Samstag, 28. August 2010

"Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel

Wie ich bei Garth Nix "Schwarzer Montag" bereits erwähnte, hatte ich mir zum Wiederankurbeln der Leselust aus der Bibliothek Jugendbücher ausgeliehen. Dieses Buch war auch dabei, wobei ich einer Empfehlung Paleicas gefolgt bin. Auf ihrem Blog ging es einmal um die Frage nach ihrem Nickname.Paleica verwies auf dieses Buch und die dort am Rande vorkommende Puppe Paleico :)

Worum es geht und Nachlese
"Die Mitte der Welt" ist der erste Jugendroman des hessischen Autors Andreas Steinhöfel und wurde erstmals 1998 veröffentlicht. Protagonist ist der 17jährige Phil, der mit seiner verschlossenen Zwillingsschwester Dianne und seiner jungen Mutter Glass in dem Landhaus "Visible" lebt. Seine Mutte ist als 17jährige hochschwanger aus Amerika in die Schweiz gekommen, wohin ihre Schwester gezogen ist, nicht ahnend, daß nach der ersten bestätigenden Rückmeldung ihre Schwester tödlich verunglückt ist. Statt der Schwester trifft sie auf Visible auf eine die Jurastudentin  Tereza, die dort wegen der Formalitäten ist, und schenkt, noch bevor sie Visible betrifft, den Zwillingen Phil und Dianne im tiefen Winter das Leben. Tereza wird Glass Vertraute und Freundin, so, wie sie es später für die Zwillinge sein wird. Sie schenkt Phil auch "Paleico", die schwarze Keramikpuppe, die - wenn Phil Glück hat - mit ihm sprechen wird. Von dem Vater wissen die Zwillinge nichts, Glass erzählte nur, er habe sie verlassen.

Glass steht als Alleinerziehende quasi vor dem Nichts (ausgenommen das heruntergekommene Visible) und schafft es dennoch, mit Terezas Hilfe - sie wird später Terezas Sekretärin - die Kinder großzuziehen. Da Glass auch wechselnde Liebhaber hat und aufgrund im Buch beschriebener weiterer Episoden, in denen die Zwillinge verwickelt sind, werden Glass und die Kinder von den Kleinstadtbürgern und deren Kindern regelmäßig geschnitten. Katja, die Phil 6jährig im Krankenhaus kennenlernt, wird über die Jahre dennoch seine beste Freundin. Sie ist es, die sich erfolgreich gegen ihre Eltern auflehnt und den Kontakt mit Phil erzwingt, aber sie ist auch jemand, wie Phil erkennt, der vereinnahmt und nicht teilen kann. Phil lernt in der Schule außerdem den weiteren Außenseiter Wolf kennen, beendet seinen Umgang mit ihm aber bald wieder. Wolf hat, wie Phil es ausdrückt, "Narben auf der Seele" und wie der Verlauf der Geschichte zeigt, ist es schwer, mit ihnen zu leben.  Und als dann das neue Schuljahr für den 17jährigen Phil beginnt, gibt es einen "Neuen" in der Klasse: Nicholas.

Steinhöfel läßt seinen Protagonisten von seiner aktuellen Gegenawart erzählen, vermischt mit Rückblenden auf die Kinder- und Teenagerzeigt. Diese Rückblenden sind auch durch die geschilderten Ereignisse in der Gegenwart motiviert, manchmal offensichtlich, manchmal durch die Emotionen. Der Leser spürt mit Phil der Frage nach, wann seine Schwester und er sich entfremdeten, warum das Verhältnis von Glass und Dianne so zerrüttet ist, was Phil selbst von sich, von seinem Leben, von seinen Lieben erwartet. Mit Fingerspitzengefühl zeichnet Steinhöfel all die wichtigen Momente nach, die zu dem 18jährigen Phil am Ende dieses Buches führen: die Schlacht am großen Auge, die wechselnden Liebhaber der Mutter, seine Seereise mit Gable, Anna, die verrückte Frau mit den roten Schuhen, die Beziehung zwischen Tereza und Pascal, die familiären Dramen und Glücksmomente, seine Beziehungen zu Wolf, Kat und Nicholas...

In wunderbar klarer unverschnörkelter Sprache und durchaus  mit Sinn für Humor erschafft Steinhöfel nicht nur seinen jugendlichen Protagonisten Phil, sondern auch die übrigen Charaktere, letztere aufgrund Phils Erinnerungen und seiner aktuellen Erlebnisse mit ihnen. Ich empfand es daher auch nicht störend, daß manche Charaktere trotz Greifbarkeit fragmentarisch blieben, wie z.B. Anna oder Pascal., denn auch Phil erfaßt sie nicht vollständig, z.B. weil er keine Möglichkeiten mehr hat (Anna) oder es tief im Inneren zunächst nicht will (Pascal).

"Die Mitte der Welt" erzählt vom Erwachsenwerden, aber auch von der Geschichte einer Familie und natürlich von der Liebe: der familiären, der freundschaftlichen, der egoistischen, der zerstörerischen, der ersten ... Er ist in meinen Augen nicht nur ein sprachlich schöner, sondern auch ein sehr stimmiger Roman, und zwar für Jugendliche, junge Erwachsene und durchaus Erwachsene beiderlei Geschlecht.

Kommentare:

  1. Die Mitte der Welt ist mein absolutes Lieblingsbuch. Ich habe es verschlungen und mindestens 6 mal gelesen. Ich liebe die Geschichte von Glass, Kat und Phil. Sie erinnert mich an mich selbst.Und Andreas Steinhöfel ist einer der besten Autoren, die ich für Kinder und Jugendliteratur kenne. Ich kann auch empfehlen, der mechanische Prinz.

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  2. Über Steinhöfel bin ich ja, wie geschrieben, eher zufällig gestolpert. IWas ich angenehm finde - gerade in Bezug auf die jungendlichen Leser -, ist, daß Steinhöfel die verschiedenen Beziehungen gleichwertig einführt und sie sämtlich vom Leser als normal wahrgenommen werden. Es gibt keine Zeigefinger, keine Betonungen oder Abschwächungen, das finde ich gelungen.

    Ich werde mich in der Bücherei mal nach dem mechanischen Prinzen umschauen, danke für den Tipp Danny!

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