Dienstag, 14. Juni 2011

Variationen von "Schwarz" , "The Gunslinger" und Übersetzungsfragen - Spoilergefahr

Ich wollte zwar nicht spoilern, aber ganz vermeiden ließ es sich nun doch nicht. Es kommen Zitate vor und Kurzeinführungen in diesem Post, daher auch die vorsorgliche Warnung im Titel ;). Und die nächste folgt auf dem Fuss: Ich konnte die virtuelle Tinte nicht halten!

Im Rahmen der "I'm in english-Challenge" habe ich in diesem Monat "The Dark Tower Vol. 1 - The Gunslinger" von Stephen King gelesen (klick) . Das war eigentlich nicht so gedacht. Ich hatte mir nämlich vor, für die Challenge im Juni den dritten Harry-Dresden-Roman im Original zu lesen. Wie ich bei "The Gunslinger" gelandet bin?

Ich hatte ja schon wieder einige Zeit damit geliebäugelt, den Zyklus um den Dunklen Turm wieder zu lesen. Ende Mai habe ich mir also meine Taschenbuchausgabe von "Schwarz/Drei" aus dem Jahre 1988 geschnappt. Vor zwei Jahren hatte ich mit diesem Doppelband meinen persönlichen zweiten (oder dritten?) Anlauf genommen und mich auf den Weg zum Dunklen Turm gemacht. Bei dem Anlauf in 2009 hatte mich das Thema auch gepackt und so habe ich mir die weiteren Bände über die Bücherei besorgt - und soweit sie dort vergriffen waren, kurzerhand gekauft. Bei diesen weiteren Bänden 3 bis 7 habe ich dann immer die neueren Heyne-Ausgaben gelesen, aber darauf habe ich damals nicht geachtet.

Ende Mai jedenfalls stand ich vor meinem Regal, schnappte mir den Doppelband und schaute dabei zugleich auf meine nicht vollständig vorhandene Dunkler-Turm-Reihe. Wäre es nicht schön, wenn ich die gesamte Reihe in einer Ausgabe hätte? Gedacht, bestellt - und schon mal begonnen, in dem Doppelband zu lesen. Als die neuen Ausgaben von Band 1 und Band 2 da waren, wechselte ich in diese Ausgabe und begann den betreffenden Absatz noch einmal. Und stutzte. 

Was stand denn da? Zum Vergleich griff ich noch einmal zum Doppelband, nein, dort stand nichts von Mais und auch nichts von Sheemie und der Manni-Frau. Ich war so begierig, den ersten Band in der frisch eingetroffenen nagelneuen glänzenden Ausgabe zu lesen, dass ich in das enthaltene Vorwort gar nicht hineingeschaut hatte. Das holte ich nun nach. Stephen King hat 2003 seine Dunklen-Turm-Bücher beendet und dann den ersten Band noch einmal überarbeitet. Diese Version hatte ich in der deutschen Übersetzung nun vor mir. 

Hm... Ich habe mich dann dazu entschlossen, erst meine alte Ausgabe und dann die neue zu lesen, einfach um die Unterschiede besser erkennen zu können, zumal ich den kompletten Zyklus bislang ja nur einmal und mit der ursprünglichen Version von "Schwarz" Anfang 2009 gelesen hatte.


Einige Dinge gefielen mir: 
Rolands Erinnerung an Sheemie zum Beispiel oder dass auch in diesem ersten Teil die aus den späteren Bänden bekannten Wortphrasen "Höre mich wohl", "wahrhaftig" "Sage meinen Dank". Auch Rolands Déjà vus passen, nehmen sie im Grunde den Neueinsteiger nichts vorweg und verstärken, wie die Wortphrasen und die Klarstellungen (der Klavierspieler Sheb, Rhea, Südost-Richtung oder die Erwähnung von Positronics etc.) die Vertrautheit für den Wiederleser.


Allerdings bin ich mit anderen Ergänzungen/Streichungen/Änderungen nicht glücklich.
So würde ich am liebsten "Resumption" streichen und jede weitere Andeutungen des Mannes in Schwarz. Und dann das Palaver am Ende mit den Umstellungen! Wie gesagt, ich habe den Zyklus bislang erst einmal vollständig gelesen und besonders diese Änderungen kann ich erst wirklich beurteilen, wenn ich die übrigen Teile noch einmal gelesen habe.

Mal abgesehen davon, fand ich es viel stimmiger, dass Jake sich in der ursprünglichen Version nur noch bruchstückhaft erinnert. In der überarbeiteten Version erinnert er sich an einen Kinofilm, an einen Kosenamen, und nach etlicher Zeit (obwohl doch eigentlich mehr und mehr verblassen sollte) sogar noch die Bahn. Zwar erfährt man jetzt mehr von Jakes Welt, aber diese Informationen nehmen für mich zu viel von dem Rätselhaften und Mysteriösen dessen, was Jakes Hintergrund ausmacht, fort.

Recht neutral sehe ich dagegen zum Beispiel die Ergänzung beim Orakel: Nicht nur, wonach Roland Ausschau halten soll, sondern dass es nicht mehr nur um "Drei" geht, denn "Eine andere Zahl kommt später hinzu."

Und dann gab es Passagen, bei denen ich mir - da Stephen King ja nun schon mal überarbeitet hat - eine Änderung/Ergänzung gewünscht hätte, z.B.
Welchen Gefallen bietet Nort dem Revolvermann eigentlich an ("Ein Goldstück für einen Gefallen") bzw. welchen Gefallen fordert Roland an? Oder was ist mit der Zeit, die verstreicht, während Roland auf die Wirkung des Meskalin wartet und während dessen stumm seine Revolver putzt und einen Riss näht - während er vor der Meskalineinnahme behauptet, es sein keine Zeit, Jake von dessen Schlafwandlerei zu berichten.

Aber von all diesen Dingen einmal abgesehen, stolperte ich beim Lesen der überarbeiteten Auflage auch über Formulierungen. Ich glaube, es fing damit an, dass in der neuen Auflagen von Mais die Rede war und nicht mehr von Getreide. Ich fragte mich, warum Stephen King das geändert haben sollte. Und dann trifft Roland auf den Grenzbewohner Brown. Die beiden kennen sich nicht von früher, sehen sich also das erste Mal und wechseln folgende Worte

"Leben für deine Saat" (meine Anm: Roland)
"Leben für deine eigene" antwortete der Grenzbewohner (meine Anm: Es folgt eine Beschreibung des Grenzbewohners)..."Lange Tage und angenehme Nächte, Fremder."
"Und mögen sie dir doppelt vergönnt sein."
"Ist unwahrscheinlich", antwortete der Bewohner und stieß ein schroffes Lachen aus. "Mais gibt's umsonst, aber für die Bohnen wirst du was ausspucken müssen. Ein Mann bringt sie ab und an vorbei. Er bleibt aber nie lange."....

Warum sollte Brown sofort darauf hinweisen, dass es Mais umsonst gibt usw. Ich griff mir die alte Übersetzung und fand dort folgendes (Zitat S. 16 aus der Taschenbuchausgabe Heyne 4. Aufl.)

"Leben für deine Saat"
"Leben für deine eigene" antwortete der Grenzbewohner ...  
"Lange Tage und angenehme Nächte, Fremder."
"Und mögen sie dir doppelt vergönnt sein."
"Ist unwahrscheinlich", antwortete der Bewohner und stieß ein schroffes Lachen aus. "Ich habe nichts, außer Getreide und Bohnen" sagte er. "Getreide ist umsonst, aber für die Bohnen wirst du was ausspucken müssen. Ein Mann bringt sie ab und an vorbei. Er bleibt nicht lange" ...

Und daraufhin dachte ich mir: Okay, so ein Grenzbewohner sieht einen Fremden, bewaffnet mit zwei Revolvern, der ihn vielleicht abschätzend anblickt und kaum den Mund aufbekommt, vermutlich sieht er ausgemergelt, hungrig und durstig aus, wie er da so mit seinem Maultier in schlechtem Zustand steht. Es macht dann durchaus Sinn, darauf hinzuweisen, dass man im Grunde nichts hat, was man mit Gewalt nehmen müsste. Besonders, wenn man das Getreide (und wie sich alsbald herausstellt auch das Wasser) völlig freiwillig und kostenlos anbietet. Stephen King hätte diese Stelle eigentlich detaillierte ausführen sollen, meiner Meinung nach, aber in der ursprünglichen Version habe ich zumindest "die Kurve" bekommen. In der Übersetzung der überarbeiteten Version fehlt mir jetzt aber doch zuviel.

Irritiert und neugierig wie ich war, besorgte ich mir daraufhin "The Gunslinger" im Original in der überarbeiteten Version von Stephen King. Und was fand ich dort?

"Life for your crop."
"Life for your own," the dweller answered ....
"Long days an pleasant nights, stronger."
"And may you have twice the number."
"Unlikely," the dweller replied and voiced a curt laugh. "I don't have nobbut corn and beans," he said. "Corn's free, but you'll have to kick something in for the beans. A man brings them out once in a while. He don't stay long." ...

Mir ist schon klar, dass der Übersetzer ein eigenes Ermessen hat und Joachim Körber hat - mit einigen Ausnahmen aus meiner Sicht, dazu später mehr - auch einen klasse Job geleistet (sicherlich auch damals in der ursprünglichen Version). Aber warum wurde "I don't have nobbut corn and beans," he said." vollständig weggelassen? An dem Wörtchen "nobbut" dürfte es wohl kaum gelegen haben, wenn ich mir die deutsche Übersetzung der "Altversion" ansehe und meine Recherchearbeit bedenken: Ursprünglich war ich nämlich auf dem falschen Dampfer und dachte, "nobbut corn" gehöre zusammen und stelle eine besondere Art von Getreide dar oder stehe für Mais. Tatsächlich habe ich nobbut aber nirgendwo gefunden und mir wurde irgendwann klar, dass das Wörtchen wohl für nothing but, verschliffen nobbut stehen dürfte (wie "wanna" für want to). Im Moment frage ich mich, lag es am Übersetzer oder am Lektorat, dass der Satz untergegangen ist, der aus meiner Sicht zum Verständnis der Szene beiträgt. 

Nach diesem Erlebnis las ich im Original weiter, die deutsche Version nahe bei mir. Ich wollte nachschlagen können, falls ich etwas aus der deutschen Übersetzung anders in Erinnerung hatte - oder besser gesagt, wenn ich das Gefühl hatte, es sei anders gewesen. Wort-für-Wort-Übersetzungen hatte ich nicht vor :) Außerdem hatte ich mir in der deutschen Version bereits beim Lesen Passagen markiert, die ich mit dem Original vergleichen wollte.

Ich will noch ein paar weitere Beispiele nennen:

- Roland will von sich aus Brown von den Geschehnissen in Tull berichten, findet aber nicht die richtigen Worte und keinen Anfang. Daraufhin Brown:
"Ich nehme mal an, du wirst es erst dann tun, wenn ich dich richtig dazu einlade", sagte Brown. "Was ich hiermit tue. Möchtest Du mir von Tull erzählen?" Der Revolvermann stellte zu seiner Überrraschung fest, dass die Worte diesmal wie von allein kamen ..."
Im Original lautet der Text:
"I guess you won't feel right about it unless I invite you," Brown said, "and so I do. Will yo tell me about Tull?" The gunslinger was surprised to find that this time the words were ther".
Bin ich ein Erbsenzähler, wenn ich sage, es besteht ein Unterschied zwischen: "Vermutlich fühlt es sich für Dich nur richtig an, wenn ich Dich auffordere" oder "Vermutlich erzählst Du erst, wenn ich Dich auffordere"? Zumal Joachim Körber interessanterweise in der "Altversion" tatsächlich die Variante mit dem richtig anfühlen gewählt und ich frage mich, weshalb er das geändert hat.

- In einer anderen Szene erinnert sich Roland an seinen Kumpel Cuthbert und den Ausbilder Cort. Cort hatte Cutbert gemaßregelt und sich dann Roland zugewandt, Cuthbert streckte im Rücken die Zunge heraus, was Cort allerdings mitbekam und Cuthbert eine weitere schmerzhafte Lektion erteilte und sagt, er hofft, dass Cuthbert noch lernen wird, wo er hingehört. Cuthbert rappelt sich auf und schaut Cort hasserfüllt an. Es folgt in der deutschen Übersetzung:
"Du gibst dich also noch der Hoffnung hin", sagte Cort. "Wenn Du der Meinung bist, dass du es schaffst, kannst du ruhig auf mich losgehen, du Wurm." ...
Im Original heißt es:
"Then there's hope for you," Cort said. "When you think you can, you come for me maggot."
Cort sieht in Cuthberts Augen etwas,, aber nicht, dass Cuthbert sich Hoffnungen macht, sondern dass aus seiner - Corts - Sicht noch Hoffnung für Cuthbert besteht. Das sind für mich zwei verschiedene Dinge.

An anderen Stellen sind es nur Kleinigkeiten, einzelne Worte:

- So las ich im Original das Gespräch zwischen Roland und seinem Vater, in dem es auch darum geht, dass  Roland nicht so aufgeweckt ist wie andere Kinder und dass Moral nicht einfach "fassbar" ist. Konkret heißt es dort:
"Morals may always be beyound you. You are not quick, like Cuthbert or Vannay's boy. That's all right, though. It will make you formidable."
Ich hatte aus der deutschen Version noch im Hinterkopf, dass dort stand:
"Das wird dich gefährlich machen."
Wie wird aus formidable gefährlich? Sicherlich kann man furchtbar, furchteinflößend und schrecklich in Richtung gefährlich übersetzen, aber formidable steht auch für Respekt einflößend, eindrucksvoll, beeindruckend (dict.cc). Und für "einfach" gefährlich gibt es doch z.B. das  schöne eindeutige Wort dangerous.

In einer anderen Szene ist im deutschen Original die Rede davon, dass Roland und seine Freunde noch Rotzlöffel waren. Auf das Wort im Original war ich neugierig. Die Formulierung lautete:"We were still in our clouts, as the saying went." Hm... Clouts steht nach dict.cc für Kopfnüsse oder Lappen und mir ging sofort "Wir lagen noch in den Windeln" (alternativ "den Kinderschuhen nicht entwachsen") durch den Kopf und im thefreedictionary.com fand ich "4. Chiefly Midland U.S. A piece of cloth, especially a baby's diaper."

Auch der Einschub eines kleines Wortes wie "aber" oder "ja" gibt einer Aussage eine andere Intensität: In der deutschen Übersetzung heißt es: "Er (Anm: der Mann in Schwarz) ließ den Blick auf Jake fallen und fügte hinzu: Aber nur wir beide". Im Original heißt es an dieser Stelle: "His eyes flicked to Jake and he added: Just the two of us". Weshalb wird das Wort "aber" eingeführt? Zur Anbindung? Das wäre nicht notwendig gewesen bei dem vorherigen Satz...

Bevor Roland zu Cort geht trifft er auf Marten. Beide Männer spricht er im Original mit "bondsman" an, aber Joachim Körber übersetzt dieses Wort in der überarbeiteten Version einmal mit Sklave (bei Marten) und einmal mit Lehnsmann (Cort). Ich kann mir vorstellen, dass die Anrede für Marten stärker "zurechtstutzend" sein sollte. Aber wie gesagt, im Original benutzt King bei beiden Männern dasselbe Wort. Hätte er sich dann nicht für zwei verschiedene Bezeichnungen, einmal vielleicht sogar für "slave", entschieden? In der alten deutschen Version benutzte Körber übrigens jedes Mal "Lehnsmann" und das fühlt sich für mich auch richtiger an.

In der Szene zwischen dem Berater (von Rolands Vater Steven) Marten, der sich im Gemach von Rolands Mutter befindet, und Roland sagt letzterer zweideutig: "Past his time" Das ist vordergründig die Antwort auf die Frage seiner Mutter, wie es dem in die Jahre gekommenen Falken David geht. Roland schaut aber gleichzeitig Marten an. Meine Interpreation wäre gewesen: Er hat seinen Zenit überschnitten. In der deutschen überarbeiteten Version steht: "Er hat sein bestes Alter hinter sich". In Bezug auf David passt das natürlich, aber was die Doppeldeutigkeit in Richtung Marten angeht (der nach meiner Vorstellung zu diesem Zeitpunkt im "besten Mannesalter" war) verliert die deutsche Übersetzung, wie ich finde.

Wie schon gesagt, der Übersetzer hat ein eigenes Ermessen und er muss zudem den Ton des gesamten Werkes "im Ohr" haben. Aber ich finde, dass die hier angesprochenen Dinge nicht rein subjektive Beispiele sind, oder?

Was mich angeht, so werde ich wohl auch die weiteren Bände des Dunklen Turm Zyklus im Original lesen. "Wolves of the Calla" und "Song of Susannah" stehen hier, die übrigen 4 Bände werde ich noch besorgen, beginnend mit "The Drawing of the Three" (zu deutsch: "Drei"), dem zweiten Teil des Zyklus :)

Anmerkungen
- Natürlich habe ich später, nämlich erst im Zuge dieses Posts, gesehen, dass es in der deutschen King-Wiki eine Seite gibt, in der die Unterschiede der neuen und alten Version von Schwarz übersichtlich dargestellt sind. Wer Interesse hat, klicke bitte hier.
- Die deutschen Zitate stammen, soweit nicht anders angegeben, aus der Taschenbuchausgabe "Schwarz" von Stephen King, Heyne, 13. Aufl, 2003.
- Die engl. Zitate stammen aus Viking Penguin Book "The Gunslinger" by Stephen King, copyright 1982/2003

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