Samstag, 12. Februar 2011

"Damals in Nagasaki" von Kazuo Ishiguro


Nachdem ich mich vor kurzem in "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro verloren hatte, habe ich mir auch das zweite Buch von ihm aus meinem TuB gezogen.

Worum geht es (Zitat vom Klappentext meiner btb-Ausgabe,2. Aufl. 2001):
"Als die Japanerin Etsuko vor langen Jahren nach England kam, glaubte sie mit ihrem alten Leben abgeschlossen zu haben. Für sie zählt nur die Gegenwart. Doch dann nimmt sich ihre noch in Japan geborene Tochter Keiko das Leben, und Etsuko muß sich ihrer Vergangenheit stellen. Erschüttert taucht sie ein in eine Welt der Erinnerungen, Träume und Illusionen und blickt zurück auf die Zeit damals in Nagasaki, nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt, die sie kannte, in Trümmern lag ..."


Nachlese
Hm ... Ihr findet mich etwas ratlos vor. Aber von Anfang an:

Etsuko lebt auf dem Land in England. Ihre älteste Tochter Keiko hat sich das Leben genommen, die Beerdigung ist schon etwas her. Niki, Etsukos jüngere Tochter aus zweiter Ehe, besucht sie und während dieses Besuches erinnert sich Etsuko an einen Sommer in Nagasaki. Damals war sie mit Jiro verheiratet und mit Keiko schwanger. Ihr Schwiegervater Ogata-San war bei ihr und Jiro zu Besuch. Und sie hat in diesem Sommer die vielleicht 9 oder 10jährigen Mariko und deren Mutter Sachiko kennengelernt, die darauf wartet, dass ihr amerikanischer Freund mit ihr und Mariko in die Staaten reist.

Wie in "Alles, was wir geben mussten", wird auch hier die Geschichte auch der Ich-Perspektive erzählt. Im Verlauf von Nikis Besuch denkt Etsuko über Nikis Ähnlichkeiten mit Keiko nach und was sie für Keiko wollte. Dies erinnert Etsuko an ein anderes kleines Mädchen in Japan...

Ishiguro lässt seine Protagonistin an einer Stelle gedanklich formulieren, dass Nikis Vater, obwohl er so viele Artikel über Japan geschrieben hatte, die japanische Kultur nie wirklich richtig verstand. Und zu diesem Halbsatz kam ich während der Lektüre des Buches immer wieder zurück.

Kazuo Ishiguro wird einen Grund gehabt haben, diese Geschichte zu erzählen - aber ich gestehe, ich hänge etwas in der Luft. Dass sie psychologischer Natur ist, ist mir schon klar. Und sicherlich ist Etsukos Geschichte erzählens- und lesenswert.

Ich lese es so, dass Etsuko in Nagasaki lebte, als die Atombombe fiel. Aber der Autor verliert kein Wort darüber, ob dies Folgen für Etsukos Schwangerschaft hatte. Er erzählt auch nicht, weshalb Etsuko Jiro und Japan verließ oder was mit Jiro geschah. Keiko wird weniger Raum eingeräumt als Niki, Ogata-San oder auch also Sachiko und Mariko. Die Verbindung von Keikos Freitod und Etsukos Erinnerungen an Sachiko und Mariko ist für mich zu vage. Dass beide Mütter erklären, sie wollten das beste für ihre Töchter, reicht mir nicht. Ich erfahre nämlich nur etwas von dem Verhältnis Sachiko/Mariko, über welches ich übrigens häufig nur den Kopf schütteln konnte (und mich zu dem Nichtverständnis-Halbsatz zurückbrachte). Leider erzählt der Autor nichts weiter über das Verhältnis Etsuko/Keiko und so fällt mir das Finden einer Verbindung oder ein Vergleich dieser Mütter/Töchter-Beziehungen schwer.

Mühe bereiteten mir auch die Gespräche, die die Charaktere in Japan führen. Britisches Understatement ist gar nichts dagegen, glaube ich - wenn ich sie denn gefühlsmäßig richtig einordne. Die erste Begegnung von Etsuko und Sachiko kommt z.B. deswegen zustande, weil Mariko in eine Prügelei verwickelt war. Während Etsuko dies mehrfach gegenüber Sachiko erwähnt und, dass die Tochter ggf. verletzt ist, bleibt Sachiko freundlich unbestimmt bzw. wehrt regelmäßig Hilfe ab. Ich stelle mir vor, dass dies mit der Höflichkeit (und dem Wunsch) verbunden ist, dem Gegenüber keine Mühe zu machen, weswegen mehrfach Hilfe zurückgewiesen wird etc. Diese Höflichkeit und die damit verbundene Redundanz mag authentisch sein - ich bin erneut bei dem oben erwähnten Halbsatz zum  Nichtverstehen der japanischen Kultur ;) -, ich brauchte allerdings etwas, um sie für mich zu deuten und sie dadurch auch lesetechnisch hinzunehmen.

Der Roman lässt mich, wie gesagt, etwas ratlos zurück, denn im Gegensatz zu "Alles, was wir geben mussten" vermag ich Ishiguros Auslassungen in dieser Geschichte nicht zu füllen. Er hat mir hierfür zu wenig Material in die Hand gegeben .

Kommentare:

  1. Ich habe es nicht gelesen aber vielleicht kaufe ich es. Gestern habe ich "Disgrace" (Coetzee) beendet und jetzt lese ich "Genration A" (Douglas Coupland).

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  2. @Gris
    Von Coetzee oder Coupland habe ich noch nichts gelesen. Ich habe von diesen beiden auch nichts im Haus ... Aber von Coe "Das Museum der Stille". Das Buch wartet auch schon länger ... Aktuell liegt trotzdem ein historischer Roman im Lesesessel: "Der fliegende Mönch" von Simon Frost.

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  3. Schlüssig wird der Roman erst, wenn man entdeckt, dass Etsuko und die Frau in der Hütte ein und dieselbe Person sind; dann erkennt man erst richtig den Zwiespalt, den sie erlebt, bevor sie sich entschließt, ihre Heimat zu verlassen, um mit ihrer Tochter einen Neubeginn zu wagen. Beide Seiten, die Verhaftung in den Konventionen und den Ausbruch daraus gegeneinander zu stellen - diese Form der Konfliktbetrachtung ist Ishiguro hervorragend gelungen. Auch wenn es einigen Nachdenkens bedarf, diese Konstellation auch zu erkennen.


    quelle:http://www.die-leselust.de/buch/ishiguro_kazuo_nagasaki.htm

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  4. @Anonym:
    Danke für den Hinweis und den Link! Auf diese Art habe ich die Geschichte nicht gelesen und einen Ansatz hierfür in dem Roman auch nicht erkannt. Aber ja: Die "Nagasaki-Etsuko" und "Sachiko" kann man als zwei Persönlichkeiten einer japanischen Frau (der Protagonistin) sehen, wobei diese Persönlichkeiten die ... Enden bilden, zwischen denen die Protagonistin pendelt und ihre Mitte finden muss.

    Danke für Deinen Impuls!

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