Samstag, 12. Juni 2010

"Die wilde Geschichte vom Wassertrinker" von John Irving


Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mehr, wann ich dieses Taschenbuch gekauft habe. Wenn ich mir das Taschenbuch an sich und die Rückseite insbesondere anschaue und 18.00 DM entdecke, dann denke ich nicht etwa, daß das Buch seit DM-Zeiten auf meinem TuB schlummert. Ich vermute eher, daß ich diese Taschenbuchausgabe irgendwo gebraucht gekauft habe... Aber offensichtlich war es recht lange auf dem TuB :) Wie gut, daß ich mich im Rahmen von Mellis Sub-Wettbewerb I/2010 für die Kategorie "Ein Wort" (5 Bücher, die jeweils ein und dasselbe Wort im Titel haben) entschieden hatte, und das Wort GESCHICHTE" lautete. Mit diesem Buch beende ich übrigens pünktlich diesen SuB-Wettbewerb :)

Worum geht es (zitiert vom Klappentext):
Seine Frau will raus; seine Geliebte will ein Kind. Die Beschwerden, die er sich bei seiner einstigen Babysitterin geholt hat, machen ihm das Lieben zur Qual. Der Filmemacher, für den er arbeitet, will sein Leben verfilmen: als Dokumentation eines Fehlschlags. Dies ist die Geschichte des fluchbeladenen Fred Bogus Trumper, des eigenwilligen fahrenden Ritters im Kampf der Geschlecher, der ausschließlich seiner Waffe die Schuld an allam gibt. Seine Beschwerden sind ernster zu nehmen als die von Portnoy - der mußte nie so viel Wasser trinken.

Nachlese
"Die wilde Geschichte vom Wassertrinker" ist der vierte Roman, den ich von John Irving lese. Mein erster Roman von ihm war "Das Hotel New Hampshire", ein Buchgeschenk meines Chefs. Ich brauchte damals - noch Azubi - unglaublich lange, bis ich das Buch durchgelesen hatte, weil ich schlicht nicht in der Lage war, es in einem Rutsch zu lesen. Aber der Autor hatte es mir seitdem angetan :) Es folgte "Garp und wie er die Welt sah" und "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Der letztgenannte Roman ist weiterhin mein persönlicher "Irving-Favorit", dicht gefolgt übrigens von "Owen Meany", der mir von Siobhan letztes Jahr ausgeliehen wurde. "Die vierte Hand", ein  Geburtstagsgeschenk meines Chefs im letzten Jahr, sowie "Witwe für ein Jahr" - ein Eigenkauf - stehen noch im TuB.

Wenn ich John Irving höre, denke ich an skurrile, detailliert gezeichnete Charaktere, witzig-tragische Story, männlicher Protagonist und starke Frauen. Im "Wassertrinker" ist das alles zu finden ... allerdings zu viel und zu sprunghaft.

Irving läßt seinen Roman mit einem Ich-Bericht seines Protagonisten Fred "Bogus" Trumper beginnen, in welchem der Leser auch gleich über einige Dinge aufgeklärt wird, z.B.
- weshalb der Protagonist soviel Wasser trinken muß (urologische "Wassermethode")
- daß der Protagonist  nicht immer aufrichtig ist und recht gut lügen kann
- daß "Bogus" aktuell mit Tulpen zusammenlebt, knapp 28 Jahre ist und seine Frau und seinen Sohn verlassen hat.

Im weiteren Verlauf des Romans springt Irving in den Zeiten vor und zurück, wechselt nicht nur die Orte, sondern auch die Erzählperspektive mehrfach und läßt seinen Protagonisten fiktive Geschichten erzählen bzw. erleben. Ich saß ab und an mit dem Buch in der Hand da und überlegte, ob die gerade erzählte Story nun real von Bogus erlebt wird oder ein "Aussetzer" ist.

Hinzu kommen noch längere Passagen, die sich mit Bogus' Doktorarbeit der Übersetzung der über 400 Strophen umfassenden fiktiven altniedernordischen Ballade "Akthelt und Grunnel" befassen. Mit dieser Ballada hat sich Irving einen weiteren sehr schrägen, irgendwie schrottigen Text einfallen lassen, den ich vielleicht gerade deshalb sehr unterhaltsam fand.

Ach ja: Es gibt außerdem noch Beschreibungen von  Filmszenen incl. Soundtrack, aus meiner Sicht übrigens sehr bildhaft und gelungen. 

Es ist auch recht amüsant zu lesen, in welche Situationen Bogus gerät, teilweise eigenverschuldet (z.B. die Stadionflucht), teilweise durch äußere Umstände ("gra,gra" in Wien). Dennoch, so recht sympathisch wird mir Bogus nicht. Er ist zwar bestrebt, sein Leben, in welches er hineingestolpert ist (Kennenlernen und Schwängern Biggis, Heirat, Doktorarbeit, Geldmangel), zu meistern, ist mir dabei aber zu wankelmütig und ausweichend. Bogus braucht lange jemanden, der ihn anstößt, damit er aktiv wird, ob es nun Merril Overturf ist, sein Doktorvater, der Filmmacher Ralph Packer, Biggi oder später Tulpen.

Ich hatte den Eindruck, daß so, wie Bogus lange Zeit nicht weiß, was er will, auch Irving in diesem Roman am hin- und her experimentieren war was Zeit, Struktur und Stil angeht. "Die Struktur ist das A und O" läßt Irving seine Figur Ralph Packer in diesem Roman sagen. Ich stimme dem zu, finde aber, daß es diesem Roman an einer solchen fehlt. Das mag von Irving ganz bewußt so gewollt sein; als Leserin hat mich das aber genervt. Daneben fand ich es auch enttäuschend, daß der Autor Bogus' Odyssee ausufernd über gefühlte 5/6 des Romans beschreibt, der "Erkenntnisphase"  und der Heimkehr (incl. Beziehungsgeflecht zu den zurückgelassenen Personen) jedoch nur gefühlte 1/6 an "Romanplatz" zugesteht. Bogus flieht mehrfach, statt sich den Problemen zu stellen, handelt häufig gedanken- und verantwortlungslos und dann löst Irving die Geschichte so, wie geschehen auf ... Da fehlte mir einfach etwas ... Schade.

Wie ich der deutschen Wikipedia (klick) gerade entnommen habe, handelt es sich bei "Die wilde Geschichte vom Wassertrinker" um Irvings zweiten Roman. Seinen ersten "Laßt die Bären los" kenne ich nicht, aber John Irving hat vielleicht wirklich noch experimentiert, um "seine Stimme" zu finden...

Kommentare:

  1. Hi Natira!
    John Irving zählt zu meinem Lieblingsautoren (früher mal hatte er diese Stellung exklusive inne, jetzt ist er schon lange nicht mehr alleine *gg*), hab einiges von ihm gelesen, dieses hier hab ich jedoch abgebrochen, ist schon lange her, deshalb kann ich mich nur mehr entfernt erinnern, dass es mich irgendwie genervt hat. Aber das dürfte an den von dir ebenfalls bemängelten Gründen gelegen habe.

    Erklär mir nur eins, bitte: was ist "gra,gra" in Wien?
    Ich hab eine Vermutung, könnte aber auch total daneben lieben.

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  2. Hallo Evi!
    Das war auch mein zweiter Anlauf beim "Wassertrinker", daran erinnere ich mich ;)

    *Gra, gra* war das Geräusch des älteren Mannes, der Bogus vor dem Wiener Café "Havelka" ein Paket mehr oder weniger unkommentiert in übergibt ... Hilft das? :)

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  3. Ich hatte durchaus an ein Lokal gedacht, allerdings nicht ans "Havelka", sondern ans "KrahKrah", aber ich denke, das gab es damals, als Irving ein Studienjahr in Wien verbracht hat, noch gar nicht.
    Das Havelka schon, das ist ja in Wien praktisch eine Institution.

    Ich mag Irving ja u.a. deshalb so gerne, weil Wien immer wieder in seinen Büchern vorkommt. War auch schon mal im Vorbild für das "Hotel New Hampshire" drin (kenne die Besitzer).

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  4. "War auch schon mal im Vorbild für das "Hotel New Hampshire" drin (kenne die Besitzer)"
    Das ist ja cool! Ach, das Buch muß ich bei Gelegenheit mal wieder lesen ... ist ewig her ;)

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  5. Oh ja, das muss ich auch mal wieder lesen. Das Problem ist nur: das Buch ist weg! Und mein "Garp" auch! Ich kann mir nicht erklären, wohin. Das kann ich doch nicht allen Ernstes irgendjemandem geborgt haben...
    Scheint aber so. Und dieser irgendjemand hat es nicht zurückgegeben, totale Sauerei! *grummel*

    (Oh, Wortbestätigung ist gerade "stings", yeah, that stings, und "stinks" auch!)

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  6. Von Irving kenne ich lange nicht so viel, wie ich gerne würde - aber nach der Rezi weiß ich zumindest, dass ich diesem Buch so schnell keine Chance geben würde. ;)

    Hm, oder vielleicht sollte ich mir Irving mal in der Reihe, in der er seine Bücher geschrieben hat, vornehmen, um die Entwicklung nachvollziehen zu können.

    Auf jeden Fall scheint mir der Wassertrinker sehr seltsam zu sein ...

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  7. Das ist er, Winterkatze ;) Aber Irvings Romane zeichnen sich alle durch Skurrilitäten aus.

    Um die Entwicklung nachzuvollziehen, wäre natürlich das Lesen in Reihenfolge hilfreich... Aber möglicherweise liest Du dann nicht alle Romane von ihm, was schade wäre.

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  8. Vielleicht sollte ich mir für 2011 eine Irving-Challenge vornehmen, dann würde ich mich wohl brav an allen Romanen versuchen. ;)

    Ohje, das Jahr ist noch nicht halb rum, und ich plane schon meinen Lesestoff für das nächste ...

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  9. @Winterkatze
    *schmunzelt*
    Vielelicht solltest Du Dir für das nächste Jahr nicht gleich alle vornehmen, sondern eines pro Quartal :)

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  10. Aber ... aber das wäre doch viel zu vernünftig! ;)

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  11. @Winterkatze:
    Also wenn du 2011 eine Irving-Challenge machst, bin ich dabei! Ich hab ja viel von ihm gelesen, aber lange nicht alles.
    Mein Vorschlag wäre 6 Bücher - also alle 2 Monate eins, das müsste gehen, oder?
    (dann würde ich mein Vorhaben, alle Bücher von ihm zu lesen, vielleicht auch mal schaffen *gg*)

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  12. @Evi: Erinnere mich einfach im Dezember noch einmal daran, dann sehen wir weiter. Ich neige dazu, mir zuviel für ein Jahr (oder einen Monat oder auch nur eine Woche!) vorzunehmen. ;) Aber wir sollten es im Hinterkopf behalten!

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  13. @Winterkatze:
    Oh mann, und jetzt muss ich mir das merken, oder was? Ist mein Gehirn nicht schon ein paar Tage älter als deins? *gg*

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