausgabe an dieser Stelle eine unbewusste Änderung vorgenommen hat, dort heißt es nämlich:

".. so als würde man einen Film sehen, der entweder in den Sechzigern spielte oder damals entstanden war, so wie der mit Sidney Poitier und Rod Steiger ..." (S. 280 11. Aufl. Heyne "Drei" von Stephen King in der Übersetzung von Joachim Körber).

Klingt völlig normal und vertraut, nicht wahr? Nur dass es im Original heißt:

"...because this was like watching a movie either set or made in the '60s, something like that one with Sidney Steiger and Rod Poitier... " (S. 171 Penguin "The Drawing of the Three" by Stephen King, 2003).

Im englischen Text bin ich darüber gestolpert, dass es Sidney Steiger und nicht Sidney Poitier heißt und habe dann noch einmal in den deutschen Ausgaben nachgeschaut. Die 2003er Ausgabe habe ich oben zitiert, in der 4. Aufl. Heyne 1993 "Drei" von Stephen King in der Übersetzung von Joachim Körber heißt es auf S. 419:

"...denn dies war, als würde man einen Film sehen, der entweder in den Sechzigern spielte oder damals entstanden war, so wie der mit Sidney Steiger und Rod Poitier..."

Da ist in eine richtige Übersetzung ein Fehler hineinkorrigiert worden ;)

Da ich gerade bei Übersetzungen bin: An einer andere Stelle in beiden deutschen Ausgaben habe ich mich beim Lesen der Szene damals und auch dieses Mal wieder darüber gewundert, was denn so Besonderes daran ist, dass ein Mann in 20 Minuten ein Sandwich isst! Die Flugbegleiterin überlegt nämlich, dass das Sandwich in einem Stück verschluckt bzw. förmlich verschlungen wurde. Also in 20 Minuten kann man doch ein Sandwich mehr als in Ruhe essen. Des Rätsels Lösung war recht einfach: Aus 20 seconds waren in der deutschen Übersetzung 20 Minuten geworden ;).

Insgesamt, finde ich, hat Joachim Körber als Übersetzer eine klasse Arbeit geleistet. So hat mir z.B. die Übertragung der folgenden Passage ins Deutsche sehr gefallen:

"I'm no shrink," Eddie said ... "Shrink? What is a shrink?" Eddie tapped his temple. "A head doctor. A doctor for your mind. They're really called psychiatrists." Roland nodded. He liked shrink better. Because this Lady's mind was too large. Twice as large as it needet to be." (S. 201 Original Penguin s.o.)

(Anm: shrink = kurz für headshrinker = Slang für Psychiater, aber wortwörtlich auch schrumpfen)

Hieraus wurde, da das Wortspiel mit shrink und schrumpfennicht funktioniert in der deutschen Sprache, einfach weil es den "Shrink" bei uns nicht gibt, Folgendes:

"Ich bin kein Seelenklempner" sagte Eddie ... "Seelenklempner? Was ist den ein Seelenklempner?" Eddie klopfte sich an die Stirn. "Ein Kopf-Doktor. Ein Arzt für den Verstand. In Wirklichkeit nennt man sie Psychiater." Roland nickte. Seelenklempner gefiel ihm besser. Weil der Verstand dieser Frau irgendwie nicht dicht war. Undichter, als er sein sollte." (S. 353 2003er Ausgabe Heyne s.o.).

Die Übertragung funktioniert (ich hätte mir nur das Wort "Herrin" statt "Frau" gewünscht), denn in gewisser Weise "fließt" in den Verstand der Herrin etwas hinein bzw. heraus.


Was mir den 1993er Ausgabe gefallen hat und in der 2003er fehlt, sind zwei, drei Anmerkungen des Übersetzers zu von Stephen King benutzten Wortspielen. So gab es z.B. eine Erläuterung zum Begriff "John", der eine Rolle in einer Trivial Persuit-Frage spielt. Weshalb die Fragenden sich so darüber amüsieren, wird nur klar, wenn man weiß, dass im Amerikanischen John auch umgangssprachlich "Klo" bedeutet. Im Originaltext erahnt man es, denn "john" wird schon früher und im Zusammenhang mit dem Besuch der Toilette benutzt. Aber ich muss gestehen, dass mir die Bedeutung entgangen wäre, hätte ich nich vorab in der 1993er Ausgabe von Heyne diese Anmerkung des Übersetzers gelesen.

Übrigens ist es schon irgendwie witzig, auf welch absurde Idee ich beim Lesen und dem Nachschlagen in den englischsprachigen Wörterbüchern und dem englischsprachigen Thesaurus gekommen bin: Ich hatte eingangs bereits erwähnt, dass die Monsterhummer "Did a chick?" und "Dum a chum?" von sich geben und Roland um zwei Finger und einen Zehn "erleichtern". Jedes Mal, wenn diese Geräusche im Roman wieder auftauchten dachte ich jetzt: "Did a chick" könnte für "Gemacht wie Hühnchen?" (also: Schmeckst Du wohl?) stehen. Statt "Dum a chum" könnte man auch "dump a chum" lesen und dies könne für "Lernst langsam, Kumpel?" (ah, gut für mich, leckeres Hühnchen) stehen. *G* Ich sagte ja, ein wenig absurd. Oder? :)

Die Saga um Roland geht weiter. Band 3 "Tot" liegt hier schon bereit - auf deutsch habe ich den kompletten Zyklus inzwischen hier -; mal sehen, ob ich auch Bd. 3 erneut im Original lesen werde.

Kommentare:

  1. Haaach, da bekomme ich wieder so Lust, meine (alte) Ausgabe von "Drei" rauszukramen!
    Ich finde deine Gegenüberstellung unheimlich interessant und freue mich schon auf den nächsten Teil! :-)

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  2. Ich muss zugeben, dass ich diesen Beitrag schon ein paar Tage vor mir hergeschoben habe, weil mich King und diese Reihe so gar nicht interessieren. Aber dafür war ich schrecklich neugierig auf deine Beobachtungen bezüglich der Übersetzungen und der Neuüberarbeitung - und das war für mich auch wirklich interessant zu lesen. :)

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  3. Danke, liebe Winterkatze :)
    Ab Band 3 habe ich nur noch die neuen Heyne-Ausgaben - die früheren Versionen wollte ich, ehrlich gesagt, nun auch nicht kaufen ;) Aber ich möchte auch weiter im Vergleich das Original zeitnah lesen: Auf der einen Seite, erleichtert es das Verständnis des Originals für mich ungemein *g*, auf der anderen Seite finde ich die Umsetzung auch total spannend!

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  4. Deine intensive Auseinandersetzung mit dem Original und der Übersetzung macht mir halt Lust es selber mal auszutesten - wenn auch nicht mit einem King-Roman. ;)

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  5. Die liegt ja schon bereit - ich habe sogar Auswahl - und für die Challenge muss ich diesen Monat ja eh noch lesen. ;)

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  6. Oh, ich auch! Mal sehen: Ich habe ja den Krimi, noch ein mit Jane Austen zusammenhängendes Buch, Harry, englischsprachige Comics... Seitdem ich bei der Challenge mitmache, wimmelt es inzwischen von englischsprachigen Büchern in meinem TuB :)

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  7. Hihi, ich habe neben den eh schon vorhandenen englischen Leihgaben und den wenigen englischen SuB-Titeln letzte Woche in der Bibliothek fünf Agatha Christies ausgeliehen. Drei auf Englisch (Black Coffee, They Came to Baghdad und Towards Zero) und zwei deutsche Übersetzungen (Nikotin und Sie kamen nach Bagdad - Towards Zero hatten sie leider nicht). :D

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