Sonntag, 1. August 2010

"Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters" von Stefan Zweig


In einer privaten Leserunde habe ich diesen Buch gelesen. Obwohl ich es bereits im Juni 2010 beendet habe, folgt meine Nachlese erst jetzt angesichts des avisierten Endzeitpunktes 31.07.2010 der Leserunde ;)

Worum geht es:
Die Schilderung des Lebens Marie Antoinettes, der Tochter Maria Theresias, gleicht der Besichtigung eines Zeitalters am Vorabend der Neuen Zeit. In einer Art dokumentarisch belegter Geschichtsprosa wird ihre Biographie erzählt und zwar im Rahmen ihrer Zeit, des Rokoko, sie wird gezeichnet als eine Frau mit all ihrer Vergnügungssucht und Lebenslust. Die letzte französische Königin, zu spät auf ihre politische Aufgabe vorbereitet, zu spät auch zu ihr bereit und mit einem schwachen, biederen Mann verheiratet, wächst mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden. So geht sie ihren Weg vom Schloß Schönbrunn über den Trianon bis zur letzten Fahrt auf die Place de la Concorde, zur Guillotine.

Nachlese
Bekennendermaßen bin ich ja nicht so der Geschichtsfan, was mich aber nicht daran hindert, bestimmte historische Romane zu lesen und zu mögen oder mich mit einzelnen Personen näher zu beschäftigen. Marie Antoinette wäre mir insofern nicht in den Sinn gekommen und auch im Nachhinein finde ich sie als einzelne historische Person zwar durchaus interessant, dennoch nicht halb so faszinierend wie Elisabeth I. oder Eleonore von Aquitanien.

Daneben muß ich sagen, daß ich mit Stephan Zweigs Stil bis zum Schluß nicht glücklich geworden bin. Zwar bin ich durch Sayuris Rat, mehr "am Stück" zu lesen, besser vorangekommen, schlichtweg weil ich dann mehr in ihrem Stil drin war. Aber genervt hat er mich dennoch. Mich hat sein Stilmix - mal sachliche Biographie, mal psychologisches Interpretieren, mal romanhaftes Erzählen und in meinen Augen schwülstiges Abschweifen - beim Lesen immer wieder "behindert". Teilweise kam ich ins Stocken, weil ich den Satz erst einmal wahrnehmen mußte, teilweise rollte ich innerlich und äußerlich mit den Augen angesichts seiner Metapher (kannibalistische Volksaufrührer). Ich habe noch kein anderes Werk von Zweig gelesen und muß gestehen, daß ich in nächster Zeit auch keinerlei Verlangen danach habe.

Im Zusammenhang mit Zweigs psychologischen Ableitungen und Interpretationen habe ich auch so meine Probleme. Er gibt ja durchaus im Nachwort zu, daß aus den Fakten Schlußfolgerungen gezogen werden, die indirekt, aber nicht direkt beweisbar sind. So gesehen, weiß der Leser dann schon, wie Zweigs Biographie zu werten ist. Mir persönlich gefällt diese Verquickung dennoch nicht, da es wie eine faktische Biographie präsentiert wird. Und das ist "Bildnis eines mittleren Charakters" trotz all der Zitate aus Briefen etc. für micht nicht, sondern eine auf historischen Tatsachen beruhenden und mit fiktiven Ableitungen aufgefüllte Romanbiographie. Als solche empfand ich sie durch die Sprache und den Stilmix schlecht lesbar.

War Marie Antoinette wirklich ein mittlerer Charakter?Sie erscheint mir intelligent, aber auch uninteressiert und vergnügungssichtig, ok. Aber die Grundanlagen waren da. Wäre sie anders gefördert und gefordert worden, wer weiß ... Ihr späteres Handeln offenbart ja weitere Qualitäten, wenngleich sie ihr in diesem Stadium nichts mehr nutzten. Während sie früher ihren Ehemann, ob nun bewußt oder unbewußt, durch Respektlosigkeit vorführte, hält sie sich später neben dem unentschlossenen König zurück (Versailles, Varennes, Paris), obwohl sie offenbar instinktiv einen angemessenen Blick auf die Situation hat. Auch das von ihr angedachte Manifest zeigt das. Ihr Verhalten in ihrer Einzelhaft und während der Verhandlung vermitteln ebenfalls Intelligenz, Stolz, Stärke. Wenn ich mir dann in Erinnerung rufe, was Zweig unter mittleren Charakter versteht:


"... ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie." (bei mir Vorwort S. 6)

dann kann ich Zweig nicht zustimmen.

Die Zeitperiode ist bestimmt interessant. Allerdings hat Stefan Zweig den Zugang für mich nicht gerade reizvoll gestaltet, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Offenbar bin ich keine Frau für dieses Buch oder für Stefan Zweigs Stil... ;)

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