Dienstag, 28. Dezember 2010

"Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier


Die fünfte und letzte Station meiner Weltreise-Challenge (juchu, geschafft!) führte mich hauptsächlich nach Portugal, genauer gesagt: Lissabon. Aber von Anfang an.

Worum geht es?
Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Immer tiefer zieht es ihn in dessen Aufzeichnungen und Reflexionen, immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem Mann, den ein dunkles Geheimnis umgibt, zutiefst beeindruckt waren. Eine wundervolle Reise – die vergeblich sein muss und deren Bedrohungen der Reisende nicht gewachsen ist. Endlich kann er wieder fühlen, endlich hat er von seinem Leben zwischen Büchern aufgeblickt – aber was er sieht, könnte ihn das Leben kosten …

Nachlese
Der Beginn ist, wie ich finde, schon ziemlich abenteuerlich und man muss sich erst einmal darauf einlassen:

Ein korrekter Lehrer, genannt Mundus, der seit Jahren tagtäglich seiner Routine folgt und Veränderungen nicht mag, trifft auf seinem morgendlichen Gang zum Gymnasium auf eine Frau. Wie sich herausstellt, ist sie Pourtugiesin. Diese sehr kurze Begegnung und die Aussprache des Wortes „Português“ bewirken, dass Mundus mitten im Unterricht die Klasse verlässt. In einer Buchhandlung fällt ihm das Buch "Der Goldschmied der Worte" eines portugiesischen Adligen in die Hände, aus welchem ihm der Buchhändler eine Passage vorliest und übersetzt. Und dieses Buch, die Worte dieses Adligen Prado, veranlassen Mundus dann, sich zunächst einen Sprachkurs für Portugiesisch zu besorgen und zudem mit dem Nachtzug nach Lissabon zu fahren, um mehr über den Autor zu erfahren und ihn kennenzulern. Nebenher übersetzt Mundus nach und nach für sich das Buch...

Es bereitet mir immer noch Mühe, zu akzeptieren, dass die Begegnung mit der Frau am Morgen und die Entdeckung des Buches am späten Vormittag ausreichen, um einen gefestigten und zuverlässigen Menschen - und als solcher wird Mundus dem Leser vorgestellt - dazu zu bringen, binnen eines Tages sein Leben SO umzukrempeln. Mundus gibt keine richtige Erklärung ab. Sein Brief an den Rektor ist kaum aussagefähig. Er nimmt sich kaum Zeit, seine Aktion zu überdenken und dieses impulsive Handeln - so "gut" es ihm vielleicht tun wird - passt für mich nicht zu dem geschilderten Mundus-Charakter.

Davon einmal abgesehen: Mundus unternimmt natürlich nicht nur eine tatsächliche Reise nach Lissabon und "zu Prado", sondern auch eine geistige und emotionale zu sich selbst. Diese Richtung des Romans ist für den Leser auch nicht wirklich überraschend, nachdem Mundus die ersten Texte aus Prados Buch übersetzt und die Zugreise angetreten hatte.

In dem Maße, wie Mundus mit Prados Buch vorankommt, lernt er mehr und mehr über die Ansichten des Autors, über Prados Leben. Zugleich reflektiert er über seine eigenen Erfahrungen, seine Ehe, sein Leben.

Pascal Merciers (wohl nur ein Pseudonym des aus der Schweiz stammenden Philosophen und Autors) Sprach- und Schreibstil ist ebenso wie die angesprochenen Themen anspruchsvoll. Das Buch ist nicht so einfach "nebenher" zu lesen. Nicht nur wird Mundus quasi spirituelle Reise von Mercier erzählt. Es geht auch um Prados Geschichte, die auch den portugiesischen Widerstand gegen Salazar berührt, und Prados philosophische Abhandlungen im "Goldschmied".. Letztere werden von Mercier als Zitate in den Roman eingeführt. Und bei dieser Gelegenheit muss ich einfach loswerden, dass ich irgendwann von Mercies Gebrauch des Doppelpunktes genervt war. Er nutzt sie nicht nur bei Aufzählungen, sondern auch, um Sätze einzuleiten oder zu trennen. Natürlich ist das rein subjektiv, aber mich hat es mit weiterem Voranschreiten des Buches mehr und mehr gestört ;)

Philosophisch ging meine Weltreise also zu Ende und ist das nicht angemessen? Auch wenn ich den Plot von "Nachtzug nach Lissabon" streckenweise doch ...hm bemüht fand ;)

Eine Leseprobe gibt es übrigens hier (klick)

Kommentare:

  1. Schöne Review! Ich hatte das Buch schon öfter in der Hand, aber bisher hat es mich nicht so gereizt. Mal schauen, ob ich es mal wage.

    Ich hab dir übrigens einen Award verliehen :-)
    http://merlindora.blogspot.com/2010/12/award-zeit.html

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  2. Oh Danke schön, Merlindora, für die Award-Auszeichnung *freu*.

    Was den Nachtzug angeht, denke ich, man muss in der richtigen Stimmung sein und etwas Zeit haben. Ich finde es auch gut, dass man in den Buchhandlungen und inzwischen auch schon mal online etwas in die Bücher "hineinlesen" kann!

    Lg Natira

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