Dienstag, 31. August 2010

"Das Dschungelbuch" von Rudyard Kipling


Im Rahmen einer privaten Leserunden habe ich diesen Klassiker gelesen. Ich habe mir "Das Dschungelbuch" aus meiner Wohnort-Bücherei ausgeliehen und war ganz überrascht: Zum einen wegen der wundervollen Ausgabe des Gerstenberg-Verlages, zum andern wegen des Buches an sich. Denn wie bei "Alice im Wunderland" habe ich dieses Buch bislang weder gelesen, noch gehört noch irgendeine Verfilmung vollständig gesehen.

Worum geht es :
Kaum einer kennt die Geheimnisse des Dschungels so gut wie Mogli, der als kleines Kind in den Dschungel kam und von einer Wolfsfamilie großgezogen wurde. Von Vater Wolf, Balu, dem Bären, und dem schwarzen Panter Baghira wird er in die Gesetzes des Dschungels eingeweiht. Doch Schir Khan, der Tiger, hasst die Menschen und irgendwann wird er versuchen, Mogli zu töten ... (Zitat vom Umschlagrücken, dieser Ausgabe). Neben den drei Mogli-Erzählungen "Moglis Brüder", "Die Jagd mit Kaa" und "Tiger! Tiger!" sind in dieser Ausgabe weitere vier Geschichten veröffentlicht, von denen drei ebenfalls in Indien spielen: In "Rikki-tikki-tavi" wird der Kampf des Mungos Rikki-tikki gegen zwei Kobraschlangen geschildert. In "Tumai von den Elefanten" erfährt der Leser, wie der kleine Tumai sich diesen Titel verdiente und in "Die Diener Ihrer Majestät" belauscht ein englischer Soldat die in der englischen Armee dienenden Tiere. Die zwischen den Mogli- und den anderen Indien-Geschichten mittig im Buch abgedruckte vierte Erzählung handelt von der weißen Robbe Kotik, die für die Robben einen neuen menschenfreien Platz sucht.

Nachlese 

Bevor ich Ausführungen zu den Dschungelbuch-Erzählungen mache, will ich auf die Umsetzung des Gerstenberg Verlages eingehen:

Der Gerstenberg Verlag hatte - offenbar nicht mehr, ich habe erfolglos auf der Verlagsseite (klick) gesucht -  in einer Reihe "Visuelle Weltliteratur" verschiedene Werke für junge Leser aufgelegt, in denen der vollständige Text des Werkes (natürlich in Übersetzung) wiedergegeben und dessen Inhalt durch zahlreiche Hintergrundinformationen und Bilddokumente leichter zugänglich gemacht wurde. Ein wenig kann man bereits durch den "Blick ins Buch" der oben verlinkten Amazon-Seite erkennen. Neben "Das Dschungelbuch" erschienen ca. 2000/2001 in dieser Verlagsreihe z.B. auch "Frankenstein", "Die Schatzinsel","In 80 Tagen um die Welt".

Die Ausgabe "Das Dschungelbuch" in der Übersetzung von Peter Torberg zeichnet sich daher nicht nur durch wunderschöne Illustrationen von Christian Broutin aus, sondern enthält "am Rand" Hintergrundinformationen in Form von Fotografien, zeitgenössische Zeichnungen, Texten. So erfährt man in "Moglis Brüder" etwas über
- aufgefundene Wolfskinder,
- wie ein Wolf ausschaut, wenn er "droht" oder "angreift" etc.,
- daß die Fleckenzeichnung eines Panthers nach Lichteinfall variiert und jedes Fell einzigartig ist (selbst der schwarze Panther hat Flecken, die jedoch nur bei einem bestimmten Lichteinfall sichtbar sind)
- wie Wolfsfallen ausschauen
- man findet Fotos von feuermachenden Kindern usw

Jede der sieben Geschichten enthält solche Informationen, manchmal textbezogen (wie sieht ein bestimmtes Tier aus), manchmal weiterführend (Jagd auf Wildtiere, Robben), manchmal bezogen auf Quellen des Autors.


Ich finde es äußerst schade, daß der Verlag diese Reihe offenbar nicht weitergeführt hat, denn sie macht die Werke auch für ein Wiederlesen, ob nun als Teenager oder sogar als Erwachsener, interessant. Möglicherweise gibt es heute aber entsprechende oder ähnliche Ausgaben im Gerstenberg-Verlag oder auch von einem anderen Verlag. Ich habe in diese Richtung nicht großartig weiter recherchiert, sondern nur nach "Das Dschungelbuch" und "Kipling" auf der Gerstenberg-Verlagsseite gesucht. Irritierenderweise bekam ich gar kein Ergebnis!

Was nun die Geschichten selbst angeht :)

In den Mogli-Erzählungen "Moglis Brüder","Die Kampf mit Kaa" sowie "Tiger!Tiger!" erzählt Kipling von Mogli, der als Kleinkind von Vater Wolf und Rakscha (Mutter Wolf) in deren Familie aufgenommen wird, als der Tiger Schir Khan das Dorf seiner Eltern angreift und alle flüchten. Er wird vom Wolfsrudel aufgenommen, von Balu u. Baghira unterrichtet, später wegen Angst und Schir Khans Intrigen aus dem Rudel verstoßen, kommt zu den Menschen, kann seinen Kampf mit Schir Khan zu Ende führen und wird direkt nach diesem Kampf aus Angst und Aberglaube von den Menschen verstoßen.

"Zuerst zuschlagen und dann Laut geben", so lautet ein Gesetz des Dschungels in Kiplings Erzählung "Moglis Brüder". Mogli hat dieses Gesetz nicht beachtet, als er stolz seinen Wolfsbrüdern und Schir Khan in die Augen schaut und sie einschüchtert. Er ist nicht einfach ein haarloser Affe. Intelligenz, Neugierde, Willens- und Entschlußkraft heben ihn von den Tieren des Dschungels ab; seine Kenntnis des Dschungels und seine Fähigkeiten, in ihm zu überleben, grenzen ihn später von den Menschen ab. Kipling deutet an, daß Mogli letztlich eine Familie gründet und bei den Menschen lebt. Ich weiß nicht ... Ich glaube nicht, daß Mogli auf Dauer in der Gemeinschaft der Tiere im Dschungel oder in einer Gemeinschaft der Menschen leben kann.

Die Mogli-Geschichten sind interessant geschrieben und locken mit spannend geschilderten Herausforderungen und Kämpfen. Manche Sätze sind mir persönlich für ein Kinderbuch etwas zu lang, was übrigens für alle sieben Geschichten gilt. Wie gesagt, die Mogli-Geschichten gefielen mir durchaus, Mogli als Charakter allerdings nicht. Ich finde ihn überheblich und selbst die Lektion in "Der Kampf mit Kaa" führt nicht zu einer dauerhaften Besinnung. Vielmehr provoziert er seine Wolfsbrüder, indem er ihnen bewußt in die Augen starrt. In der Dorfgemeinschaft hat er natürlich Probleme aufgrund der Anpassungsschwierigkeiten, die von Kipling auch nachvollziehbar geschildert werden. Und selbstverständlich hat Mogli ein größeres Wissen vom Dschungel als die Dörfler, aber die Art und Weise, wie er mit den Ältesten redet oder den Priester vorführt ... das wirkt auf mich respektlos. Mogli ist mir einfach nicht sympathisch *zuckt mit den Schultern*. Manche Sachen kann man nicht weiter erklären ...

Ich mochte dagegen in "Rikki-tikki-tavi" den mutigen und gerissenen Mungo und habe mich gefragt, ob sich J.K. Rowling von Kiplings Schlangenpaar Nag und Nagaina in dieser Geschichte inspirieren ließ, als sie Voldemorts Schlange den Namen Nagini gab.

Wie in "Rikki-Tikki-tavi" zeigt Kipling auch in "Tumai von den Elefanten" und "Die Diener ihrer Majestät" auf, wie sehr sich die Menschen in Indien auf Tiere verlassen. So hält der noch halbwilde Mungo Rikki-Tikki den Garten und das Haus von Schlangen freihält, werden Elefanten für Lasten und den Bau eingesetzt und dienen Kamel, Pferd, Maultier, Elefant und Ochsen in der englischen Armee. Die Geschichten vermitteln eine Selbstverständlichkeit in Bezug auf diesen Umgang mit den Tieren, aber ich kann aus ihnen auch Kiplings Anteilnahme am Schicksal der Tiere entnehmen. Besonders deutlich wird dies in der Kurzgeschichte "Die weiße Robbe". Diese Erzählung paßt übrigens nicht wirklich in das "Dschungelbuch", da sie in Alaska spielt. Jedenfalls schildert Kipling in dieser Geschichte die sorgenfreie Kindheit Kotiks, der weißen Robbe, bis Kotik Zeuge der Robbenjagd wird. Er muß beobachten, wie ältere Robben von Robbenjägern zusammengetrieben und geschlachtet werden und ist ab diesem Zeitpunkt davon beseelt, einen sicheren Strand für sein Volk zu suchen. So grauenhaft die Erzählung ist, wenn und insbesondere wie die Robben in Massen geschlachtet werden, endet sie doch hoffnungsvoll in einer neuen Heimat. Ich wünschte, es gäbe Kotik tatsächlich und er würde die Robben dem Zugriff der Menschen entziehen ... Es hat sich seit Kiplings Geschichte nicht wirklich etwas an dem kommerziellen Robbenfang geändert und widerlicherweise werden auch heute noch teilweise Metallstangen benutzt. Wenigstens gibt es in der EU schon mal ein weitreichendes Handelsverbot (klick). 

Ich habe diesbezüglich keine Fachkenntnisse, aber mir scheinen Kiplings Beschreibungen von Tier und Mensch (Mungo-Kampf, Robbenverhalten und die Robbenjagd, Abläufe in "Tumai" und "Diener Ihrer Majestät", harter Überlebenskampf im Dschungel) im wesentlichen treffend. Dennoch störten mich in den verschiedenen Erzählungen immer wieder Sätze, wie z.B. in "Die weiße Robbe":

"Kerick Booterin wurde fast weiß unter all dem Öl und Rauch,denn er war ein Aleute, und Aleuten sind nicht gerade reinliche Menschen..."

Dieser Satz steht losgelöst von dem ursprünglichen Leben der Aleuten (Kleidung aus dem Fell, Heizen mit dem Fett von Robben oder Walrössern) und vermittelt meiner Ansicht nach den lesenden Kindern ein falsches Bild .

Insgesamt fand ich die Mogli-Geschichten des "ersten" Dschungelbuches, wie schon erwähnt, interessant und spannend. Die Disney-Zeichentrickverfilmung, die ich nur szenenweise kenne (mir klingt noch "Versuch's mal mit Gemütlichkeit" im Ohr und ich sehe einen niedlichen lieben kleinen Mogli herumhüpfen), enthält vermutlich eine weichgespülte Version der Mogli-Erzählungen, falls überhaupt. Und die weiteren vier Erzählungen aus dem Dschungel bzw. der Beringsee sind auch interessant, berührten mich teilweise richtig (Mungo- und Robbengeschichte). Aber es ist für mich kein Buch, daß ich ein weiteres Mal lesen muß und ich weiß auch nicht, ob ich meine Nase zukünftig mal in das "zweite" Dschungelbuch von Kipling stecken werde.

Kommentare:

  1. Hallo Natira,
    zufälligerweise habe ich mir am Wochenende "Das Dschungelbuch" bestellt, allerdings in der Ausgabe von Fischer Klassik. Laut Inhaltsverzeichnis sind darin auch einige der von dir genannten Kurzgeschichten enthalten. Deine Rezi hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht, so dass dem Buch wohl ein längerer SUB-Aufenthalt erspart bleibt.
    LG Myriel

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  2. Na, dann wünsche ich Dir viel Freunde mit dem Dschungelbuch, Myriel! Kipling erzählt sehr stimmungsvoll!

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  3. Schöne Zusammenfassung =) Ich habe das Buch auch nicht gelesen, obwohl ich den Film sehr schön fand, die Thematik mag und es bei meinen Eltern im Keller steht. Habe mal angefangen, aber aus irgendwelchen Gründen nicht weiter gelesen... vielleicht sollte ich das mal noch tun.

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  4. @Arctica
    Die Realverfilmung kenne ich ebenso wenig wie die Disney-Version. Zumindest letztere soll mit dem Dschungelbuch von Kipling kaum noch etwas zu tun haben ;) Wenn Du das nächste Mal daheim bist, kannst Du Dir das Buch ja noch einmal greifen :)

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