Sonntag, 19. Juni 2011

"Caravan" von Marina Lewycka

Mein erstes in einer Onlinebücherei ausgeliehenes Ebook:

Worum es geht (Zitat aus der Ebook-Information zum Buch):
Die Abenteuer einer Truppe Erdbeerpflücker in England. Sie kommen aus Polen, der Ukraine, Afrika und China, haben alle gänzlich verschiedene Lebenswege und sehr bestimmte Ansichten darüber, was im Leben wichtig ist. Irina will die große Liebe mit einem romantischen Engländer finden. Andrij ist der Sohn eines Bergarbeiters und will keinesfalls so enden wie sein Vater. Dann sind da der Bob-Dylan-Fan Tomasz, Jola, die erfahrene Pflückerin mit der üppigen Figur, und ihre fromme Nichte Marta, die so erstaunlich gut kochen kann. Dazu zwei Chinesinnen und Emanuel, ein Teenager aus Malawi. Sie alle wollen die Welt für sich erobern. Als versehentlich der ausbeuterische Erdbeerfarmer überfahren wird, ergreift die ganze Mannschaft in einem klapprigen Wohnwagen die Flucht.

Nachlese
Irritiert, nicht lachend, den Kopf schüttelnd, weinend - so habe ich auf das Buch reagiert.

Die Autorin Marina Lewycka ist in England aufgewachsen, ihre Eltern waren Ukrainer. Dieser Roman ist nicht ihr Debut, das war "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" - ihn habe ich noch nicht gelesen und weiß momentan auch noch nicht, ob ich ihr Debut und ihren Nachfolgeroman "Leben kleben" lesen werde.

Eigentlich mag ich, wie Marina Lewycka erzählt, sie fesselte mich, brachte mich dazu, das Buch zu Ende zu lese. Sie traf mich, brachte mich zum Weinen, als sie von Tomasz Erlebnissen auf dem Hühnerhof erzählte, der sich frage, was aus ihm geworden sei...

Aber ...

Über zwei ihrer weiblichen Charaktere schüttelte ich immer wieder den Kopf. Zwar gestehe ich Irina gestehe ihren 19 Jahre noch ihre Arroganz zu und auch ihre Naivität zu, als sie aus der Ukraine nach Großbritannien kommt. Mir hält die Naivität und Arroganz angesichts Irinas Erlebnissen aber zu lange an. Auch die über 40 Jahre alte Jola überzeugte mich mit ihre Art nicht, selbst wenn sie ihr "Terrain" behaupten und verteidigen will. Sie ist mir gegenüber dem Bauern oder Tomasz (und anderen) zu launenhaft, in ihrer Zielverfolgung zu sprunghaft. Die Autorin hat natürlich auch diese beiden Charaktere ebenso die übrigen überzeichnet, dennoch wirkten Marta, Tomasz, Andrej und Emanuel insgesamt glaubhafthafer. Das gilt aus meiner Sicht besonders für Andrij und Tomasz: Andrij wegen seiner Hin- und Hergerissenheit zu Irina, seines Hintergrundes und seiner eigenen Naivität, von der er nichts wissen will, und Tomasz wegen seiner Bemühungen um Jola (auch wenn ich diese nicht nachvollziehen kann) und der Ereignisse auf dem Hühnerhof.

Worüber ich nicht den Kopf geschüttelt habe war das beinahe zur-Schlachtbank-folgende-Verhalten von Tomasz, Marta, Jola und den beiden Chinesinnen Vitali gegenüber. Mir erscheint es plausibel, dass man in einem fremden Land mit eingeschränkter Kenntnis der Gegebenheiten (Passfortnahme, "klein" Halten, "Abgaben") in einer GEMEINschaft, wie sie hier bei den Erdbeerpflückern beschrieben wird, einen Vertrauensbonus für "Landsleute" vergibt und zunächst einmal nicht damit rechnet, dass etwas anderes als das Versprochene herauskommt. Überzeichnung hin und her: Schlepper und wirtschaftlicher Ausverkauf, illegale Arbeiter - das alles greift die Autorin weder aus der Luft, noch ist es auf GB oder die Ukraine beschränkt.

Irritiert hat mich hauptsächlich die Wahl des Erzählstils. Die Geschichte wird im Wechsel (die manchmal überraschend kommen, was aber am ebook-Format liegen kann: Es gibt einen Hinweis auf mögliche kleinere Formatfehler, vielleicht ist ab und an ein Absatz abhanden gekommen.) aus der Perspektive der verschiedenen Personen erzählt. Kein Problem. Allerdings wird Irinas Sicht der Dinge in Ich-Form geschildert und ebenfalls Emanuels, dieser jedoch schriftlich in Briefform. Alle anderen An- und Einsichten werden aus Sicht eines Dritten erzählt (bestimmt gibt es dafür einen Fachbegriff, den ich nicht kenne ;) )

DAS hat mich wirklich irritiert, jedes Mal. Ich wünschte, die Autorin hätte sich für eine Art entschieden: entweder alles aus der jeweiligen Ich-Perspektive oder alles aus einer wissenenden Erzählerperspektive. Für mich wurde das Gesamtbild dadurch noch unruhiger, als es durch mehrfachen Perspektivwechsel zwischen Andrij, Tomasz, Jola, Irina, Vitali, Emanuel und "der Hund" sowieso schon war. Ja, ihr habt richtig gelesen, auch der Hund kam zu Wort und, hier muss ich mich korrigieren, dies geschah nicht aus Dritt-, sondern aus ebenfalls aus der Ich-Perspektive.

Falls ich über einen weiteren Roman von Marina Lewycka stolpere, werde ich wohl hineinblättern und dann spontan entscheiden, ob ich ihn lesen mag. Zum Austesten der Online-Buchausleihe und dieser Autorin war der Roman auf jeden Fall gut geeignet :)

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