Freitag, 10. September 2010

"Sintflut" von Hannu Raittila

Während einer privaten Leseparty habe ich mich mit diesem Buch beschäftigt. Es stand zwecks Sub-Abbaus II/2010 auf meiner Weltreisen-Challenge-Liste.

Worum geht es?
Die religiösen Sommertreffen der Laestadianer in Nordfinnland sind legendär: gigantische ausgelassene Open-Air-Spektakel, Gottesdienste mit Woodstock-Feeling, zu denen über achzigtausend Menschen anreisen. Doch dieses Jahr wird das Vertrauen der Versammelten – allen voran Opa Leinonen, der die Bewegung vor Jahren in den Ort geholt hat – auf eine harte Probe gestellt. Denn kaum hat die Veranstaltung begonnen, setzt sintflutartiger Regen ein, und die ganze Gemeinde droht im Schlamm zu versinken …(Inhaltsangabe Taschenbuch)

Nachlese
Inzwischen sind ein paar Tage vergangen, seitdem ich diesen Roman durchstreift habe. Ich denke, das ist ein recht passendes Wort. Im Rahmen der Weltreise-Challenge habe ich diesen Roman durchstreift und Finnland dadurch vermutlich etwas stiefmütterlich behandelt. Ein Roman von Arto Paasilinna hätte mich vielleicht länger verweilen lassen. Aber nun ...

Den Klappentext des Buches fand ich ganz eigentlich ganz interessant, daß es ein skurriles Buch sein solle, schreckte mich (Arto Paasilinna) auch nicht ab und so stürzte ich mich am vergangenen Samstag neugierig auf das knapp 317 Seiten fassende Taschenbuch.

Ein Ich-Erzähler berichtet, wie er eine Mühle in Gang setzt und in der Werkstatt einen Schleifsteinrohling bearbeitet, als er von einem auftauchenden Kaufmann angesprochen wird (auf diesen ersten 6 Seiten überlegte ich, ob ich mich beim Klappentextlesen irgendwie vertan hätte und der Roman gar nicht "heute" spielen würde). Es folgte ein Perspektivwechsel auf den Kaufmann, der als Ich-Erzähler davon berichtet, was der "junge Leinonen" gerade tat, als er ihn anspricht. Okay ...

Perspektivwechsel auf den jungen Leinonen, der - natürlich als Ich-Erzähler - davon erzählt, daß ihn der Kaufmann nicht verstünde und daß nun auch der offenbar demente Opa ihm und dem Kaufmann Gesellschaft leistet. Wie wird es wohl weitergehen? Genau: Perspektivwechsel auf den Kaufmann, der sich über den jungen und den alten Leinonen Gedanken macht...

Die Perspektivwechsel beschränkten sich leider auch nicht auf diese beiden Personen, sondern nach und nach treten hinzu die junge Frau Leila, die mit den Leinonens bekannt ist, ein Ingenieur, ein Tontechniker und und und. Ich hatte irgendwann das Gefühl, als würde ich Zeugenaussagen in einer Akte lesen und dachte dann: Ok, so zieht der Autor seine Geschichte von dieser Versammlung und dem Regen auf, es kommen verschiedene Leute jeweils zu diesem Ereignis zu Wort.

So war es dann auch wieder nicht.

Nach ungefähr 50 bis 70 Seiten wurde ich ungeduldig. Ich wußte nicht, wohin der Autor mit mir wollte, der Erzählstil trug nicht dazu bei, Licht in das Dunkel zu bringen und so begann ich, die Seiten quer zu lesen, einfach, um das Buch vom SuB zu bekommen. Ab und an blieb ich etwas hängen und las genauer, aber der Autor schaffte es nicht, mich mit seiner Story dauerhaft zu fesseln. Ich war davon ausgegangen, es ginge um die im Klappentext angesprochene Versammlung, aber eigentlich ging es um die Geschichte der Familie Leinonen. Das ist auch nicht schlimm, zumal es mehrere Bezüge der Familie zur stattfindenen religiösen Großveranstaltung gibt: Der junge Leinonen ist Architekt und hat mal in der Firma gearbeitet, die das Großzelt für die Versammlung stellt. Der Opa Leinonen hat sogar einen noch engeren Bezug zu dieser religiösen Gruppierung.

ACHTUNG SPOILER!

Im Roman hat der Opa bei der Elektrifizierung Finnlands engagiert mitgewirkt und sozusagen mit religiösem Eifer Nachbarn und Bauern die Vorzüge der Elektrizität vorgepredigt. Außerdem interessierte er sich für Botanik und war ein gläubiger Mensch. In der Folge soll der Opa dann nicht nur den Strom als Geschenk Gottes angesehen und "ins Land" getragen haben, sondern zugleich wurde bei den Bauern im Katechismus und im Laestadius (das war ein schwedischer Botaniker und Erweckungspriester, der bis 1861 lebte und Laestadianismus initiierte) gelesen, man vergab sich gegenseitig die Sünden. Dieses vermischte "Predigen" entwickelte - so lese ich diesen Roman - dann offenbar ein Eigenleben, die Menschen feierten die Strom-/Lichtbringung und hielten zunächst kleine, später immer größere Versammlungen ab.

So interessant ich diese familiäre Geschichte grundsätzlich auch fand, mir hätte ein strafferes Erzählen deutlich besser gefallen.Wie schon angedeutet, fand ich auch die häufigen Perspektivwechsel nicht hilfreich und es dauerte für mich einfach zu lang, bis ich merkte, wohin es mit der Geschichte eigentlich ging.

Man mag mir vorhalten, daß ich mit dem Roman zu ungeduldig war und daher das Warmherzige, Skurrile, Interessante in ihm, das andere Leser schätzen, nicht finden konnte. Möglicherweise war ich nicht in der richtigen Stimmung oder Tagesform, um diesen Roman zu lesen. Möglicherweise passe ich aber auch einfach als Leserin nicht zu "Sintflut" von Hannu Raittila. Ich war froh, als ich das Buch beseite legen konnte und ich bedauere derzeit nicht, daß ich den Roman nur quergelesen habe.

Kommentare:

  1. Ohoh, so ausführlich niedergeschrieben hört es sich noch schrecklicher an, als wenn man nur hier und dan einen Kommentar im Chat dazu präsentiert bekommt.

    Ich finde allein schon die ganzen Perspektivwechsel abschreckend genug, von dem Thema an sich will ich gar nicht reden. ;)

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  2. Ich hatte ja im Sommer "Der Buick" gelesen. In diesem Roman hat Stephen King ja auch Perspektivwechsel vorgenommen.Dabei wurde aber - im übertragenen Sinne - das Mikro für den Leser sichtbar weitergegeben, es waren vielleicht 4 oder 5 über das gesamte Buch, überschaubar und, wie gesagt, nachvollziehbar. Aber hier ... ähm nein, nicht meins ...

    Vielleicht überfordert mich das auch einfach ;) Wenn ich so an Dein "kapitelweise" denke und daß ich dort auch überlegen muß, worum es eigentlich geht :D ...

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  3. Ich muss zugeben, dass bei "Meinem Herzen so nah" die Perspektivwechsel leichter zu verkraften sind, wenn man nicht jede Woche ein neues Kapitel präsentiert bekommt. Und ich habe ja jetzt für euch noch eine Charakterübersicht angelegt!

    Vielleicht hätte man das für "Sintflut" auch machen sollen - als Lesezeichen, damit man es immer direkt neben die aktuelle Seite legen kann. ;)

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  4. Die Idee ist gut :) Am Anfang hatte die Leute noch nicht einmal Namen - von Leinonen jun. abgesehen -, das dauerte ja auch fröhlich ;)

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  5. Oh, vielleicht sollte ich dir mal "Der Sommer vor meinem Fenster" nahelegen. Da haben alle Leute Namen - die meisten sogar mehrere! Das ist auch lustig zu lesen. :D

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  6. Ich glaube, momentan möchte ich nicht nach Finnland zurück :)

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