Samstag, 25. Dezember 2010

"Vishnus Tod" von Manil Suri


Die vierte Station meiner eigene Weltreise-Challenge hatte mich nach Indien gebracht.

Worum geht es:
Vishnu, der große Welterhalter, ist nicht nur einer der höchsten Götter des Hinduismus. Vishnu heißt auch der alte Mann, der auf einem Treppenabsatz in einem Mietshaus in Bombay lebt und von den anderen Bewohnern geduldet wird. Doch nun ist für ihn die Zeit gekommen zu gehen, und er begibt sich auf seine letzte große Reise. In einem Feuerwerk von Bildern, Farben und Gerüchen erinnert er sich an sein Leben, an seine Mutter, an die schöne Padmini, an all die Legenden über den Gott mit seinem Namen. Und währenddessen geht das Leben im Haus seinen ganz normalen, turbulenten Gang …

Nachlese
Manil Suri - und die Übersetzerin Annette Grube - entführten mich in ein Mietshaus nach Bombay und katapultierten mich in eine andere Welt ... und doch wieder nicht.

Ich brauchte zum Beispiel etwas Zeit, um mir vorstellen zu können, dass auf einem der Treppenabsätze in diesem Mietshaus Vishnu lebt (und auf den weiteren Treppenabsätze andere Menschen). Und obwohl mir aus Wohnheimen die Existenz einer Küche und einem Bad/WC-Bereich pro Etage vertraut ist, fand ich die Vorstellung, dass sich die Familien Asrani und Pathaks eine Küche außerhalb ihrer Wohnungen teilen, seltsam. Es ist ein Mietshaus, kein Wohnheim ... Jedenfalls: Diese Teilung der Küche, wo offenbar auch die jeweiligen Vorräte gelagert werden, sorgt in diesem Roman übrigens auch für einigen Zündstoff zwischen den beiden Hausfrauen :) Und dies wiederum findet man überall auf der Welt: nachbarlicher Wettstreit und nachbarlicher Neid, ebenso wie die manchmal trotzdem seltsam anmutenden Eheszenen. Und auch dies findet man überall: Dass sich selbst zerstrittene Nachbarn in manchen Dingen einig sind:

In diesem Fall behalten sich die Asranis und Pathaks nicht nur selbst sorgfältig im Auge: Auch die im Haus wohnende muslimische Familie wird argwöhnisch beobachtet und mit Eifer verfolgt. Und trotzdem träumen der muslimische Sohn und die Tochter der Asranis vor den insofern blinden Augen der Eltern davon, gemeinsam wegzulaufen. Was hätte ich die Asrani-Tochter übrigens schütteln können, so abenteuerlich sind ihre Vorstellungen vom Leben...Dies aber nur am Rande ;)

Und wo kommt nun Vishnu ins Spiel? Vishnu liegt sterbend auf "seinem" Treppenabsatz. Den kleinen und großen Problemen, Dramen und Hoffnungen der Mieter sind Vishnus Erinnerungen an sein Leben gegenübergestellt: an seine Liebe Padmini oder an seine Mutter, die ihm vom Gott Vishnu und dessen Inkarnationen erzählte. Dabei vermischen sich diese Erinnerungen immer wieder mit Fantasien - oder etwa doch nicht?

Es war eine merkwürdige Reise, während der ich schmunzelte, manches wiedererkanntes, öfter verwundert und durchaus auch verständnislos schaute. Und warum auch nicht: Ich bin mit Indien, seinen Menschen, ihrer Lebensweise, nicht vertraut.

Ein seltsamer Roman? Ja! Aber irgenwie halt auch reizvoll.

Kommentare:

  1. ein großartiges Buch, hat mich sehr an Nagib Machfus "Die Midaq Gasse" erinnert. Die Geschichte um das Ehepaar Taneja, wie mit leisen Tönen diese tiefe Liebe geschildert wird, das hat mich echt fertiggemacht.
    Die indischen Autoren sind einfach große Geschichtenerzähler.
    Nicht ganz so gut, aber trotzdem lesenswert, ist "Das Salz der drei Meere", ein echter Frauenroman von Anita Nair, weniger skurril als Manil Suris Geschichten und sehr informativ, was das Leben von Frauen im heutigen Indien angeht.

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  2. Leise ist die Geschichte um das Ehepaar Taneja und ans Herz gehend, wie Vinod weiterlebt. "Die Schallplatte war wie ein Tagebuch ..." Aber auch das Ehepaar Jalal berührt mich stark: Seine Suche, ihr Glaube und was ein Mob anrichten kann...

    Die indische Literatur ist mir im Großen und Ganzen noch fremd. Bislang habe ich mehrere Romane von Chitra Banerjee Divakaruni gelesen - besonders "Die Hüterin der Gewürze" mochte ich sehr gern - und nun "Visnus Tod".

    Beide von Dir erwähnte Roman, Edda, klingen reizvoll- ich werde sie auf meine "interest"-Liste setzen :)

    Lg Natira

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  3. Das klingt sehr reizvoll, ich fürchte, ich werde auch mal einen Blick in das Buch werfen müssen. Indische Geschichten mag ich ja in der Regel. Und "Das Salz der drei Meere" steht schon länger auf meiner "irgendwann lesen"-Liste, allerdings hoffe ich da noch auf eine Bibliotheksanschaffung. ;)

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