Sonntag, 6. März 2011

Challenge Deutschland und Nachbarn: "Der Prozess" von Franz Kafka


Ich habe mir dieses Buch für die Challenge "Deutschland und seine Nachbarn" als Buch für Tschechien ausgesucht, da Franz Kafka in Prag geboren ist (tschechischer Autor).

Worum geht es?
Ich zitiere vom Klappentext meiner Ausgabe aus 2006 des Anaconda-Verlages:
"Grundlos wird Josef K. an seinem 30. Geburtstag verhaftet und verhört. Die Umstände sind grotesk, niemand kennt das Gesetz und das Gericht bleibt anononym. Die Schuld, erfährt Josef K., hafte ihm an, ohne dass er dagegen etwas tun könne. Verbissen, aber erfolglos versucht er, sich gegen die zunehmende Absurdität und Verstrickung zu wehren, schlägt jede Warnung vor weiterer Gegenwehr in den Wind..."

Nachlese:
Wie so häufig war ich neugierig und hatte das Buch irgendwann einmal gekauft. Von Kafka und "kafkaesk" hatte ich schon gehört, aber halt noch nie etwas von Kafka gelesen. Das sollte sich anlässlich von Wörterkatzes Challenges ändern.   

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln. Unter der Kapitelnummerierung ist in Schlagworten vermerkt, wer auftritt oder sogar um was es geht, manchmal beides. Die Geschichte selbst wird zwar aus Josefs K. Perspektive, aber nicht in Ich-Form erzählt.

Den Text selbst empfand ich schon wegen der Sprache und des Textflusses her anstrengend. Um ein Beispiel zu geben:


"K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden, infolgedessen verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: 'Mag ich zu spät gekommen sein, jetzt bin ich hier.' Ein Beifallklatschen, wieder aus der rechten Saalhälfte, folgte. 'Leicht zu gewinnende Leute', dachte K. und war nur gestört durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben hatte. Er dachte nach, was er sagen könnte, um alle auf einmal oder, wenn das nicht möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig auch die anderen zu gewinnen."
(Zitat aus Kap.2, S. 39 meiner Buchausgabe 2006 Anaconda Verlag "Der Prozess" von Franz Kafka).

In diesem Sinne setzt sich der Text, teilweise noch komplexer im Satzbau, fort. Ähnliche Satzkonstruktionen schreibe oder lese ich beinahe täglich. Es passt schon irgendwie, dass sie mir auch in "Der Prozess" begegnen, der u.a. das damalige Rechtssystem thematisiert ;) . Ich hätte allerdings auch nichts dagegen gehabt, wenn die Sprache in "Der Prozess" geradliniger gewesen wäre :)

Hinzu kommen die im Klappentext angesprochenen Absurditäten.

So, wie Josef K. nicht weiß, was um ihn herum aus welchen Gründen und mit welcher Befugnis geschicht, ging es ja auch mir, der Leserin. Man könnte durchaus sagen, ich wanderte mit Josef K. in einem dunklen Wald ohne zu wissen, aus welchem Grund ich im Wald bin und wohin ich am besten gehen sollte: ein sternförmiges Fortgehen von der Eigenposition, zu der man aber immer wieder zurückkommt, weil man auf Dickicht trifft.

So war ich mit Josef K. im Dachgebälk einer Wohnung, wo es mehrere (!) Kanzleien von Winkeladvokaten gibt. Mal ging es in die Küche bei einem Advokaten, wo ein Kaufmann von seinen Erlebnissen in seinem Prozess erzählte. Dann wieder wird ein Gerichtsmaler mit intimen Kenntnissen des Gerichtsverfahrens besucht. Ein anderes Mal wird in einem Dom ein Gespräch mit einem Pastor geführt. 

Die typischen Abläufe, die ich mir als Leser vorstelle, wie Verhaftung, Verhör, Verteidiger, Eingaben bei Gericht, Verhandlung und Urteil, Vollzug - das alles gibt es in "Der Prozess", jedenfalls begrifflich. Die Abläufe selbst sind aber anonymisiert: Es wird vage vom untersten Gericht, oberstes Gericht, Schuld, mögliche, aber eigentlich nicht notwendige Eingaben gesprochen. Wie lange ein Prozess dauert ist genauso ungewiss wie Erfolg oder Nichterfolg von Anwaltstätigkeit. Beziehungen ist das Stichwort und dennoch würde man nie wirklich freigesprochen. Der Prozess ist schließlich eingeleitet, die Schuld muss also vorhanden sein. 

Und Josef K. selbst? Ich kann ihn in seinem Bemühen natürlich verstehen, gegen die Mühlen der Justiz anzukämpfen. Die Verhaftung und der Prozess brechen unerwartet über ihn herein und er bemüht sich, die Geschichte mit Vernunft aus der Welt zu schaffen. Wem wäre das fremd? Wie frustrierend ist es, sinnleere oder widersprechende Auskünfte zu erhalten, keinen Fortschritt zu sehen, kein Vorankommen in seinem Bemühen. Seltsam wirkt Josef K. aber dennoch auf mich, z.B. sein Überfall auf das im gleichen Mietshaus wohnende Fräulein Bürstner. Auch scheint mir seine Wahrnehmung von Personen, sein Benehmen Dritten gegenüberso manches Mal befremdlich und teilweise paranoid. Der Punkt ist: Ich kann diese Empfindung nicht genau begründen. Vielleicht weil es nichts gibt, dass meine Wahrnehmung begründet. Oder aber, mein Unterbewusstsein hat etwas wahrgenommen, was noch nicht vollständig da war:

Als ich das Kapitel mit dem italienischen Kunden in der Bank las, in welchem auch der Besuch des Domes stattfindet, beschlich mich ein seltsames Gefühl ;) Ich hatte etwas Probleme, K's Gespräch mit dem Pastor aus den früheren Kapiteln abzuleiten. Zwar sind auch früher andere Personen "einfach aufgetaucht" und K.führt mit diesen ausführlichere Gespräche, aber hier hatte ich das Gefühl, als ginge es zu schnell. Und dann kam das 10. Kapitel, mit welchem K.'s Geschichte endet. Also eben wird noch sein Gespräch mit Pastor geschildert und plötzlich ist ohne Zwischenbericht etliche Zeit vergangen und K. wird von seinen Henkern aus der Wohnung geholt und vor die Stadt gebracht? 

Also habe ich etwas getan, was ich sonst vermeide, bevor ich eine Nachlese schreibe. Ich habe in der Wikipedia den Eintrag zu "Der Prozess" nachgeschlagen. Aha:

"Der Prozess" ist danach unvollendet und - das ist auch schön -, die Reihenfolge der Kapitel ist nicht gesichert. In der Kurzfassung: Nach und nach sind Einzeltexte (Kapitel) von Kafka verfasst worden, die zwischen Verhaftung und Hinrichtung spielen, jedoch sind diese Zwischenkapitel von Kafka nicht zu Ende geschrieben worden. Offenbar gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, in welche Reihenfolgen die existierenden die Kapitel zwischen Verhaftung und Hinrichtung anzuordnen sind. Es kann also Buchausgaben geben, die eine andere Kapitelordnung haben als meine ... Zugegeben, bis zu dem Domkapitel und dem letzten Kapitel habe ich das nicht bemerkt, die Reihenfolge bis dahin fand ich also durchaus als passend.

Was hat Kafka wohl in dem von ihm geschilderten Gerichtsprozess gesehen? Ich weiß es nicht. Da ich weder seine Biographie noch andere Werke kennen, wage ich auch nicht, in diese Richtung irgendetwas zu vermuten.

Ich meine, religiöse Anklänge gefunden zu haben (keine Ahnung, ob Kafkas Intention in diese Richtung ging): Zum Beispiel in dem Gespräch mit dem Maler Titorelli, der K. über die Möglichkeiten des Prozesses informiert

- Verschleppen (Halten des Prozesses im untersten Verfahresstadium durch Richterbeeinflussung),
- scheinbarer Freispruch (eine Art Unterschriftensammlung bei den Richtern für zeitweilige Freisprechung bei Gefahr der erneuten Verhaftung)
- endgültiger Freispruch sei nur durch das oberste Gericht möglich, das völlig unerreichbar sei,

kann ich mir Gott als oberstes Gericht vorstellen, das zumindest lebzeitig ja nicht erreichbar ist und daher auch nicht sein Urteil. Bedenkt jetzt bitte, dass ich keiner Konfession angehöre und auch keinen Bibel- oder sonstigen Religionsunterricht hatte: Mir ging der Sündenfall von Adam und Eva durch den Kopf und der Ansatz, dass jeder Mensch bereits mit der Erbsünde geboren wird. Allerdings hatte ich es auch so verstanden, dass Gottes Sohn für die Menschen gerichtet wurde und dadurch die Schuld des Sündenfalls von den Menschen genommen hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, würde meine Überlegung wieder nicht passen ...

Recht, Korruption, Windmühlenkämpfe, Sexualität, Religion und Philosphie: Keine Frage, mit "Der Prozess" wirft Kafka einen ganzen Schwung Denkimpulse und Rätsel in den Raum. Irgendwie ... kafkaesk halt ;)

Kommentare:

  1. Hallo Natira,
    schöne Rezension. Vor Kafka graut es mir immer. Seit der Schulzeit habe ich Bücher von ihm nicht mehr angerührt. Deine Rezension habe ich bei mir eingetragen.
    Liebe Grüße
    wörterkatze

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  2. Danke Wörterkatze! Mit Kafka musste ich mich in der Schulzeit nicht beschäftigen. Es hatte aber sicherlich seinen Grund, weshalb das Buch so lange (bestimmt 4-5 Jahre) in meinem TuB vergraben war *g*
    Noch einen schönen Sonntag wünsche ich Dir!

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