Sonntag, 6. Februar 2011

"Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro


Gestern hatte ich in der Stadt zu tun und wusste, dass ich danach noch ins Samocca-Café gehen würde. Also schaute ich mich hier zu Hause nach einem Buch um, welches mir bei dem Milchkaffee Gesellschaft leisten würde. Ich wollte nicht schon wieder ein "Muss"-Buch nehmen, also keines für eine Challenge, Leserunde oder Rezension. Beinahe unbewusst landete "Alles, was wir geben mussten" in meiner Hand - und dieser Roman leistete mir nicht nur im Samocca Gesellschaft, ich habe mich in ihm gestern und heute fast vollständig verloren.

Worum geht es (zitiert von der Taschenbuchauflage des btb-Verlages 6. Aufl.):
"Auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat z usein. Doch die Jungen und Mädchen, die dort wohnen, sind für eine besondere Zukunft ausersehen..."

Nachlese
Kathy, eine junge Frau von 31 Jahren, ist seit einigen Jahren Betreuerin. Ihre Kindheit hat sie zusammen mit anderen Kindern in Hailsham verbracht. Sie und die anderen Kollegiaten verschiedener Alterstufen lernen in Hailsham, werden zur Kreativität angehalten, treiben Sport, aber ein Kontakt zur Außenwelt findet eigentlich nicht statt. Während Kathy später als Betreuerin arbeitet, wird ihr bewusst, dass die von ihre Betreuten Kathys Hailsham-Zeit schätzen. Sie beginnt über diese Zeit und ihre Beziehung zu ihren damals besten Freunden Ruth und Tommy zu reflektieren...

Der in Japan geborene Autor Kazuo Ishiguro lebt seit seiner Kindheit in London, die Erstveröffentlichung fand in englischer Sprache statt. Die Übersetzung in die deutsche Sprache stammtvon Barbara Schaden - und ich finde, sie ist wundervoll gelungen. Ich dachte von Anfang an nicht darüber nach, ob oder wie der Autor sich wohl im Original ausgedrückt hat - was nicht heißen soll, dass ich nicht neugierig auf seinen Schreibstil bin -. Der Text fühlte sich schlicht "richtig" an, stimmig, flüssig.


Die Geschichte selbst wird konsequent aus der Ich-Perspektive erzählt, ab und an spricht Kathy den Leser direkt an. Dabei sind die Erinnerungen nicht immer gradlinig: Sie greift manchmal vor, reißt manchen Punkt an, holt etwas in der Vergangenheit aus, um zu erläutern. Als würde Kathy vor mir sitzen und - die Augen über Himmel und Erde schweifen lassend - erzählen, sich  mir ab und an zuwenden, sich versichern und fortfahren. So, wie man manchmal von Dieses auf Jenes kommt, ohne den Gesamtzusammenhang aus den Augen zu verlieren.

Dieser Erzählstil, kombiniert mit der für mich stimmigen Sprache und der Story, zog mich in Kathys Welt, so intensiv, dass ich mit Bedauern das Buch am gestrigen Abend unterbrach, um einer Verabredung nachzukommen. Kaum wieder daheim, nahm ich es erneut zur Hand und - nur unterbrochen vom Schlaf - las es zu Ende.

Es gibt für mich als Leserin nur die Erinnerungen, die Kathy mit mir teilt. Ich muss ihren zeitlichen Vorgaben folgen und erfahre so nach und nach mehr über Ruth, Tommy, Madame und die Galerie, Aufseher, Betreuer und Mögliche. Alles verrät mir Kathy nicht, weder aus der Vergangenheit, noch wohin sie gehen wird. Die harmloseren Fragen, die sich stellen: Wie war das weitere Leben in Hailsham? Wie erging es Ruth und Tommy? Was hält das Schicksal für Kathy bereit ? Und gravierender: Was ist mit der von Ishiguro erneut nur angerissenen politischen Situation, der Gesellschaft - den Vorstellungen und Forderungen der Bürger, den Menschenrechten, nicht nur in Großbritannien?

Der Plot der Geschichte, die am Ende des 20 Jahrhunderts in England spielt, ist nicht wirklich neu und ich ahnte oder sah auch Dinge voraus. Ich erwähne es, weil ich  mir dessen bewusst bin, es aber hier keine Bedeutung für mich hat. Die Geschichte, erzählt im Text und vertieft in den Auslassungen, zog mich in ihren Bann, beschäftigt mich weiter - und ist so für mich einzigartig.

Kommentare:

  1. Oh, das hört sich richtig gut an :) So nach einem Buch, was einem richtig den Tag versüssen kann: man hat sich gar nicht soo viel erhofft und plötzlich ist man mitten in der Geschichte drin. Da ist es dann auch wirklich nicht so schlimm, wenn man etwas vorausahnt - das kann ich mir denken. Schön, dass Du so ein schönes Wochenend-Buch ausgesucht hast :)

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  2. Ja, ich hatte einen wirklich glücklichen Griff! Ein schöner, fesselnder, wenn auch beunruhiger Roman.

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  3. Hi,

    ich habe dir einen Award verliehen.
    Schau einfach mal hier vorbei:

    http://buecherwurmsbuchblog.blogspot.com/

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  4. Hallo, ich habe heute deine blog gefunden un ich liebe es, aber ich spereche nur en bisschen Deutsch.
    Ich würde gerne dein blog in mein blog "link". Kann ich es machen?
    Danke
    Eli

    ps. Ich liebe Kazuo ishiguro, wann ich english philologie studierte, ich ishiguro viel gelesen habe. (enschuldigung, ich habe Deutsch studiert aber jetzt habe ich alles vergessen)

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  5. Hallo und Willkommen, Gris!
    Dein Deutsch, Eli, ist gut verständlich, Kompliment! Ich kann leider gar kein Spanisch. Aber es gibt ja noch englisch? :)

    Danke für Dein Kompliment und natürlich darfst Du den Blog verlinken :)

    "Never let me go" war mein erstes Buch von Ishiguro. Du hast ihn bestimmt in englischer Sprache gelesen, oder?

    Viele Grüße nach Barcelona!
    Natira

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  6. @Bücherwurm
    Auch an dieser Stelle noch einmal ein ganz liebes Dankeschön! *freu*

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  7. Danke! Jetzt verlinke ich dein Blog.

    Richtig, ich habe ihn in englischer Sparche gelesen. Es ist toll!

    Viele Grüsse!

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  8. @Gris
    Vielleicht schaffe ich das auch mal, in englisch .

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  9. Das Buch klingt wirklich sehr reizvoll - was irgendwie blöd ist, wenn ich mir meine Liste mit ausgeliehenen und noch zu lesenden Büchern so angucke. Kannst du in den nächsten Wochen nicht mehr Bücher lesen, die mich nicht interessieren würden? ;)

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  10. Mal sehen - aber Versprechungen mache ich keine ;)

    Ich habe inzwischen ein weiteres Buch von Ishiguro gelesen ("Damals in Nagasaki") - und das hat mich eher ratlos zurückgelassen. Eine Nachlese will ich noch schreiben, habe ich mir fest vorgenommen ...

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  11. Hm, vielleicht solltest du dich einfach auf Bücher konzentrieren, die ich schon kenne. :D

    Auf deine Nachlese bin ich gespannt, obwohl ich ja neue Autoren selten als Autoren entdecke, sondern erst einmal nur empfohlene Titel anteste. Wenn du nachvollziehen kannst, was ich hier gerade sagen will ... ;)

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  12. ... Da sagst Du was, ich könnte mich Deinen Leihgaben widmen ;) Aber da wartet noch ein historischer Roman auf mich.

    Ich denke, ich weiß was Du meinst :)

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  13. Hast du nicht noch von ein paar anderen Leuten Bücher? Hinter bekomme ich noch meine Leihgaben zurück, bevor ich einen freien Umzugskarton zum Verstauen gefunden habe? *kicher*

    Schön, dass du mich verstehst, selbst wenn ich nicht ganz sicher bin, was ich gerade sagen will. ;)

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  14. Klar, habe ich, von Sayuri - aber ich weiß nicht, ob Du die Bücher schon kennst. Darunter ist z.B. "Die zitternde Frau" von Siri Hustvedt ... ;)

    Ich greife in Buchläden freiwillig auch zu Autoren, von denen ich - auch zu Buchtiteln - noch nichts gehört oder gesehen habe - was locker mal in die Hose gehen kann. Oder aber nicht, wie bei diesem Buch. Totale Blindflüge sozusagen.

    Du schaust bei solchen Gelegenheiten vielleicht vorrangig nach einem Dir unbekannten, aber empfohlenen Buch eines für Dich neuen Autors?

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  15. In Buchhandlungen stöbere ich einfach ungezielt - eigentlich in der Hoffnung auf ein unbekanntes Buch eines geliebten Autors, aber da finde ich nur sehr selten etwas.

    Ich bin in letzter Zeit so selten in einer richtigen Buchhandlung, dass ich mich gern vom Angebot überraschen lasse (und dann bei so einem Reinfall lande, wie es mein aktuelles Buch zu sein scheint).

    Empfehlungen decke ich in der Regel über die Bibliothek oder Leihgaben ab.

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  16. Bei mir landen ja schon mal Bücher aus den Katalogen von zweitausendeins, jokers o.ä. im Briefkasten, wobei ich den Autorennamen wohl schon mal wahrgenommen habe, aber nicht wirklich kenne, auch nicht von seinen Werken. So geschehen z.B. beim Leinwandphilosophen von Rowlands, den ich überraschend unterhaltsam fand - Gegenbeispiel: Sintflut von Raittila :)

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  17. Um solche Kataloge mache ich inzwischen einen großen Bogen. So verlockend - und dann hat man auf eimal lauter Sachen im Haus, die man sich sonst nie gekauft hätte. ;)

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