Montag, 27. Juni 2011

"Das amerikanische Hospital" von Michael Kleeberg

Dieses e-book hatte ich mir schon in der Online-Bücherei vorgemerkt. Und da Ebooks nur für zwei Wochen ausgeliehen werden können (danach ist die Datei automatisch nicht mehr zu öffnen und muss ggf. neu ausgeliehen werden) und mir der Roman bereits letztes Wochenende zur Verfügung gestellt wurde, wurde es langsam Zeit! :)

Worum geht es?
Paris, im Winter 1991. Hélène steht in der Empfangshalle des amerikanischen Hospitals, als vor ihr ein Mann zusammenbricht. Sein Blick brennt sich in ihre Augen. Das ist die erste Begegnung zwischen der dreißigjährigen Pariserin und David Cote, einem amerikanischen Soldaten. Die beiden vom Schicksal Gebeutelten freunden sich an und stützen einander auf ihrer schmerzhaften Suche nach der Wahrheit über sich selbst.

Nachlese
Das erste Mal habe ich von diesem Roman auf der Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr gehört, als ich dem Gespräch zwischen Michael Kleeberg und Patrick Bahners lauschte. Aber es brauchte seine Zeit, bis ich mich an "Das amerikanische Hospital" heranwagte.In dem Gespräch gab Michael Kleeberg übrigens an, dass er sich bewusst für den Golfkrieg 1991 entschieden hatte, weil dieser inzwischen gut dokumentiert sei, auch in Richtung auf die psychologischen Traumata. Auch habe die Geschichte um David Cote erst die bereits vorhandene Idee um Hélène komplettiert.

David Cote ist ein amerikanischer Soldat, der im Golfkrieg 1991 diente und, wie im Roman deutlich wird, gar nicht bis nach Kuweit hinein kam, sondern nur bis in den Südirak. Er befindet sich aktuell in Frankreich aufgrund einer Art militärischen "Austauschprogramms". Als seine Angstzustände überhand nehmen, kommt er deswegen in das Amerikanische Hospital in Paris. Dort wird er zunächst von Dr. Mehran behandelt, einem iranischen Psychiater, der sich bei der Therapie hauptsächlich auf Davids Kindheit konzentriert.

Hélène ist eine junge Französin; sie und ihr Ehemann haben sich für eine künstliche Befruchtung entschieden und Hélène wird im Amerikanischen Hospital behandelt. Bei ihrem ersten Besuch bricht David vor ihr zusammen, sie kümmert sich um diesen Fremden bis die Pfleger kommen. Bei ihrem zweiten Besuch im Krankenhaus kommen die beiden ins Gespräch, beide lesen in der Cafeteria Lyrik. Und während David bei diesem zweiten Besuch erfährt, warum Hélènes im Hospital ist, lernt sie erst bei ihrem dritten Besuch, dass David ein Berufssoldat ist. Diese Erkenntnis führt beinahe dazu, dass ihre "Beziehung" endet, bevor sie richtig beginnt. Hélène: "Ich habe nichts gegen Soldaten, aber alles gegen Krieg. Und vielleicht auch gegen das, was er aus den Soldaten macht. Und ohne Soldaten kein Krieg".

Zwischen David und Hélène entwickelt sich nach und nach eine freundschaftliche Beziehung und Hélène ist instinktiv auf dem richtigen Weg. Nicht Davids Kindheit, sondern seine Erlebnisse im Krieg sind Ursache seiner seelischen Probleme. Sie wird seine Zuhörerin - und so wird David für Hélène -so lese ich den Roman jedenfalls derzeit - im übertragenen Sinne zu dem Kind, dass sie sich wünscht: Er benötigt ihre Hilfe, ihren emotionalen Halt, ihre Führung, sie sorgt sich um ihn. Ihre eigenen emotionalen Probleme, das Gefühl, dass ihr Körper sich gegen sie wendet, dass ihr Ehemann sie scheinbar nur noch als Gefäß sieht, kommen in den Gesprächen, die Hélène und David über die Jahre immer wieder im Hospital führen zwar nicht ans Licht. Aber Davids Hilfebedürftigkeit und seine Entwicklung lassen auch Hélène erkennen, was SIE will.

Es fiel mir etwas schwer, in den Erzählfluss hinein zu kommen. Zum einen ist die Sprache und Syntax , in die zusätzlich Lyrik und französische Begriffe einflossen, komplex und so benötigte ich etwas, bis die "Geschichte" mich packte. Zum anderen irritierte mich etwas der Wechsel im Erzählstil. Der Roman wird von einem Ich-Erzähler begonnen (und später auch beendet). Ich wusste zuerst nicht, ob dieser Ich-Erzähler fiktiv ist und falls ja, um wen es sich dabei handelt und in welcher Beziehung er zu David und Hélène steht. Der Hauptteil des Romans wird dann aus der Sicht eines allwissenden Dritten unter Nutzung der indirekten Rede erzählt. Mir fiel zudem auf, dass bei den Passagen, in denen es um Hélène ging, auch ihr Name genannt wurde, bei Davids Passagen jedoch nur von "der Amerikaner" die Rede war.

Diesen Mix aus Nähe (Hélène, Ich-Erzähler am Anfang und Ende) und Distanz ("der Amerikaner, indirekte Rede) empfand ich als ungewöhnlich. Bei Michael Kleeberg gehe ich allerdings davon aus, dass die Wahl bewusst erfolgte :) und nichts damit zu tun hat, dass Hélènes Geschichte bereits "früher da war" und nur einen Gegenpol (David) und Rahmen (Erzähler) brauchte. Interessanterweise gingen mir - obwohl ich eine Frau bin und obwohl der Autor meiner Ansicht nach durch die Wahl des Stilmittels Hélènes Schicksal stärker betonte -  Davids Kriegserlebnisse (mit dem See, im Dorf, den Schiiten, der taktischen Propaganda etc.) näher als Hélènes sich verstärkende körperliche und besonders seelischenBelastungen.

Die Gefühle der beiden Protagonisten und ihre Gespräche werden meist leise - doch immer sprachlich stark - dargestellt. Und trotz - oder vielleicht gerade wegen - der indirekten Rede und der damit eingehenden distanzierten Betrachtungsweise hallen besonders David Erlebnisse in mir nach. Ganz klar: Es war eine gute Entscheidung, diesen Roman auszuleihen und zu lesen.

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