Samstag, 21. August 2010

gehört: "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll, gelesen von Nana Spier


Am 16.07.2010 habe ich mir diese ungekürzte Hörbuchfassung von  "Alice im Wunderland", Autor Lewis Carroll,  als Audible-Datei heruntergeladen, Lauflänge 2 Stunden 57 Minuten. Das Hörbuch wurde von der Schauspielerin Nana Spier, geboren 1971 in Berlin gelesen, die z.B. als deutsche Synchronstimme von Sarah Michelle Gellar und Drew Barrymore bekannt ist und als Darstellerin in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen, z.B. in "Dr. Sommerfeld - Neues vom Bülowbogen" mitgewirkt hat.

Worum geht es?
Alice wird während eines langweiligen Picknicks mit ihrer Schwester auf ein weißes Kaninchen aufmerksam, das in größter Eile mit einer riesigen Uhr an ihr vorbeispringt. Sie läuft ihm hinterher und gelangt so durch den Kaninchenbau in das Wunderland. Von der Begegnung mit einem Baby, das sich plötzlich in ein Schwein verwandelt bis zu einer Katze mit einem riesengroßen Grinsen, erlebt sie zahlreiche Abenteuer. Doch mit gesundem Kinderverstand und einer guten Portion Entschlusskraft meistert Alice manch verzwickte Situation.

Nachlese/Nach-Klang :)
Neugierig war ich auf diesen Kinderbuchklassiker, hatte ich ihn doch bislang weder gelesen, noch gehört. Mit Ausnahme der Tim-Burton-Verfilmung, die offensichtlich nicht das Kinderbuch "Alice im Wunderland" umsetzte, hatte ich noch keine Alice-Verfilmung vollständig gesehen. Schlüsselszenen waren mir vertraut: der Sturz durch den Kaninchenbau, die durch Nahrung verursachten Größenänderungen, Grinsekatze, Herzkönigin, der Hutmacher, Alice und das weiße Kaninchen mit der Uhr (u.a. auch in Star Trek Classic *schmunzelt*) ... Doch ich dachte auch, daß Humpty Dumpty und die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum in dem Buch "Alice im Wunderland" auftauchen, was offensichtlich nicht der Fall ist.

Was würde ich also im Kaninchenbau erleben?

Ganz zauberhafte Abenteuer im Wunderland! Zusammen mit Alice traf ich auf das weiße Kaninchen, sprach mit der Maus - und verschreckte sich durch Erwähnung der Katze Dinah -, nahm an einem seltsamen Caucus-Rennen am Tränenpfuhl teil, steckte im Haus des weißen Kaninchens fest, lief der Raupe über den Weg, nieste mich durch das Haus der Herzogin und ließ ihren Sohn in den Wald, sprach mit der Grinse-Katze, schaute bei der Teegesellschaft von Faselhasen, Hutmacher und Murmeltier vorbei ("Sirup"), nahm am Croquet-Spiel der Herzkönigin teil und kämpfte darum, den Flamingo vernünftig zu halten, lauschte im Beisein des Greifs der Geschichte der falschen Schildkröte (Mamsell Schaltier, die so heißt, weil sie hier schaltet und dort schaltet *g*) und stellte mir das Hummerballett vor :), beobachtete zunächst die Gerichtsverhandlung des Herzkönigs und der Herzkönigin und lauschte Alice Anmerkungen zum Verhör ...

Ich kann nicht beurteilen, ob, und falls ja welche, satirischen Verweise Lewis Carroll in seiner märchenhaften Erzählung "Alice im Wunderland" eingebracht hat. Für mich ist es ein Kinderbuch, das sich durch Fabulierfreude seines Autors auszeichnet. Carroll läßt Alice eine fantasievolle Reise unternehmen, wobei Alice durchaus wie ein 10jähriges Kind auf die Seltsamenkeiten reagiert: Manches erscheint ihr überhaupt nicht fernliegend, anderes ist völlig absurd, Halbwissen wird zitiert, altkluges Verhalten an den Tag gelegt, kindliche Logik angewandt. Verschiebe ich doch mal ein wenig die Realität eines 10jährigen Kindes, ob nun zu Carrolls Zeit oder heute: Wuseln nicht viele von uns mit Blick auf die Uhr herum, verlieren im Streß Schlüssel (statt Handschuhe), sind in Kinderaugen unorganisiert (wie das Caucus-Rennen) und natürlich (!) mit völlig ungerechten Strafen immer viel zu schnell bei der Hand (wie die Herzkönigin)? Ist dieser Bezug für die Kinder, denen das Buch vorgelesen wird oder die es selbst lesen, klar? Vielleicht wird er es irgendwann. Zunächst werden sie wohl einfach in ihrer Fantasie Alice ins Wunderland begleiten und sich an den - auch in der deutschen Übersetzung gelungenen - Wortspielen erfreuen. Das Schaltier ist nur ein Beispiel, hier folgt ein weiteres:

»Du paßt nicht auf!« sagte die Maus strenge zu Alice. »Woran denkst du?«
»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Alice sehr bescheiden: »du warst bis
zur fünften Biegung gekommen, glaube ich?«
»Mit nichten!« sagte die Maus entschieden und sehr ärgerlich.
»Nichten!« rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah
sich neugierig überall um. »O, wo sind sie, deine Nichten? Laß mich
gehen und sie her holen!«
(Quelle: Alice im Wunderland, Lewis Carroll
in der Übersetzung von Antonie Zimmermann,
Text: Projekt Gutenberg (klick))  

Und für den direkten Vergleich ist hier die englische Fassung: 

»You are not attending!« said the Mouse to Alice, severely. »What are you thinking of?«
»I beg your pardon,« said Alice very humbly: »you had got to the fifth bend, I think?«
»I had not!« cried the Mouse, sharply and very angrily.
»A knot!« said Alice, always ready to make herself useful, and looking anxiously about her . »Oh, do let me help to undo it!«
(Quelle: Alice's Adventures in Wonderland, Lewis Carroll, 
Text: The Annotated Alice - The definitive Edition

An dieser Stelle muß ich darauf hinweisen, daß ich bislang nicht weiß, auf welcher Übersetzung die von mir gehörte Audible-Hörbuchausgabe beruht. Aus der Artikelbeschreibung ging der Übersetzer nicht hervor, meine Email-Anfrage an Audible ist bislang nicht beantwortet.

  • EDIT vom 24.08.2010 : Die Audible-Antwort ist heute gekommen. Ich zitiere:
    "Der Text für das Hörbuch "Alice im Wunderland" stammt aus der Reclam Ausgabe, übersetzt wurde der Text von Günther Flemming. Allerdings ist es wichtig zu wissen, dass die Klassiker Texte von uns lektoriert wurden und daher nicht immer der Originalwortlaut vertont wurde."


Jedenfalls ist die im Project Gutenberg online gestellte deutsche Übersetzung von Antonie Zimmermann der von mir gehörten Hörbuchversion entweder sehr ähnlich oder sogar mit ihr identisch. Dort (Gutenberg) wie hier (Hörbuch) finde ich die durch die Übersetzung vorgenommenen Anpassungen jedenfalls sehr gelungen. Zwar wird der March Hare nicht mit Märzhase übersetzt, sondern mit Fasel-Hase. Durch "Faseln" wird aber auch, wie ich finde, in der deutschen Übersetzung schön auf das seltsame Geplaudere und Verhalten des Hasen angespielt. Es ist aber sicherlich eine Geschmackssache ;) Die Cheshire Cat wird auch hier durch Grinse-Katze übersetzt. Wie ich The Annotated Alice S. 61 entnommen habe, war "grin like a Cheshire cat" eine gebräuchliche Phrase zu Carrolls Zeiten, deren Ursprung allerdings nicht ganz sicher ist. Eine Theorie führt diesen Begriff auf den Käse aus Cheshire zurück, der die Form einer grinsenden Katze hatte. Eine andere Theorie meint, daß diese Redewendung auf einen Maler aus Cheshire verweist, der auf Schilder, z.B. für Gasthöfe, grinsende Löwen malte.

Der Witz des Originals ist, wie ich finde, durch diese Hörbuch-Übersetzung erhalten geblieben. Und durch Nana Spiers traumhafte Lesung wird das Buch - und sein Witz - in eine neue Ebene gehoben.

Zwar gibt es hier (klick) eine Hörprobe, leider handelt es sich aber um nur um den Beginn des Hörbuches und nicht um eine Dialog-Passage zwischen Alice und einem Bewohner des Wunderlandes. Frau Spier liest mit wechselnden Stimmen, mal murmeltiermüde, mal hektisch, keifend oder beruhigend. Zum Beispiel werden die bereits auf dem Papier putzigen Kapitel "Die Geschichte der falschen Schildkröte" und "Das Hummerballett" durch Nana Spiers Lesart des Greifes noch komischer. Zu der normalen Erzählstimme gesellt sich die kindliche Alice und der jovial und hörbar schmunzelnde erheiterte Greif, komplettiert durch die träge klingende Schildkröte (es ist herrlich, wenn das Suppenlied gesungen wird). Häufig bin ich während des Hörens in herzhaftes Lachen ausgebrochen. Letzteres bescherte mir übrigens regelmäßig irritierte Blicke, da ich das Hörbuch u.a. in der Stadt gehört habe.

Ich kann diese Hörbuchfassung nur empfehlen. Der fantasievolle Kinderbuchklassiker "Alice im Wunderland" wird ganz zauberhaft und facettenreich von Nana Spier interpretiert. Ein Traum :)


Nachbemerkung:
Das Hörbuch-"Cover" finde ich übrigens nicht passend. Die roten Kinderschuhe lassen zumindest mich an "Den Zauberer von Oz" denken und nicht an Alice.

Kommentare:

  1. Ich habe letzte Woche auch endlich meine Lektüre zu Alice beendet und kann deine Beschreibung nur unterschreiben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich fand es interessant endlich mal die ganze Geschichte zu kennen und nicht nur die von dir genannten weithin bekannten Szenen.
    Übrigens: Humpty Dumpty sowie Tweedledee und Tweedledum finden sich in der Fortsetzung: "Through the Looking Glass". Ich weiß nicht wie sie auf Deutsch heißt, aber da gibt es zu Humpty Dumpty sowie den Zwillingen jeweils ein eigenes Kapitel. :)

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  2. "...und ich fand es interessant endlich mal die ganze Geschichte zu kennen und nicht nur die von dir genannten weithin bekannten Szenen."

    Genau :)
    Als Tim-Burtons "Alice" ins Kino kam, hatte ich mir zwar "The Annotated Alice" besorgt (englische Ausgabe). Dort sind _beide_ Alice-Geschichten im Original mit Anmerkungen und Illustrationen enthalten. Aber erst jetzt, nach der deutschen Hörbuchfassung der ersten Geschichte, habe ich mir "The Annotated Alice" etwas genauer angeschaut. Und obwohl "Through the Looking Glass" dort enthalten ist, möchte ich auch diese Geschichte zunächst einmal in deutsch lesen. Mal sehen, was Alice dort erlebt ... :)

    Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag, Lisa!

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  3. Ah, schön, dass dir "Alice im Wunderland" so gut gefallen hat! :) Und Nana Spier finde ich als Sprecherin in der Regel recht gut - überraschend vielseitig, wenn man bedenkt, dass sie doch vor allem als Buffy im Ohr ist. ;)

    "Alice hinter den Spiegeln" ist auch auf jeden Fall einen Blick wert, aber trotzdem klang das Buch in mir nicht so nach wie der erste Teil.

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  4. Ich hatte Dir ja schon gesagt, daß ich Nana Spier überhaupt nicht mit Buffy in Verbindung brachte, weil ich die Folge alle im Original mit dt. UT geschaut habe. Für mich war die Stimme daher wirklich "neu" :)

    Sie liest hervorragend!

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  5. Liebe Natira,
    dank Deines heldenhaften Einsatzes konnte auch ich nun die audible-Version von Alice hören. Ich habe mich köstlich amüsiert. Besonders liebte ich die Szene beim Hutmacher und die Sirup-Geschichte vom Murmeltier (dieses liebe ich ganz besonders) und die Geschichte der falschen Schildkröte. Beim Hören ist mir aufgegangen, dass ich eine gekürzte Version gelesen haben muss (? - ich muss das mal nachschauen) - denn diese ganze doch recht lange Szene auf dem Grund des Lochs mit Tränensee etc. kam mir gar nicht bekannt vor. So oder so: ich kann Dir absolut zustimmen, dass Nana Spier wunderbar liest und dem Hör-Buch eine zauberhafte Atmosphäre verleiht.
    Vielen Dank fürs Leihen - ich könnte bald schon ein Paket aufgeben mit allen beendeten Leihgaben :)
    Lg von Sayuri!

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  6. Oh ja, liebe Sayuri, Siiiirup ist eine Geschichte wert *kichert*. Und der Greif wird witzig gesprochen, nicht wahr?!

    Schön, daß Dir diese Lesung auch so gut gefallen hat :)

    Lg Natira

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