Donnerstag, 29. Juli 2010

"No Fear Shakespeare Graphic Novels: Hamlet" by William Shakespeare und Neil Babra


Eine Suchanfrage in meinem Blog nach "Hamlet Comic" war der Auslöser, daß ich mich bei Amazon umschaute und mich dann für diese Version entschied. Es handelt sich um die englische Ausgabe der Graphic Novel, eine deutsche Version ist bislang nicht erschienen.

Ich will versuchen, den Inhalt von "Hamlet" zu umreißen, seht  mir die Verkürzung nach: Der dänische Kronprinz Hamlet erfährt von dem Geist seines Vaters, daß dieser von dem eigenen Bruder Claudius (der Hamlets verwitwete Mutter geheiratet hat) vergiftet wurde. Hamlet will diesen Verrat und Brudermord rächen und läßt von einer Schauspieltruppe am Hof ein entlarvendes Stück aufführen. Später ersticht Hamlet irrtümlich den Oberkämmerer Polonius (Hamlet dachte, es sei Claudius) während eines anklagenden Gesprächs mit seiner Mutter. Claudius, obwohl von Schuldgefühlen geplagt, will Hamlet auf einer Mission töten lassen. Während Hamlet außer Landes ist und diesen Plan entdeckt, wird Ophelia, die von Hamlet verehrte Tochter des Polonius, über den Tod ihres Vaters wahnsinnig und ertrinkt. Ihr Bruder Laertes fordert Rache für den Mord an seinem Vater und macht Hamlet auch für Ophelias Tod verantwortlich. Als Hamlet nach Dänemark zurückkehrt, spitzen sich die Dinge zu. Verleitet von Claudius benutzt Laertes in einem Wettkampf mit Hamlet eine in Gift getauchte Waffe, mit der letztlich Hamlet und Laertes selbst verletzt werden. Claudius, der zur Sicherhein einen vergifteten Becher Wein für Hamlet vorbereitet hatte, muss mitansehen, wie seine Frau und Hamlets Mutter Getrude diesen Wein trinkt und stirbt. Der durch die Waffe vergiftete Laertes gesteht zudem sein unehrenhaftes Verhalten ein und offenbart auch die Beteiligung von Hamlets Onkel. Claudius wird daraufhin von dem ebenfalls bereits sterbenden Hamlet getötet.

Die von SparkNotes herausgegebene Serie "No Fear Shakespeare" transportiert die Verse Shakespeares in die Prosa-Form (modernes Englisch). In den "No Fear Shakespeare Graphic Novels" wird diese Prosa durch Bilder komplettiert. Im vorliegenden Fall wurde "No Fear Shakespeare: Hamlet"  von dem Künster Neil Babra adaptiert und auf 208 Seiten in schwarz-weiß-grauen Bildern illustriert.

Die Graphic Novel beginnt mit einer zeichnerischen Darstellung der Charaktere. Jeder der folgenden fünf Akte des Stückes wird mit einer Zeichnung eingeleitet, die mit wenigen Bildern den Akt porträtiert. Sodann folgenden die Szenen des Aktes, die auch mit I-1 etc. gekennzeichnet sind. Ich hatte meine alte Reclam-Schulausgabe (auf deutsch) neben mir liegen und habe ab und an vergleichsweise hineingeschaut. Die textliche Umsetzung ist - trotz Prosa - nach meinem Empfinden sehr nah am Original. Es fehlen nur einige Sequenzen, z.B. gibt zu Beginn des zweiten Aktes z.B. kein Gespräch zwischen Polonius und Reinhold, sondern in der Graphic Novel beginnt Akt II Szene 1 mit dem Eintritt Ophelias und Polonius Frage, was es gäbe. Erwähnenswert ist auch, daß an drei, vier Stellen per Fußnote Begriffserläuterungen angefügt sind, z.B., daß der in Akt II Szene 2 genannte "Jepthah" ein biblischer Charakter ist oder daß Hamlet dort aus einem populären Song Verse zitiert. Was mich allerdings gestört hat ist die Verwendung der Währungseinheit Dollar statt Dukaten in der Graphic Novel.

Zeichnerisch fand ich mich sehr schnell in Babras Stil ein. Obwohl ich mit der Porträtierung des Hamlet in manchen Szenen - in denen ich ihn mit Jungengrinsen wahrnehme - etwas hadere und mir auch Bernardos Gestaltung nicht gefällt - er wirkt wie ein verängstigter Milchbubi auf Wache -, charakterisiert Neil Babra die Hauptfiguren des Stückes interessant und lebendig.

Er verleiht den Charakteren sehr viel mimische Ausdrucksstärke, verschattet Blicke, läßt sie gestikulieren und dynamisch agieren (besonders der Fechtkampf zwischen Hamlet und Laertes). Während in manchen Zeichnungen die Charaktere allein dargestellt sind, passiert in anderen viel im Hintergrund und um die Charaktere herum. Ein Beispiel:

Hamlet trifft auf Rosenkranz und Güldenstern und fragt sie, weshalb sie in Dänemark seien. Im nächsten Panel sind die beiden links unten positioniert mit der Antwort "To visit you, my lord! There's no other reason." und Hamlet rechts unten mit der Replik: "Did someone tell you to visit me? Or was ist on your own initiative?" Rosenkrantz und Güldenstern sind als Marionette gezeichnet, deren Fäden von Claudius gehalten werden. Dabei sind Claudius und neben ihm Gertrude mittig oberhalb der unten agierenden Personen dargestellt. Äußerst gelungen empfand ich z.B. Hamlets Reaktion auf die Schauspielkunst und das Schmieden seines Planes, mithilfe der Schauspieler seinen Onkel zu überführen (Akt Akt II am Ende der Szene 2, übrigens erinnert mich die Zeichnung des "Ersten Schauspielers" an Abbildungen von William Shakespeare) oder die Gestaltung von Ophelias Trauerwahn in Akt IV Szene 5).

Auf dem Blog von Neil Babra könnt Ihr Euch hier (klick) einen Eindruck von der graphischen Umsetzung machen.

Die vorliegende werkgetreue Umsetzung in Prosa und Bild finde ich außergewöhnlich. "Hamlet" ist ein Stück, daß mir seit Jahren vertraut ist, wenngleich ich es nie in der englischsprachigen Original-Versform gelesen habe. In englischer Versform kenne ich "Hamlet" nur in filmischer Umsetzung, z.B. durch Kenneth Branagh. Jedenfalls war es für mich aufregend und spannend, das Stück in englisch in dieser Form zu erlesen. Vielleicht werde ich auf diesem Weg  auch einen ersten Kontakt mit Macbeth aufnehmen ...

Kommentare:

  1. Auf jeden Fall sind diese Comics bestimmt hervorragend geeignet, um Hemmungen gegenüber den Klassikern abzubauen. :D Vielleicht hilft es dir ja auch bei "Macbeth". :)

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  2. .. ja, das denke ich auch. Der Name ist wohl Programm "No Fear Shakespear" :)

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  3. Mein Mann hat mir übrigens vor kurzem - nachdem er seine Bestellung beim amerikanischen Händler aufgegeben hatte - erzählt, dass er für mich einen Jane-Austen-Comic bestellt hat. Nun schwanke ich zwischen Hoffen und Bangen. ;)

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  4. oh, spannend ... Ich bin neugierig, was Du darüber berichtest!

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